Bezos & die WaPo: „Baut einen Kindle-Printer, & schließt die Druckerei“

„Wir werden experimentieren müssen“, schrieb der zukünftige Washington-Post-Eigentümer Jeff Bezos in einem offenen Brief an die Mitarbeiter. Doch was heißt das? Kann man die WaPo bald nur noch auf dem Kindle lesen? Bezos selbst hielt sich in dieser Frage auffällig zurück. An konkreten Vorschlägen von dritter Seite mangelt es dagegen nicht – besonders spannend finde ich, was Drew Meyers gerade auf Geekwire gepostet hat: der Internet-Entrepreneur schlägt vor, die Zeitung auch weiterhin noch zu drucken, nur nicht mehr zentral in einer großen Druckerei. „Was wäre, wenn die Vertriebskosten in ihrer jetzigen Form nicht mehr existieren würden? Was wäre, wenn die gesamte Distribution via Crowdsourcing an lokale Unternehmer übergeben wird, die das Geschäft für die jeweilige Zeitung übernehmen?“

Dezentrales Netzwerk aus Digitaldruckern

Dabei denkt Meyers also nicht an einen Kindle-Printer für jeden Haushalt, der die Gazetten ähnlich individuell ausdruckt wie ein privater Fotoprinter die Schnappschüsse vom letzten Urlaub. Stattdessen geht die Idee davon aus, eine öffentliche Infrastruktur aus dezentralen Digitaldruckern aufzubauen, mit denen sich eine begrenzte Anzahl von Exemplaren herstellen lässt, die dann lokal von den traditionellen Paperboys und Papergirls vor die Türen der Leser geworfen werden. Dabei setzt Meyers auf Selbstorganisation – in welcher Nachbarschaft so etwas funktioniert, sollen die Leute selbst entscheiden bzw. ausprobieren.

„Passt gut in die Sharing-Economy“

Doch auch wenn sich eine lokale Lesercommunity auf diese Weise einen Drucker teilt, entstehen natürlich Kosten. Um das Modell in Gang zu bringen, so Meyers, könnte der Zeitungsverlag deswegen bestimmte Betriebskosten subventionieren, etwa die Ausgaben für das Papier. Schließlich habe das Blatt ja alleine schon wegen der Anzeigenerlöse auch ein Interesse daran, die gedruckte Ausgabe unter die Leute zu bringen, solange sich die Kosten im Rahmen halten. „Diese Herangehensweise passt sehr gut in die Sharing Economy, und ich glaube, sie könnte die Zeitung aus Papier wieder zur Realität werden lassen, ohne dass die Zeitungsverlage dabei verlieren würden.“

Bezos: „Gedruckte Zeitung in 20 Jahren verschwunden“

Bezos selbst prophezeite in einem Interview mit der Berliner Zeitung (danke an Jan Tißler für diesen Tipp!) erst Ende 2012: „In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben.“ Wenn überhaupt, dann werde die Print-Zeitung noch als Luxusartikel für die Hotellobby überleben. In vielen amerikanischen Großstädten ist es schon jetzt so weit – lokale Blätter stellen ihr Erscheinen ganz oder teilweise ein, oft gibt es nur noch die Web-Version. Jeff Bezos sah im Interview mit der Berliner Zeitung die große Chance vor allem in digitalen Abos für das Tablet. Doch was wird aus den Lesern, die kein Tablet haben oder die Zeitung weiter auf Papier lesen möchten? Zumindest als Übergangslösung kommt mir das dezentrale „Kindle Printer“-Modell weitaus sympathischer vor…

Abb.: flickr/Esther Vargas (cc)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „Bezos & die WaPo: „Baut einen Kindle-Printer, & schließt die Druckerei““

  1. Hallo Ansgar, die Idee dezentralisierten Druckens und Auslieferns ist nicht gar so neu, kommt aus dem Buchsektor und heute nicht mehr exklusiv: „These neighborhood machines for making paperbound books can, like ATMs, be placed wherever electricity and supplies of paper exist—whether in Kinko’s, Starbucks, or high school and university libraries and residence halls, to name only a few possible sites.“ Jason Epstein 2001: http://www.nybooks.com/articles/archives/2001/jul/05/reading-the-digital-future/?pagination=false

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