Boob Tubes Rache: Self-Publishing-Titel stürmen New York Times-Bestsellerliste

Der Buchmarkt in den USA erlebt im Moment die zweite E-Book-Revolution: erst eroberten elektronische Bücher Marktanteile und kletterten in die Bestseller-Listen. Alleine das war im letzten Jahr eine Sensation, wenn auch angetrieben von herkömmlichen Verlagen. Doch 2012 schreibt nun die Self-Publishing-Bewegung Mediengeschichte. Bestes Beispiel ist die aktuelle E-Book-Bestsellerliste der New York Times. Alleine sieben Titel aus den Top 25 wurden über die Self-Publishing-Plattform Smashwords an die Spitze katapultiert. Darunter gleich zwei Titel von Colleen Hoover („Slammed“, Platz 8; „Point of Retreat“, Platz 18) sowie drei Titel von Bella Andre („If You Were Mine“, Platz 22, „Can’t Help Falling in Love“, Platz 23, und „I Only Have Eyes for You“, Platz 24). Ein doppelter Erfolg – denn zusätzliche Sichtbarkeit garantiert zusätzlichen Absatz, von dem mindesten 60 Prozent bei den Autoren ankommt.

Smashwords ist ein Produkt der Gutenberg-Galaxis

Aber schön der Reihe nach. Schon mal von einem Buch namens „Boob Tube“ gehört? Hinter dem Namen verbirgt sich ein Soap-Opera-Schlüsselroman. Knapp zehn Jahre ist es her, da gaben die Boob-Tube-Autoren Mark und Lesleyann Coker sich alle Mühe, das Manuskript den großen New Yorker Verlagen schmackhaft zu machen. Ohne Erfolg: die Nachwuchstalente schauten in die Röhre, trotz aller Bemühungen ihres Literaturagenten. Das war Pech. Allerdings nicht für Boob Tube. Sondern für die Verlage – zumindest langfristig. Denn ein paar Jahre später gründete Mark Coker die Self-Publishing-Plattform Smashwords. 2008 brachte Smashwords 140 E-Books heraus, 2011 waren es schon 90.000, in den ersten sechs Monaten von 2012 schließlich mehr als 140.000 Titel.

Schon das klingt nach einer beachtlichen Leistung. Doch der Bestseller-Coup gibt Smashwords nun den eigentlichen Ritterschlag. „Es ist schon eine große Sache, wenn nur ein einziger Smashwords-Autor auf der NYT-Bestellerliste steht, bei vier Autoren in einer Woche natürlich erst recht“, freut sich Mark Coker auf dem Smashwords-Blog. „Vor einem Jahr wäre das noch absolut unvorstellbar gewesen. In einem Jahr wird es dagegen schon alltäglich sein. Vielleicht wird der nächste Bestseller schon in den nächsten zwei Minuten hochgeladen…“

Filterlose Literatur: Ohne Verlag in die Bestseller-Liste

Wie stark sich die Spielregeln der Gutenberg-Galaxis damit verändert haben, macht teleread-Kolumnist Dan Eldridge deutlich: „Das erstaunliche ist: rein theoretisch kann jeder ein Buch schreiben und es über Smashwords vertreiben. Oder um es anders zu formulieren: Theoretisch kann jeder ein Buch schreiben, und wird es, ohne auch nur mit einem einzigen Literaturagenten oder einem Verlag zu sprechen, irgendwann womöglich auf der Bestseller-Liste der New York Times wiederentdecken.“

Natürlich sind die Chancen für den einzelnen Self-Publishing-Autor eher gering, und das sogar ganz unabhängig von der Qualität des jeweiligen Textes. Denn auch in der digitalen Aufmerksamkeits-Ökonomie ist der Platz begrenzt. Doch immerhin sind auch die oberen Ränge des Literaturbetriebs nicht mehr für Clubmitglieder reserviert, es kann also immer mehr Überraschungen geben. Das dürfte nicht zuletzt die Leser freuen – das Angebot wird bunter, und natürlich auch unangepasster. Selbst das durchaus lesefreudige Publikum von Soap-Operas wird bedient. Denn zu den ersten via Smashword veröffentlichten Romanen gehörte nicht ganz zufällig auch „Boob Tube“.

Abb: me vs gutenberg/Flickr

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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