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[book-review] Mordje Marx Moos, oder: Korrektur eines Familienportraits

27 Okt 2014

Das habe ich nicht gewusst! Das haben wir nicht gewusst! In der Nachkriegszeit wurde kaum ein Satz im familiären Zusammenhang stärker strapaziert. Umso verblüffender, wenn dieselben Worte im 21. Jahrhundert plötzlich in einem Dokumentarfilm auftauchen, der den Titel “Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie” trägt. Die Berliner Dokumentarfilmer Peter Haas und Silvia Holzinger wollten es wissen: sie haben über fünf Jahre und sieben Länder hinweg die biografischen Spuren des Großvaters Eduard Haas verfolgt, geboren 1884 in Trier, ermordet 1942 in Buchenwald.

„Auf dem Bild fehlen Personen, es stimmt nicht“

Auftakt der Dreharbeiten bildet ein Familientreffen im Jahr 2009, das erstmals die Mitglieder der weit verstreuten Verwandtschaft wieder zusammenbringt. Zugleich wird es zum Anstoß der vertieften Recherche. Denn mit dieser Familienaufstellung ist Peter Haas nicht einverstanden. In “Mordje Marx Moos”, dem Buch zum Film schreibt er: “Unwillkürlich denke ich: Das Bild stimmt nicht, es gaukelt eine Normalität vor, die es nicht gibt … Auf dem Bild fehlen Personen, es ist unvollständig”

Der Eindruck einer ganz normalen, inzwischen römisch-katholischen Familie, von der Elterngeneration bis zum Grad der Selbsttäuschung aufrecht erhalten, basiert eben unter anderem auf der Ausrottung der jüdischen Verwandschaft durch die Nazis. An der Vergangenheit vor 1945 wagt (fast) niemand zu rühren.

Making-Of inklusive: Doku- plus Meta-Fiktion

Dabei liegen die Spuren der Geschichte gar nicht mal so verborgen, wenn man nur hinschauen möchte. Recht schnell landen Haas und Holzinger in Hottenbach, einem kleinen Dorf mitten auf dem Hunsrück. Der Besuch eines überwucherten jüdischen Friedhofs bringt unter vermoosten Grabsteinen immer wieder den Namen Haas zum Vorschein. Der Besuch bei einer Heimatforscherin belegt: genau hier wurde zu Napoleons Zeiten aus einem Mordje Mendel, Sohn von Mendel Marx, ein amtlich registrierter Benjamin Haas. Zur Auswahl standen auch Namen wie Jacoby, Wolf oder Moos.

Wäre die deutsche Geschichte an mindestens zwei Stellen anders abgebogen, könnte Peter Haas auch Mordje Marx Moos heißen. Der Titel des Buches ist Programm: immer wieder wird nicht nur familiäre Geschichte rekonstruiert, sondern auch fingiert, um Leerstellen mit möglichen oder wahrscheinlichen Details zu füllen. “Mordje Marx Moos” ist also Doku-Fiktion, zugleich aber Meta-Fiktion, denn man begleitet die Erzähler bei den Recherchen, die den Plot erst möglich machen.

Immer wieder treiben dabei Zufälle die Handlung voran, fast wie bei einer klassischen Schatzsuche tauchen neue Hinweise auf, verloren geglaubtes Material, Umwege führen überraschend zum Ziel.

Topografische Zufälle, historische Abgründe

So stellt sich heraus: Das ehemalige Haus des Großvaters, der bis zur Wirtschaftskrise 1929 eine Drogerie führte, steht noch mitten in Trier. Es wurde nie zerstört, aber baulich stark verändert, und beherbergt heute, wie passend, ein Kino. Am Ende wird dort auch die Premiere des Films stattfinden. In Schweden wiederum, Fluchtort für einen Teil der Familie, findet sich ein Koffer voller wertvoller historischer Dokumente, verwandtschaftliche Bezüge verweisen auf eine unbekannte Lyrikerin namens Elise Haas und auf … Karl Marx.

Andere Wege führen in historische Abgründe. Im Gebäude des Berliner Brüdervereins, wo Großvater Eduard Haas in den goldenen Zwanzigern mit seiner aus Posen stammende erste Frau den Hochzeitswalzer aufs Parkett legte, residierte nach 1933 ausgerechnet Adolf Eichmann. Und der Name des Großvaters, so stellt sich heraus, taucht im Jahr 1942 an prominenter Stelle in den staatspolizeilichen Meldungen des Reichssicherheitshauptamtes auf – im Zusammenhang mit der Organisation “illegaler Fluchthilfe”. Wenige Monate später erhält die Witwe Post vom Lagerkommandanten aus Buchenwald: ihr Mann ist „verstorben“, “gegen die Ausfolgung der Urne bestehen keine Bedenken”.

“Mordje Marx Moos” ist nicht einfach nur ein Buch zum Film, sondern enthält ganz dem Trend zum Transmedia Storytelling folgend auch viel neues Material und zusätzliche Erzählstränge. Zugleich findet der Text aber auch eine ganz eigene Bildsprache, man kann das Buch wirklich – wie im Klappentext behauptet – als “literarisches Debüt” von Haas und Holzinger bezeichnen.

Das Zittern der hellen Kreidelinie

Über die Abfahrt zu den schwedischen Verwandten der Familie Haas von Rügen aus heißt es z.B.: “Während die Fähre sich vom Festland entfernt, nimmt das Deck die Schwingungen der Dieselaggregate und den Wellengang der Ostsee auf, sodass unser Stativ vibriert und die Kamera nichts als Erschütterungen aufnimmt. Ich zeichne das Zittern der hellen Kreidelinie seismografisch auf, den bröckelnden Saum Deutschlands, an welchem halbe Buchenwälder ins Meer stürzen und das Land für immer verloren geht”.

Eigene Wege gehen die Autoren-Filmer auch bei der Vermarktung – den Doku-Streifen gibt es nur live auf einer Filmtournee quer durch Deutschland zu sehen, so möchte es die Familie. Das Buch wiederum erscheint Print Only, herausgegeben im Eigenverlag. So möchten es Haas und Holzinger (vgl. das Interview auf E-Book-News): “Der Film ist nicht anders als die brüchige Erinnerung, von der er erzählt. Wenn der Film wieder verschwunden ist, bleibt wenigstens das Buch. Verknappung macht die künstlerische Arbeit wieder ein Stück wertvoller”.

Hinweis: „Mordje Marx Moos“ ist im Eigenverlag erschienen, ebooknews press – das Verlagslabel von E-Book-News – leistet Vertriebsunterstützung und tritt als Wiederverkäufer auf, deswegen kann man das Buch auch direkt in unserem E-Store kaufen (s.u.).


Silvia Holzinger & Peter Haas,
Mordje Marx Moos
Taschenbuch, 230 Seiten
14,90 Euro (lieferbar via ebooknews press)