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Aztek Tom trifft Arthur Mervyn: Mein erstes E-Book, 1983 oder 2007?

20 Mai 2016 1 Kommentar

atzek-tomb-adventureMein allererstes E-Book konnte ich noch in die Hand nehmen — es war auf einer schmucklosen Audiokassette gespeichert, die im Kassettenrekorder kreischende Töne von sich gab. Legte man das Band aber in die Datasette meines Heimcomputers, gelangte man via Load-Befehl gleich in das erste Kapitel: „Welcome to the Treasures of the Aztec Tomb“, las man auf dem Bildschirm, und als weitere Infos zum Setting: „I’m in a dining room. I can see a ladder. Exit South“. Außerdem blickte man auf ein einfaches Bild in bunter Blockgrafik. Und dann ging’s los — mit der Tastatur hackte man Zweiwort-Befehle ein, z.B. „Go South“, „Examine Table“ oder „Go ladder“.

„This strange land, where anything could happen“

Auf der Originalverpackung stand: „A graphics adventure set deep in the Amazon rain forest. Find the lost Aztek tomb hidden somewhere in this strange land, where anything could happen and probably will.“ Die Originalverpackung von Alligata Software habe ich aber nie gesehen, auch den Namen des Autors (Antony Crowther) kannte ich nicht. Denn solche Spiele wurden natürlich als reine Datenspur von Hand zu Hand weitergegeben bzw. kopiert, genauso wie Hörspiele oder Musikkassetten. Dafür brauchte man weder BTX noch Internet, nur ein Netzwerk aus guten Freunden: meine wichtigsten „Server“ hießen Thomas, Hansi und Torsten.

Gefangen im Sprachdschungel

Der „Aztek Tom“ — ich hielt das damals für eine Person, deswegen auch das fehlende „m“ im Titel — beschäftigte Thomas, Hansi, Torsten und mich für Wochen bis Monate, obwohl es nach heutigen Maßstäben ein ebenso simples wie auch fast schon spartanisch kurzes Text-Adventure ist. „The rest is left to your imagination“, heißt es nicht umsonst auf dem Kassetten-Cover. Aber als Siebt- oder Achtklässler hatten wir natürlich alleine schon mit dem Sprachdschungel zu kämpfen. Manche schöne englische Wörter, wie z.B. „Chest“, „Trapdoor“, „Cloak“ oder „Dwarf“ habe ich nicht in der Schule, sondern zu Hause auf der Mattscheibe gelernt, und egal wo sie auftauchen erinnern sie mich heute immer noch an verregnete Herbstnachmittage im Jahr 1983.

Vom Text-Adventure zum Spielbuch

Dass „Aztek Tomb“ mein erstes interaktives E-Book war, wusste ich damals natürlich nicht. Selbst als kurz darauf ein Adventure wie „The Hobbit“ kursierte — immerhin ja basierend auf J. R. R. Tolkiens Vorlage — war es für mich einfach nur ein Computerspiel, das Sprache verstehen konnte. Wie wenig sich Buch und interaktives Spiel unterscheiden, machte mir ironischerweise dann bald ein legendäres Spielbuch aus Papier klar: Ian Livingstone & Steve Jacksons „Hexenmeister vom flammenden Berg“. Auch das spielten wir wochenlang durch und blätterten wild zwischen hunderten Mini-Kapiteln hin- und her — im Unterschied zu „Aztec Tomb“ haben sich aber Thomas, Hansi, Torsten und ich jeder ein eigenes Exemplar in der Buchhandlung gekauft.

Gothic Novel auf totem E-Reader

Der „Hexenmeister“ steht immer noch in meinem Bücherregal, genauso wie der Fortsetzungsband „Die Zitadelle des Zauberers“. Die Audiokassetten, Disketten und auch überhaupt die ganze Hardware für „Aztek Tomb“, „The Hobbit“ & Co. dagegen ist nach über 30 Jahren und einem Dutzend Umzügen längst im Orkus verschwunden. Mein erster echter E-Reader wiederum schlummert noch in der Büroschublade, allerdings nach einer Überdosis Club Mate mit der zuletzt gelesenen Seite auf dem Display für immer eingefroren, es ist ein Cybook Gen 3 von 2007. Damit habe ich mein erstes „normales“ E-Book auf einem E-Ink-Gerät gelesen: Charles Brockden Browns „Arthur Mervyn or, Memoirs of the Year 1793“, eine großartige Gothic Novel, digital erhältlich bei Project Gutenberg. Schon der Anfangssatz geht unter die Haut: „The evils of pestilence by which this city has lately been afflicted will probably form an era in its history.“ Doch an das „Aztek Tomb“-Erlebnis kam die Lektüre nicht heran…

PS 1: Dieser Artikel ist ein Beitrag im Rahmen der Blogparade #1stebook, die im Vorfeld des Berliner E-Book-Festival 2016 stattfindet (siehe electricbookfair.de).

PS 2: Wer Aztek Tomb und andere Adventure-Klassiker online nachspielen möchte, sollte mal auf dem Interactive-Fiction-Portal IfWizz vorbeischauen…

Ein Kommentar »

  • Mein erstes E-Book: Zusammenfassung und Links zu allen Beiträgen der Blogparade #1stebook – Blog schrieb:

    […] Mein allererstes E-Book konnte ich noch in die Hand nehmen — es war auf einer schmucklosen Audiokassette gespeichert, die im Kassettenrekorder kreischende Töne von sich gab. Legte man das Band aber in die Datasette meines Heimcomputers, gelangte man via Load-Befehl gleich in das erste Kapitel: “Welcome to the Treasures of the Aztec Tomb”, las man auf dem Bildschirm… [weiterlesen] […]