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Blame it on Suhrkamp: „E-Books sind Unfug, Beschiß und Niedergang!“

6 Feb 2014

„E-Books sind ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang!“: Menschen, die ins Internet schreiben, bescheren uns immer wieder neue Rants, Tiraden & Phillipiken gegen all das, was auf Bildschirmen zu lesen ist. Eine besonders forsche Attacke reitet gerade Buchgestalter und Typograf Friedrich Forssmann, bekannt als Setzer von Arno Schmidts gesammelten Werken, „Zettel’s Traum“ inklusive. Forssmann folgt mit seiner E-Book-Schelte zugleich einem aktuellen Trend – denn nicht Bild.de, Youtube oder Facebook werden im Kindle-Zeitalter vermehrt zur Zielscheibe der Kritik, sondern ausgerechnet die Versuche, das Buch im elektronischen Medium so gut wie möglich zu simulieren.

Trotzdem bleiben E-Books natürlich genau das – eine Simulation, weit davon entfernt, perfekt zu sein: das Papier ist nicht echt, das „Umblättern“ ist keins, weil es beim Branchenstandard epub bzw. mobi keine Seiten gibt, sondern automatisch umgebrochenen Fließtext: eigentlich lesen wir auf Reader oder Tablet nur häßliche HTML-Seiten. „Zur Ästhetik des E-Books kann ich gar nichts schreiben, denn es gibt sie nicht“, schreibt Forssmann deswegen ganz zurecht. Aus Sicht eines Buchsetzers und Typografen, aber auch eines bibliophilen Lesers sind E-Books tatsächlich suboptimal – E-Reader stellen bisher nicht viel mehr dar als Textbrowser.

„Sie dürfen ein E-Book nicht weiterverkaufen“, wieder hat Forssmann recht. Schon der angebliche „Einkauf“ des E-Books ist ebenfalls Simulation, in den meisten Fällen „kaufen Sie nur eine Lizenz“. Außerdem sind die Texte auf cloudbasierten, vernetzten Lesegeräten weder vor Löschung oder Zensur geschützt, private Lektüre ist im Normalbetrieb nicht möglich. „Wer nicht am Cupertino-Syndrom leidet, weiß: Das ist nicht praktisch, das ist gespenstisch“. Stimmt. Tatsächlich nimmt das E-Book in der aktuell gehandelten Form viele „seit Jahrhunderten bewährte und bestätigte Fortschritte“ der Buchkultur zurück. Wobei man gerechter Weise sagen muss: es sind die Verlage selbst, die aus reinen Profitinteressen diesen Rückschritt befördern, und zu ihnen gehört auch Suhrkamp, wo Arno Schmidts Werke verlegt werden. Letztere allerdings bisher nur auf Papier.

Und dabei soll es auch bleiben, fordert Forssmann. Die absurde Grundthese des Debattenbeitrags lautet: nur absolute Fortschrittsverweigerung schützt uns vor der drohenden Verdrängung von guten Büchern durch schlechte E-Books. „Wir wollen ja nicht, daß das Buch gnädigerweise in Form pralinenschachtelartig überdesignter Geschenkdinger oder Prachtausgaben überleben darf, sondern daß alles, was wert ist, gelesen zu werden, weiterhin gedruckt wird“, bringt er es auf den Punkt. Und skizziert damit ein autoritär verordnetes, post-medienapokalyptisches Kulturreservat, das mich eher an einen literarischen Jux aus Arno Schmidts Spätwerk erinnert (siehe „Die Schule der Atheisten„)…

Spätestens an diesem Punkt kann ich Forssmann aber ohnehin nicht mehr folgen. Denn die „Bargfelder Ausgabe“, also die maßgebliche Arno Schmidt-Werkausgabe, erschien bereits 1998 in elektronischer Form, genauer gesagt als CD-Rom-Version. Primär war sie freilich nicht für die normale Lektüre gedacht, sondern als qualitativ hochwertiges, zitierfähiges Arbeitsmittel für Literaturwissenschaftler. Parallel zirkulieren jedoch auch viele Romane von Arno Schmidt – etwa die dystopischen Sci-Fi-Klassiker „Gelehrtenrepublik“ und „KAFF“ – als inoffizielle Digitalisate im Internet. Viele Schmidt-Leser sind nicht ganz zufällig männlich und technikaffin: Gerade weil es Arno Schmidt nicht als E-Book gibt, gibt es Arno Schmidt schon lange als E-Book. Der Autor selbst war in punkto Technik ebenfalls nicht zimperlich – das meiste Geld verdiente Schmidt in den 50er und 60er Jahren nicht mit gedruckten Büchern, sondern mit Radio-Essays.

Abb.: Flickr/Isaac Mao (cc)