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„Ich kenne meine Leser“: Marketing-Guru Seth Godin verabschiedet sich vom traditionellen Print-Verlag

24 Aug 2010

sethgodin-e-book-selfpublishing-bestsellerSeth Godin wird keine Bücher im traditionellen Sinne mehr veröffentlichen. In einem Blogpost teilte der US-Bestsellerautor und Marketingexperte seiner Lesergemeinde mit, zukünftig komplett auf Self-Publishing zu setzen. Neben E-Books, Hörbüchen oder Apps wird es neue Ratgeberliteratur aus Godins Feder als Print-On-Demand geben. Auf einen klassischen Verlag zu verzichten, ist für eine prominente Netzpersönlichkeit wie Godin kein Problem – sein Blog hat mehr als 400.000 Leser.

Godin setzte schon 2001 auf virales Marketing mit Gratis-E-Books

Die Kombination Marketing-Genie und Erfolgsautor klingt bereits nach einer Win-Win-Situation. Noch besser wird’s natürlich, wenn man wie Seth Godin auch noch über Marketing schreibt. Der Bestseller-Autor aus New York hat in den letzten 15 Jahren knapp ein Dutzend Ratgeber geschrieben, die sich um Online-Geschäftsfelder drehen. Und war dabei der Konkurrenz meist um Jahre voraus. Bereits in seinem 1995 veröffentlichten eMarketing-Klassiker lautete der Untertitel: „Reaping Profits on the Information Highway.“ Dass man jemals Geld mit dem Internet verdienen könnte, schien da noch in weiter Ferne zu liegen. Auch E-Books nahm anfangs niemand so wirklich ernst. Seth Godin brachte bereits 2001 das Buch „IdeaVirus“ in elektronischer Form heraus. Godins Ratgeber zum viralen Marketing konnte man sogar gratis im PDF-Format downloaden. Das garantierte dem Ideen-Virus nicht nur maximale Reichweite, sondern zugleich auch hohe Aufmerksamkeit.

Erst Bücher in lila Tetrapaks, dann der Abschied vom Verlag

Hohe Aufmerksamkeit dürfte dem Bestseller-Autor nun wohl mit seinem Verzicht auf klassische Verlagsdienstleistungen gewiss sein, obwohl er diesmal nicht ganz der erste ist. Viele seiner US-Kollegen – wie etwa Stephen Covey – veröffentlichen mittlerweile direkt bei Amazon, manche sogar exklusiv. Gerade für einen Autor wie Godin lag Self-Publishing allerdings in der Luft. „Traditional book publishers use techniques perfected a hundred years ago to help authors reach unknown readers, using a stable technology (books) and an antique and expensive distribution system“, schreibt Godin in seinem aktuellen Blogpost. Doch Barrieren wie „stores, distributors, media outlets, printers, publishers“ – dürfte Godin nie für unüberwindbare Hindernisse gehalten haben. In den Neunziger Jahren gründete er Unternehmen wie den Online-Direkvermarkter Yoyodyne, und arbeitete dann bei Yahoo als Marketing-Chef. Eine lila Kuh auf dem Yahoo-Gelände in Sunnyvale/Kalifornien erinnert noch heute an diese Phase, eine Anspielung auf Godins Buch „Purple Cow: Transform Your Business by Being Remarkable“. Eine lilafarbiges Tetrapak als Verpackung machte den Titel zum Hingucker im Bücherregal. Das war 2003. Im Jahr 2008 konnte man dann von Godin lernen, wie man sich zum Anführer von Internets-Tribes macht, und die Horde von Followern, Friends und Subskribenten zur Monetarisierung der eigenen Projekte nutzt. Als besonderer Appetizer wurden die ersten 3000 Käufer Mitglied einer exklusiven Online-Community. Dann kam die Wirtschafts- und Finanzkrise. Godins jüngster Ratgeber fragt angesichts der Orgien von Outsourcing und Downsizing wohl nicht ganz zufällig: „Sind Sie verzichtbar?“

“Know your Readers“: Das Internet als Beziehungsmotor

Genau dasselbe darf sich nun wohl Godins Verlag fragen, aber auch die US-Verlagsbranche insgesamt. Wer seine Leser so gut kennt wie Godin, braucht keinen Vermittler mehr. „What the Internet has done for me, and a lot of others, is enable me to know my readers“, äußerte sich der Bestseller-Autor gegenüber dem Wall Street Journal. Auf seinem Blog gab er zugleich auch einer gewissen Frustration gegenüber der innovationsfeindlichen Verlagswelt Ausdruck: „I honestly can’t think of a single traditional book publisher who has led the development of a successful marketplace/marketing innovation in the last decade.“ In der Zukunft wird Godin nun also bestimmte Vorleistungen wie Satz und Layout bei externen Dienstleistern einkaufen, dann aber die Titel selbst vermarkten. „After those fixed costs, your idea is packaged as you want, and it can then be put on sale next to other potential best-sellers on Amazon and elsewhere“. Das allerwichtigste für einen Autor, so Godin gegenüber dem WSJ, sei deswegen zukünftig der Aufbau einer direkten Beziehung zum Leser.

Audiobooks als direkter Draht zum Ohr des Lesers

Wie das geht, hat Godin selbst bereits mit Bravour vorgeführt, nicht nur mit seinem eigenen Blog, der mehr als 438.000 regelmäßige Leser erreicht. Die bereits 2005 von Godin gestartete Crowdsourcing-Website Squidoo etwa enthält mittlerweile schon eine Million User-Beitrage und gehört zu den 500 meistbesuchten Web-Adressen weltweit. Als besonderes Incentive wird die Hälfte der Einnahmen an die Beiträger ausgeschüttet, weitere fünf Prozent gehen an gemeinnützige Projekte. Näheres zum Squidoo-Modell kann man in Godins parallel zum Launch publizierten E-Book „Everyone’s an Expert“ lesen. Auch nicht unterschätzen für den direkten Zugang zum Leser darf man natürlich die Stimme des Autors. Viele US-Amerikaner kennen den Marketing-Guru nicht nur von öffentlichen Vorträgen, sondern aus dem Kopfhörer ihres iPods. Für die Selbstvermarktung ist das ein entscheidender Vorteil. Ähnlich wie Chris Anderson ist Seth Godin nämlich auch vor dem Studiomikrofon ein äußerst talentierter Rezitator eigener Texte. Zudem nutzt er die Möglichkeit, seine Blogbeiträge mit Podcasts zu ergänzen. Wer solchermaßen Multichannel in einer Person ist, braucht wohl tatsächlich weder Verlag noch Buchhandlung mehr.