Bibliotheken & E-Books: Streit um teure Lizenzen

Nicht nur „Google Books“ scannt Bücher ein. Viele Bibliotheken haben begonnen, ihre eigenen Bestände in elektronischer Form zugänglich zu machen. Mit Services wie „E-Books on Demand“ werden oft sogar gegen Gebühr einzelne Titel konvertiert und dem Benutzer per E-Mail zugeschickt. Kein Problem, solange es sich um Bücher handelt, deren Urheberschutz längst abgelaufen ist. Bei aktuellen Titeln sieht es dagegen etwas anders aus. Die Unibibliothek der TU Darmstadt etwa hat in ihrem Lesesaal elektronische Versionen von Lehr- und Fachbüchern bereitgestellt, die von den Bibliothekaren selbst eingescannt wurden. Auch andernorts geht man in Deutschland so vor und beruft sich dabei zum Ärger vieler Verlage ausgerechnet auf das Urheberrechtsgesetz. Sind Bibliothekare, die Bücher einscannen, Copyright-Verbrecher?

Tatort Bücherregal: Sind Bibliothekare, die Bücher einscannen, Copyright-Verbrecher?

Ähnlich wie bei Musik und Filmen ist in manchen Fällen das Kopieren kein Verbrechen, sondern gutes Recht. Erst recht, wenn es um Forschung und Wissenschaft geht. Das UrHG erlaubt nämlich öffentlichen Bibliotheken die „Wiedergabe von Werken an elektronischen Leseplätzen“, wenn sich die Bücher selbst bereits in ihrem Besitz befinden. Doch nicht nur das: die Nutzer dürfen sich auch von Teilen der Bücher Kopien für den privaten Gebrauch machen. Nach Ansicht von Verlagen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist diese Praxis jedoch illegal. Ein Streitpunkt dabei: das liebe Geld.

E-Book-Lizenzen sind für die Verlage ein gutes Geschäft

Laut Gesetz ist „für die Zugänglichmachung ist eine angemessene Vergütung zu zahlen“. Doch damit ist es offenbar nicht weit her. Christian Sprang, Justitiar beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels beklagte sich kürzlich gegenüber dem Deutschlandfunk: „Die Uni Darmstadt stellt einfach ihre Terminals hin, scannt dann die 100 beliebtesten Lehrbücher, ohne die Verlage zu fragen und ohne dafür irgendwie gesondert zu zahlen.“ Tatsächlich ist das Geschäft mit „offiziellen“ E-Books für die Verlage weitaus erfreulicher. Solche E-Book-Lizenzen gelten meist nur für einen begrenzten Zeitraum und müssen regelmäßig verlängert werden. Mit DRM (Digital Rights Management) wird dabei die Ausleihfrist, d.h. die Lesedauer auf einem Terminal oder einem Laptop begrenzt, ebenso die Anzahl der gleichzeitigen Ausleihen.

Bibliotheken und private Dienstleister verschmelzen zur gebührenpflichtigen E-Library

E-Books bringen auf jeden Fall das bisherige Bild von Bibliotheken ins Wanken. Marion Prudlo macht in einem Beitrag für die Zeitschrift „Bibliotheksdienst“ einen zentralen Unterschied aus: „Mit dem Kauf eines E-Books geht nicht unbedingt eine Kopie in den Besitz der Bibliothek, sondern der Besitz wird nur über den Zugriff auf den Server des Lieferanten garantiert.“ Tatsächlich verschmelzen Bibliotheken und private Dienstleister immer stärker miteinander. Der Zugang zu den virtuellen Büchern wird mittlerweile oft über „Aggregatoren“ vermittelt, also Unternehmen, die Angebote einzelner Verlage zusammenfassen. So bieten etwa Xrefer und Oxford Reference Online den Zugang zu zahlreichen Online-Nachschlagewerken. Dienstleister wie netlibrary und ebrary haben sich auf Komplett-Angebote quer durch alle Fachbereiche spezialisiert. Beide zusammen haben über 300.000 Titel im Angebot, Zeitschriften nicht mitgerechnet. Wieviel die Bibliotheken für solche Dienste bezahlen müssen, hängt oft von der Größe der Universitäten ab. So berechnen einzelne Unternehmen den Gesamtpreis etwa anhand der Zahl der Postgraduates (also der Doktoranden).

Die schöne neue Welt der E-Bibliotheken ist kommerzieller als früher

Die schöne neue Welt der E-Bibliothek ist in jeglicher Hinsicht kommerzieller als früher: viele E-Book-Lizenzen sind teurer als der Kauf von gedruckten Versionen. Doch gerade im Bereich der Natur- und Sozialwissenschaften arbeiten auch viele deutsche Bibliotheken mit Firmen wie etwa Netlibrary zusammen, so z.B. die Unibibliotheken der LMU München oder die HU Berlin. Auch die TU Darmstadt hat bereits mehr als 8000 lizensierter E-Books in ihrem Katalog. Unter den Anbietern sind die Verlage wie Routledge, DeGruyter oder Springer, aber etwa auch ein Online-Buchhändler wie Ciando. Nicht im Programm hat man jedoch elektronische Bücher des Ulmer Verlages. Der wollte nämlich Lizenzen nur vergeben, wenn die Bibliothek ein „nutzungsabhängiges Entgelt“ zahlen würde. Dadurch sah man in Darmstadt unkalkulierbare Kosten auf sich zukommen — und scannte die Titel lieber selbst ein. Am 13. Mai wird nun das Landgericht Frankfurt am Main über den Fall entscheiden. Die Piraten-Fahne weht jedoch auch bis dahin nicht über dem südhessischen Campus. Georg Nolte-Fischer, der Darmstädter Bibliotheksdirektor: „Wir weisen darauf hin, das es nicht erlaubt ist, an den Terminals alle Kapitel eines Werkes zu kopieren, im Sinne des Ausdrucks oder im Sinne eines Downloads auf einen USB-Stick.“

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".