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Babelfisch de luxe: „Doppeltext“ erleichtert fremdsprachige Klassiker-Lektüre

28 Okt 2011

Wer liest schon gerne Wörterbücher? Fremdsprachliche Lektüre funktioniert am besten, wenn man Original und literarische Übersetzung nebeneinander legt. Mit der Doppeltext-App geht das geht jetzt auch ganz bequem im Browser – und zwar Satz für Satz. Ob Poe, Balzac oder Gogol, der aktuell gelesene Abschnitt wird per Fingertipp oder Mausklick auf deutsch eingeblendet. Grundlage ist eine spezielle Synchronisierungs-Technologie, die der Münchner Web-Designer und Programmierer Igor Kogan entwickelt hat. Bisher gibt’s die Doppeltexte nur für Klassiker aus dem Public-Domain-Bereich, in Kooperation mit Verlagen könnte demnächst aber auch aktuelle Belletristik dazu kommen.

Echte Übersetzung statt Google Translate

Die Kunst der Übersetzung ist in Zeiten von Google Translate fast schon etwas in Vergessenheit geraten. Manche Vermittler großer Werke sind dabei selbst zu Berühmtheiten geworden. Echte literarische Leckerbissen sind etwa Joyces Ulysses in der Übersetzung von Hans Wollschläger oder Dostojewskis Brüder Karamasow in der eingedeutschten Version von Svetlana Geier. Besonders spannend wird es dabei, wenn man Original und Übersetzung Satz für Satz parallel liest. In der Gutenberg-Galaxis wurden dazu oft spezielle Ausgaben gedruckt, die Original und Übersetzung nebeneinander präsentieren. Wer gerade eine neue Fremdsprache lernt, greift gerne auf solche zweisprachige Ausgaben zurück – auch im E-Book-Zeitalter ist das noch so. Das Nachschlagen von einzelnen Wörtern mag zwar leichter geworden sein, doch die Tradition der Synopse von Original und literarischer Übertragung machte sich bisher auf E-Ink-Displays und Tablet-Touch-Screens ziemlich rar.

Ausgeklügelter Algorithmus sorgt für synchrone Übersetzung

Igor Kogan will das ändern. Zusammen mit seiner Kollegin Tatiana Zelenska hat der Münchner Web-Designer und Programmierer die „Doppeltext“-App entwickelt. Wer sich Romane und große Erzählungen von Edgar Allan Poe, Honoré de Balzac oder Nikolai Gogol im Original zu Gemüte führen möchte, bekommt jeweils den aktuell gelesenen Satz per Fingertipp oder Mausklick in einer hochwertigen Übersetzung eingeblendet. „Das Ergebnis kann man auf einem Smartphone oder Tablet angenehm lesen, da die synchronisierten Textfragmente im Schnitt nur etwa 120 Buchstaben lang sind“, so Kogan gegenüber E-Book-News. Grundlage von „Doppeltext“ ist ein ausgeklügelter Algorithmus: „Das Kernstück des Ganzen ist eine Technologie, die längere Sätze bei der Synchronisierung passend unterteilt. Das ist bei literarischen Texten schwierig, da die Übersetzungen sehr frei sein können. Erst damit können wir größere zweisprachige Werke in relativ kurzer Zeit vorbereiten“. Nach einem automatischen Vorlauf wird jede Klassiker-Übersetzung noch mal per Hand nachjustiert. „Das geht sehr schnell – wir können einen mittelgroßen Roman innerhalb von einem Tag vorbereiten, wenn die Ursprungstexte digital vorliegen. Die automatische Synchronisierung selbst dauert etwa eine Minute“, so Kogan.

Doppeltext funktioniert auch auf dem Kindle

Ausprobieren kann man das Doppeltext-Konzept kostenlos – auf der Website doppeltext.com stehen drei Probetexte zur Auswahl, Poes „Cask of Amontillado“, Maupassants „Rosier de Madame Husson“ sowie Puschkins „Schuss“. Der schön gesetzte Fließtext ist abschnittsweise in Hyperlinks unterteilt, jede Passage lässt sich anklicken. Direkt darüber erscheint dann ein beige unterlegtes Fenster mit der Übersetzung, der dazu passende Originaltext wird ebenfalls farbig hervorgehoben. Der Effekt ist verblüffend, fast so wie bei einem OmU-Film. „Wir sind der Meinung, dass sich das Verfahren nicht nur für Lernzwecke eignet. Auch Leser, die die Sprache bereits gut kennen, erfreuen sich an Feinheiten des Originals, die ihnen ohne Übersetzung nicht zugänglich wären. Zugleich ist die Übersetzung nie im Weg“, so Kogan gegenüber E-Book-News. Lesen lassen sich die Doppeltexte im Browser – sie sind also auf allen Mobilgeräten nutzbar, die eine Verbindung zum Internet herstellen können. Neben Tablets und Smartphones funktioniert Doppeltext auch augenschonend auf dem experimentellen Browser des Kindle-Reader. Die Preise richten sich nach der Textlänge – die Doppeltext-Version von Jane Eyre mit 1500 Normseiten gibt’s für 9,90 Euro, Washington Irvings Rip van Winkle mit 26 Normseiten gibt’s dagegen schon für 1,90 Euro.

„Neutrale Wörterbuch-Auskunft hat mich gestört“

Die Idee zu Doppeltext kam Kogan selbst bei der Lektüre: „Ich habe vor einem Jahr auf dem iPod Touch einen Roman von Charles Dickens gelesen, und musste ein paar Wörter nachschlagen. Einerseits war das in iBooks bequem möglich. Andererseits hat mich die neutrale Wörterbuch-Auskunft doch ziemlich gestört. Das ist bei gedruckten Wörterbüchern zwar nicht anders. Hier aber kontrastierte das sehr mit der Qualität und der Direktheit der Touch-Bedienung.“ Der Münchner Programmierer kam also ins Grübeln, wie es besser gehen könnte: „Dann ist mir eingefallen, dass es bestimmt sehr gute, oder zumindest brauchbare Übersetzungen aller wichtigen Werke gibt, und wie schön es doch wäre, wenn man diese nahtlos mit Originalen verknüpfen könnte. Es war auch klar, dass man vieles besser machen kann, als bei gedruckten zweisprachigen Büchern. Insbesondere die Größe der synchronisierten Fragmente sollte viel kleiner sein.“

Bald auch aktuelle Werke als Doppeltext?

Kogan und Zelenska machten sich auf die Suche nach existierenden Synchronisierungs-Technologien, und fanden bald heraus, dass solche zumeist Unmengen an manueller Nacharbeit erforderten, gerade bei der Aufteilung längerer Sätze. „Außerdem ermöglichte kein gängiges E-Book-Format die simple Einblendung von Übersetzungen in der Form, die wir uns vorgestellt hatten“. Also musste etwas völlig Neues her. Ein halbes Jahr Entwicklungsarbeit steckt alleine im Synchronisierungs-Algorithmus, der bei Doppeltext zum Einsatz kommt. Besondere Sorgfalt steckte das Duo aber auch in das Design der Webseite – Farbschema und Typografie sind optisch gelungen und äußerst lesefreundlich. Bisher ist Doppeltext auf Klassiker ausgerichtet, deren Originale wie auch Übersetzungen im Bereich der Public Domain frei verfügbar sind. Doch das wird nicht so bleiben, hofft Kogan: „Die Vision ist, nicht nur urheberrechtsfreie Klassiker anzubieten, sondern – in Kooperation mit den Verlagen – möglichst viele aktuelle Werke. Technologisch ist das jetzt kein Problem mehr.“