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„Borgesian love story told through Google Street View“: Neue Experimente mit „undruckbaren“ Büchern

8 Feb 2016 0 Kommentare

editions-at-play-google-undruckbare-buecherAlle Bücher sind E-Books, manche werden ausgedruckt, manche auch nicht – alleine schon deshalb, weil es technisch gar nicht möglich wäre. Zu dieser Kategorie gehört die Buchreihe „Editions at Play“, mit der bei Google gerade experimentiert wird. „Welcome to our bookstore. We sell books that cannot be printed“, heißt es lakonisch auf der Startseite des neuen Online-Buchladens. Etwas mehr verrät der Google-Blog: es gehe um „Bücher, die sich auf Smartphone und Tablet dynamisch verändern, und dabei alle Möglichkeiten nutzen, die das mobile Web bietet, um Dinge zu tun, die gedruckte Bücher noch nie konnten. Die Integrität des Buches soll dabei erhalten bleiben, zugleich wird mit der digitalen Form gespielt“.

Leser bestimmt den Ort & hat das letzte Wort

Zwei Exemplare der neuen Gattung sind schon online: Entrances & Exits von Reif Larsen, eine „Love-Story in Borges’scher Manier, erzählt mit Google Streetview“, bei der Türen an bestimmten Häusern als Portale in neue Kapitel wie auch an neue Orte überleiten, sowie The Truth About Cats & Dogs von Sam Riviere und Joe Dunthorne, eine Art Tagebuch-Battle der zwei Ko-Autoren, zwischen denen der Leser hin- und her mäandert, und am Ende auch entscheiden darf: wer hat das letzte Wort.

Kulturelle Objekte & literarische Landschaften

Produziert werden die Lese-Apps vom Google Creative Lab in Kooperation mit dem Londoner Startup-Verlag Visual Editions, nach eigenen Angaben spezialisiert auf das Veröffentlichen von Büchern als „kulturelle Objekte“ und das Konzipieren „literarischer Landschaften“. Tatsächlich führen die E-Books von Editions at Play ja in eine Art „Garten der Pfade, die sich verzweigen“ (vgl. Borges), wie ihn die klassischen Hyperfictions der 1980er und 1990er Jahre bereits geboten haben, damals meist rein text- bzw. HTML-basiert. Neu ist natürlich, dass „Lost in Cyberspace“ jetzt auch bedeuten kann, sich in Google Streetview zu verirren, am grundlegenden Prinzip der Hypertextur hat sich jedoch seit Ted Nelson nix geändert.

„Das Web wirbelt die Seiten durcheinander“

Das zeigt auch ein Statement des Google-Entwicklers T.L. Uglow gegenüber Buzzfeed: “Wir haben angefangen, über Seiten nachzudenken. Nimmt man ein Blatt Papier, faltet es und gibt es weiter, wird das ‚Buch‘ genannt, bleibt es aber ein Rechteck mit Text darauf, ist es etwas anderes“. Im Web, so Uglow weiter, gebe es eben nicht mehr den Zwang, Seiten in einer festen Reihenfolge miteinander zu verbinden. „Wir wollten herausfinden: was heißt es, wenn ein Buch nicht mehr auf Seite 1 anfangen muss, und nicht mehr auf Seite 273 enden muss“.

Oder vielleicht Bücher ins Gehirn implantieren?

Vergleichbares haben nun wirklich schon viele andere vorher versucht – am (Buch-)Markt durchgesetzt hat sich das nicht-lineare Erzählen aber bisher nicht, nicht mal als zeitgemäßes „Reader Engagement“ in Kindle-Store-Hyperfictions. Ob’s im Zeichen von Larry Page & Sergey Brin gelingt, die Seiten nachhaltiger durcheinander zu wirbeln? Man darf gespannt sein. Die nächsten zwei Lese-Apps mit formalen Experimenten sind jedenfalls schon angekündigt: „The book that unfolds“ sowie „The book that loses its memory“. Weitere Konzept-Ideen warten noch auf kreative Autoren, Code-Schreiber und Neurochirurgen, darunter „The Story that tells itself“ sowie „The Book that is directly implanted into your cerebral cortex“. Autsch!

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