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Blinkist, ein Service für Sachbuchverschlinger: alle Inhalte, in 15 Minuten — macht das Sinn? (tl;dr: Nee.)

10 Dez 2018

blinkist-schneller-lesen-serviceSpeedreading, da ist es wieder. Diesmal zum Glück nur für Non-Fiction, und nicht als Buchstaben-Schnellaufband: unter dem Markennamen „Blinkist“ werden innerhalb von 15 Minuten konsumierbare Zusammenfassungen von Sachbüchern angeboten, inzwischen gibt es diesen Service auch auf Deutsch. Also sozusagen ein Readers Digest für den Online-Leser. Jedes Kapitel wird als eigener „Blink“, übersetzt also etwa „Augenblick“, in wenigen Sätzen zusammengefasst, am Ende gibt es dann noch mal ein ganz kurzes Abstract („Kernaussage“ genannt) des gesamten Buches.

Speedreading als semantische Sackgasse

Das gute an diesem Konzept ist sicherlich, dass es nicht auf die extreme Verkürzung von Inhalten setzt, wie z.B. bei den „Sekundenbüchern“ für die Apple Watch, und genausowenig auf die Beschleunigung des Lesevorgangs à la Spritz oder Word Runner. Denn ein Kapitel lässt sich kaum in einem Tweet zusammenfassen, und wer einen 200-Seiten-Text in 30 Minuten an sich vorbeiziehen lässt, hat auch nicht viel davon, denn die zum tieferen Textverständnis notwendigen kognitiven Prozesse lassen sich auf diese Weise nachweislich nicht umgehen.

Wie wäre es mit dem Klappentext?

Das E-Book-Zeitalter legt andererseits natürlich zeitverkürzende Lektüre nahe — schließlich sind Bücher auch viel schneller verfügbar, innerhalb von Sekunden. Und beim Lesen von Webtexten sind wir auch auf das Querlesen, das „Scannen“ konditioniert. Bei längeren Texten funktioniert das aber nicht. Doch löst Blinkist das Problem durch die gute alte Digest-Methode (immerhin von Autoren geschrieben und nicht von Algorithmen)? Leider auch nicht. Wer eine gute Buchkritik liest, den Klappentext oder – via Onlineleseprobe – die Einleitung, bekommt Zusammenfassungen in weitaus besserer Qualität, bei der Einleitung auch noch in der Tonalität des Autors, bei der Rezension auch noch mit einer Einordnung des Textes in den Kontext. Und im Netz – siehe Perlentaucher – bekommen eilige Leser sogar Zusammenfassungen von Rezensionen.

E-Book-Singles als bessere Lösung

Außerdem gibt es längst ein fertiges Produkt bzw. Konzept, um Buch-Inhalte „schneller“ — was die Lesedauer betrifft — in elektronischer Form unter die Leute zu bringen: die E-Book-Singles, Texte, die man meist in 30 bis 45 Minuten konsumieren kann, wenn sie gut geschrieben sind, als eine Art Essay, dann auch mit Genuss. Einer der ersten Erfolge dieser Art war Jeff Jarvis‘ „Gutenberg The Geek“, und es gibt eine Menge Nachfolger. Wer noch ein bisschen mehr Zeit hat, kann sie auch in Mittelstreckentexte investieren, wie sie etwa Verlage à la Mikrotext oder Sukkultur anbieten.

Und wer braucht dann überhaupt Blinkist? Der Guardian hat einen möglichen Use-Case schön zusammengefasst: „it may appeal less to a time-poor, avid reader than a sweating businessman, crouched in a golf course toilet, trying to quickly brush up on his knowledge of politics or astrophysics to impress his boss.“

(via The Guardian)