Home » E-Book-Handel

Bestseller oder Best-Give-Away? Kostenlose E-Books für den Kindle als Erfolgsmodell

25 Jan 2010

amazon e-book gratis free pricing.gifKostenlos als Geschäftsmodell? In Amazons E-Store für den Kindle-Reader scheint das zu funktionieren. Immer mehr Autoren und Verlage gelangen mit Gratis-E-Books an die Spitze der Beliebtheitsskala. Das Kalkül dahinter: den Verkauf anderer Ausgaben – ob digital oder Print – kräftig anzukurbeln. Doch bei aller Experimentierfreude werden für das Umsonst-Marketing meistens Titel aus der Backlist genutzt.

Free is not a business model? Von wegen..

Kaum ein Aspekt von E-Books ist so umstritten wie das Pricing – denn in der Praxis reicht die Spanne vom Hardcover-Preis bis zu Null komma null. Das Gesetz der digitalen Ökonomie macht’s möglich – schließlich entstehen beim Absatz von E-Books praktisch keine Vertriebskosten. Das ermöglicht ganz neue Marketing-Strategien – etwa das Ankurbeln der Print-Verkäufe durch Gratis-E-Books. Wie Chris Anderson in seinem Bestseller „Free – The Future of a radical Price“ ganz richtig feststellt, ist kein Produkt so konkurrenzfähig wie eben ein kostenloses. Den Beweis hat er selbst angetreten: in den USA brachte Anderson sein Buch über zeitlich befristete Gratis-Downloads direkt auf die Bestsellerliste der New York Times.
„Free is not a business model“, zitierte die New York Times nun Harper Collins Chef Brian Murray. Auch viele deutsche Verlage denken so – trauen sich aber immerhin, im Internet kostenlose Leseproben vieler Titel anzubieten.

Gratis-E-Books stürmen die Bestseller-Listen

In den USA ist man offenbar schon etwas weiter – selbst bei Harper Collins. Die New York Times führt verschiedene Beispiele an, wie Autoren mit der Umsonst-Strategie auch zum kommerziellen Erfolg gelangt sind. Kürzlich rückten etwa „Cape Refuge“ und „Southern Storm“ auf Platz 1 und 2 der Kindle-Charts vor – nicht ganz zufällig: die beiden Thriller aus der Feder von Terri Blackstock gibt’s nämlich bis Ende Januar gratis. Hinter der Aktion steckt Blackstocks Verlag Zondervan – der wiederum zu Harper Collins gehört. Ähnlich erfolgreich war aber auch „Suite Scarlett“: der Debütroman von Maureen Johnson schaffte es immerhin auf Platz 3 der Kindle-Bestseller. Die Hardcover-Version der Fortsetzung, „Scarlett Fever“, kommt im Februar heraus – für genügend Aufmerksamkeit ist jetzt zumindest gesorgt. “Gehen die Leute in einen Buchladen, sehen sie normalerweise tausende Bücher aus Stephenie Meyers ‚Twilight Serie‘. Mein Buch liegt irgendwo darunter begraben“, so Johnson gegenüber der NYT zum grundlegenden Problem für B-Autoren.
„Wenn man ganz oben auf der Bestseller-Liste steht, ist das für sich allein genommen bereits Publicity“, bestätigt auch ihre Autorenkollegin Brandilyn Collins, das dritte von der NYT angeführte Beispiel. Ihre Romane “Exposure” and “Dark Pursuit” sind immer noch umsonst zu haben und rangieren auch weiterhin unter den Top 10. Über die Qualität sagen reine Download-Zahlen natürlich nichts – gerade Werke aus dem Bereich der „Christian Fiction“ wie etwa Blackstock oder Collins stoßen bei der Mainstream-Kritik auf Ablehnung. Doch nicht umsonst hat Chris Anderson in „Free“ veranschaulicht: ein Preis von 0 Cent ist in jeder Wettbewerbssituation zunächst einmal das entscheidende „Verkaufs-„Argument.

Die Risikofreude ist bei Titeln aus der Backlist am größten

Eins fällt zudem auf: meistens handelt es sich bei den „Giveaways“ um ältere Titel. Mit ihnen gehen die Autoren kein großes Risiko ein. Auch echte Bestseller-Autoren in den USA sind bei Titeln aus der Backlist experimentierfreudiger – in letzter Zeit gab es öfter Berichte über Amazon-Deals, die gegen eine Niedrigpreis-Garantie eine besonders günstige Tantiemen-Regelung versprachen: mindestend fifty-fifty. Neuerdings bietet Amazon über die Self-Publishing-Plattform DTP sogar siebzig Prozent Umsatzbeteiligung an. Das dürfte das Angebot an günstigen E-Books weiter anwachsen lasen. Für viele Veröffentlichungen aus den Neunziger Jahren liegen oft die E-Book-Rechte noch bei den Autoren, da die Verträge damals noch keine expliziten Regelungen enthielten. Ob auch die deutschen Leser davon profitieren, bleibt allerdings abzuwarten. Bisher beschränkt sich die Experimentierfreudigkeit vieler Verlage eher auf die Entscheidung, ihre Backlist wie auch aktuelle Titel überhaupt als E-Book zu verkaufen.