[e-book-review] „25 plus 25 plus Bruch, das müsste doch ein Narrativ ergeben“ (Ines Geipel: Generation Mauer)

Kriegskinder, Nachkriegskinder, Aufbaukinder, Zonenkinder. Das deutsche Generationenalphabet kennt viele Buchstaben. Nun kommt noch ein weiterer hinzu: M für Mauerkinder. „Wo sind wir eigentlich geblieben, die Generation, die in den sechziger Jahren hinter der Mauer aufgewachsen ist?“, fragt Ines Geipel in ihrem neuen Buch „Generation Mauer“. Im fünfundzwanzigsten Jahr nach dem Mauerfall unternimmt die Publizistin damit eine Suche nach ihrer eigenen, der mittleren DDR-Generation. Dabei geht es in Geipels Buch weniger um die sogenannte Mauer in den Köpfen als um die mentalen Zurichtungen durch das „System Honecker“ und die verschiedenen Spielarten des Aufbruchs nach der Wende.

„Das müsste doch ein Narrativ ergeben“

Soziologen zufolge hatte die Generation M besonders viel Glück: im Jahr der friedlichen Revolution war sie jung genug für einen gänzlich neuen Lebensentwurf im Westen. Auch Geipel interessiert sich für biografische Brüche und das daraus resultierende Befreiungspotential. Aber ebenso stehen die Prägungen durch die im Gesellschaftssystem DDR verbrachte erste Lebenshälfte im Mittelpunkt ihrer Erkundungen: „Es ist eine Generation, die erstens ein vollständiges Leben vor 1989 hatte, die sich zweitens ein vollständiges nach 1989 aufgebaut hat und die drittens durch den Systemschnitt 1989 regelrecht konstituiert wurde. 25 plus 25 plus Bruch. Das müsste doch ein Narrativ ergeben.“

Der Himmel über Bitterfeld

Tut es auch – das zeigen atmosphärisch dichte biografische Skizzen, die Geipel aus Gesprächen mit Gleichaltrigen destilliert. Da sieht die Journalistin Sabine Adler als Kind im Chemiebezirk Halle aus dem Fenster der elternlichen Wohnung im 5. Stock eines Plattenbaus in Wolfen-Nord in den historischen Smog-Himmel. Hauke Hückstädt dagegen, der heutige Leiter des Frankfurter Literaturhauses, schreibt als Vierzehnjähriger Briefe an seine alte Schulklasse im auch nicht gerade unversmogten Schwedt, nachdem er mit der Familie nach Hannover ausgereist ist.
Das Fesselnde des Generationspanoramas resultiert nicht zuletzt aus diesen nie exemplarisch aufgefassten Lebensläufen der für das Buch befragten Altersgenossen. Die biografischen Skizzen geben präzise und individuell Auskunft über eine Kindheit und Jugend in der DDR, die Agonie des Systems in den 1980er-Jahren und die Transformationserfahrungen nach 1989.
Auffallend ist, dass alle Interviewten im weitesten Sinn einen narrativen Drive besitzen und Reflektieren, Aufdecken und Benennen für sie existentielle Verfahren sind, sodass Geipel zu der Schlussfolgerung kommt: „Die Generation Mauer ist eine Generation der Rückkehrer, Rekonstruierer, Vergewisserer, Rechercheure, Entschweiger, der pickelharten Herausschäler.“

„Härtesubstanz der DDR“

Dieses Fazit ist ebenso als Selbstbeschreibung der Autorin lesbar, denn Geipels Text ist auch ein knallhartes autobiografisches Reparaturprojekt eines durch das „Angst- und Schweigesystem DDR“ beschädigten Ichs. Die sich bei der Lektüre mitunter einstellende Beklemmung resultiert nicht zuletzt aus der autobiografischen Grundspur des Buches, das auch die Geschichte einer Befreiung aus einem familialen und politischen Missbrauchssystems ist. Als Doping-Opfer des DDR-Spitzensports und Tochter eines insgeheim für die Staatssicherheit tätigen Vaters sind Gewalterfahrungen basal im Körperlichen und Familialen festgeschrieben. Die Flucht in den Westen im Sommer 1989 und die „Jahre des Übergangs-Ich“ in Darmstadt, wo Geipel Philosophie und Soziologie studierte, könnte man dagegen fast schon als eine Portion des von den Soziologen des „Wendeglücks“ lesen, das die Soziologen der Generation M unterstellen.

„Generationstinte“

Mit „Generation Mauer“ beteiligt sich Geipel an der publizistischen Generationendebatte, di beherrscht wird von Büchern wie Sabine Bodes „Nachkriegskinder“, Martin Rupps „Wir Babyboomer“, Jana Hensels „Zonenkinder“, Florian Illies’ „Generation Golf“, Katja Kullmanns „Generation Ally“ oder Sabine Rennefanz’ „Eisenkinder“.
Den Zonen- und Eisenkindern jedoch wirft die Publizistin eine Verklärung der nur als Kindheitsland erlebten DDR vor: „Das Kryptierte wird nicht der Schmerz, wie in den Generationen vor ihnen, sondern die DDR fungiert als Heilland, als Märchen. Sie wird zur innerpsychischen hellen, reinen Kammer, unantastbar, ihr Imaginationsraum.“ Die Journalistin Rennefanz zeigte sich zu Recht verwundert über diesen Angriff auf die sogenannte 3. Generation Ost, denn in dieser Pauschalität trifft er nicht zu. Vielmehr wäre zu fragen, wie die Erfahrungen der Generation Mauer mit der „Härtesubstanz der DDR“ an eine Generation zu vermitteln wäre, die die DDR größtenteils als unpolitischen Kindheitsraum erlebte. „Generation Mauer“ bietet sich dabei dank narrativem Drive, atmosphärischer Dichte und schonungsloser Präzision schon selbst als Teil der Lösung an.

Ines Geipel,
Generation Mauer. Ein Porträt.
Klett-Cotta 2014, 288 S., Hardcover 19,95 Euro
E-Book: epub / Kindle 15,99 Euro

Cover-Bild: Klett Cotta Verlag (c)

[e-book-review] Plattenbau-Paradies: Bericht über eine Jugend nach der Mauer

Mit dem Bild eines Zauberers, der seinen Stab hebt und über Nacht eine neue Welt entstehen lässt, beschrieb Christa Wolf 1990 in ihrem Essay „Wo ist eurer Lächeln geblieben?“ die Währungsunion im Vorfeld der deutschen Vereinigung. Ein als Zauberer verkleidetes Kind lächelt von der Cover-Fotografie von Andreas Hünnigers Debütroman „Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer“, erschienen bei Klett-Cotta. Die 1984 in Weimar geborene Autorin erzählt ihrem biografischen Sachbuch über das Aufwachsen in der ostdeutschen Teilgesellschaft, deren Werte, Waren und Währung sich quasi über Nacht änderten.

Die Indianer von Weimar-Paradies

In eindrücklichen Szenen und Erinnerungsbildern beschreibt Hünniger, wie sich die Verstörungen einer Gesellschaft im Umbruch im Familiaren und Alltäglichen niederschlagen. Eine besonders markante Szene bildet die Eröffnung eines Supermarktes im Weimarer Plattenbauviertel. Die zur Feier des Tages als Indianer verkleideten Kinder verfallen vor den Regalen mit Süßigkeiten erst in Schockstarre, dann in Kaufrausch. Doch die Kolonialismusmetapher der Zähmung der Eingeborenen durch Glasperlen wird gleich darauf dekonstruiert. Die Akademiker-Mutter hält sich strikt an den Einkaufszettel, für den Nachwuchs gibt’s nur Tintenpatronen. Hünniger lässt Schlüsselbilder und –begriffe ins Leere laufen. „Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer“ bedient sich auf keiner Seite gängiger Klischees und Stereotypen, sondern verbindet einen präzisen Schatz persönlicher Erinnerungen mit soziologischen Analysen, Anekdoten und Gesprächen zu einem Text, der den gesellschaftlichen Umbruch nach 1989 und das Verhältnis der Generationen zueinander atmosphärisch erlebbar macht.

Stöbern im Erinnerungsfundus

So stehen der Scham und der Unsicherheit der DDR-Elterngeneration die Geschichtslosigkeit und politische Unschuld der Kinder gegenüber. Während für diese Nachgeborenen die DDR nur noch eine nicht zu füllende Leerstelle darstellt, bleiben die Erwachsenen dem untergegangenen Staat in einer melancholischen Bindung verhaftet, die aus der fehlenden Anerkennung ihrer DDR-Biografie resultiert. Das Buch fängt subtil die Verstörungen der Nachwendezeit ein und findet damit Zugang zum Erinnerungsfundus einer Jugend, der kollektiv vorhanden ist, aber oftmals ins Nicht-Artikulierte abrutscht. Nach den „Zonenkindern“ der Leipzigerin Jana Hensel ist mit „Meine Jugend nach der Mauer“ nun eine mindestens genauso intelligente, präzise und berührende Schilderung einer Post-DDR-Identität entstanden. Gerade weil sich „Paradies“ den plakativen Mechanismen marktgängiger Generationen-Bücher erfolgreich verweigert, lohnt sich die Lektüre, gerade auch für Westdeutsche.

Andrea Hünniger,
Paradies. Eine Jugend nach der Mauer
Kindle-Book (Amazon) 13,99 Euro
E-Book (epub) 13,99 Euro

Abb.: flickr/’smil

„Wir setzen auf Slow-Budget-Self-Funding“


Eine neue Gründerzeit ist angebrochen – Trend-Hauptstadt der Entrepreneurs des 21. Jahrhunderts ist Berlin. Zum Know-How der jungen Kreativen gehört nicht nur Self-Marketing, sondern oft auch Selbst-Publishing. E-Book-News-Autorin Heide Reinhäckel sprach mit Günter Faltin, Gründer der legendären Tee-Kampagne, Professor für Entrepreneurship & Autor des Buches „Kopf schlägt Kapital“, sowie den Dokumentarfilmern Silvia Holzinger und Peter Haas. Das produktive Duo bringt gerade ein E-Book zum Thema Eigenvermarktung in der community-basierten Internetökonomie heraus, Titel: „Kann man denn davon leben?“

„Schneller gründen, mit weniger Kapital“

Berlin eilt der Ruf als Hauptstadt der Gründer und Selbstständigen voraus. 2010 verzeichnete die Stadt die höchste Anzahl an Unternehmensgründungen seit 1989. Mit 124 Gründungen auf je 10.000 Einwohner führte damit die Stadt das Ranking der Bundesländer erneut an. Die Pionierstimmung der letzten Jahre ist ungebrochen: „Man kann heute schneller gründen, mit weniger Kapital“, erläutert Günter Faltin. Der Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität (FU) Berlin ist seit über 25 Jahren als Wissenschaftler und Unternehmer in der Berliner Gründerszene aktiv. Mit der Teekampagne gründete er bereits 1985 ein erfolgreiches Unternehmen, das zugleich als Studienobjekt für Studierende dient. Vor zehn Jahren rief er die Stiftung Entrepreneurship ins Leben. Seitdem lädt er Gründungsinteressierte in das „Labor für Entrepreneurship“ ein, hört sich Konzepte an, berät. Über sein Konzept eines zeitgemäßen Unternehmertums hat Faltin ein Buch geschrieben. Es heißt „Kopf schlägt Kapital“ und ist auch als E-Book & Hörbuch erhältlich.

Baukastensystem für Gründer

Für Faltin haben sich die objektiven Bedingungen für Einsteiger radikal verändert: „Wir brauchen ein zeitgemäßes Gründen. Die Vorstellung, dass der Gründer ein Alleskönner sein muss, hat ausgedient. Heute ist es möglich, vieles an professionelle Dienstleister abzugeben. Man kann sogar mit bereits vorhandenen Komponenten gründen und sie neu kombinieren. Auch die Gründer von Skype oder Facebook haben mit Komponenten gearbeitet.“ Für Faltin steht die Innovation als unternehmerische Funktion im Mittelpunkt. Buchführung, Marketing und Vertrieb können delegiert werden, elektronische Büros helfen. Für diese neue Art des Gründens sei jedoch eine geeignete Beratung nötig: „Immer noch scheitern 80 Prozent der Neugründungen nach fünf Jahren. Wenn wir anders gründen, nicht konventionell, haben wir große Chancen, nicht im Prekariat oder in der Insolvenz zu landen.“

“Rebel at work“: Self-Marketing, Self-Publishing

Wie Entrepreneurship in Zeiten des Internets im Kreativsektor ganz praktisch funktioniert, zeigen Silvia Holzinger und Peter Haas von Il Mare Film. Ihr zweiter gemeinsamer Dokumentarfilm „Weizenbaum. Rebel at work“ über den Informatiker, Provokateur und MIT-Professor Joseph Weizenbaum entstand 2006 als Eigenproduktion innerhalb eines Jahres. „Die Idee war, einen Film über die grandfather nerds zu machen, über den Fortschrittsmythos aus der Sicht der greisen Männer der Computerpioniere“, erzählt Haas. Doch die Realisation war ein Kampf: „Der Film ist ohne Fernsehunterstützung oder Filmförderung entstanden, quasi aus dem Dispo.“ Im Anschluss haben die beiden den Film selbst vermarktet, sich eine Community aufgebaut, eine Filmtournee durch Österreich, Deutschland und die Schweiz unternommen, die übers Netz verkauften DVDs selbst zur Post gebracht. Mittlerweile sind es 16.200 verkaufte Exemplare. „Wir setzen auf Slow-Budget-Self-Funding. Es ist zwar ein weiter Weg mit viel Einsatz. Oft ohne Netz und doppelten Boden, mit Risiken und Nebenwirkungen. Doch wir glauben an unabhängige Kreativarbeit“, so Haas.

“Kann man denn davon leben!?“

Der gebürtige Osnabrücker und die Wienerin haben sich bewusst für Berlin als Arbeitsort entschieden: „In Berlin kann man mit knapper Eigenvermarktung weiter kommen als in teuren Städten. Ich hoffe, dass es so bleibt“, sagt Haas. Die beiden haben jetzt ein Buch über unabhängige Kreativarbeit geschrieben. Ihrem Geschäftsmodell folgend, vermarkten sie es auf ihrer gleichnamigen Website kann-man-denn-davon-leben.de zuerst als E-Book. Bei über 100 Bestellungen soll es dann auf der Verlagsplattform Euryclia als Printausgabe erscheinen. Darin haben sie die ihnen oft auf Events gestellte Frage in ein Handbuch und zugleich Manifest für eine Community-basierte Eigenvermarktung im Internet verwandelt. „Das Buch zeigt 1.000 Handgriffe für Freiberufler“, so Haas. Neben Best-Practice-Beispielen, einem Abc des Internets und dessen Ökonomie von PayPal über Crowdfunding bis Postproduction enthält das Buch auch ihren Film „Weizenbaum. Rebel at work“ als Fallbeispiel. Denn die beiden Filmemacher legen detailliert die Kosten, Kalkulationen und Erlöse des Doku-Streifens offen. Letztere ermöglichten ihnen die Produktion eines dritten Films, der gerade im Schnitt ist. Mit der Darlegung der Innenperspektive ihres abgeschlossenen Projekts brechen die beiden Doku-Filmemacher auch ein Tabu. Denn über Geld, Finanzierungsspielräume und -schwierigkeiten wird häufig nicht gesprochen. Damit helfen sie auf ihre Weise mit, den Start-up-Mythos in der Kreativwirtschaft auf den Boden der Tatsachen zu bringen.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

Fotos: Thomas Angermann (flickr/angermann)

[e-book-review] Schön Hühnchen, schön Hähnchen, oder: Warum man keine Tiere essen sollte

duve-anstandig-essenGehören Tiere auf den Teller? Und wenn nicht, was dann? Die Schriftsteller Jonathan Safran Foer und Karen Duve wollten es wissen, sie wagten den Selbstversuch. Vegetarisch, vegan, frutarisch. Und warfen einen Blick hinter die Kulissen der Nahrungsmittelindustrie, wo die Grenzen zwischen Lebewesen und Lebensmittel verschwinden. Das Ergebnis sind zwei Bücher: „Tiere essen“ und „Anständig essen“. Als Dreamteam des Ess-Sachbuchs begaben sich beide Autoren im Januar auf eine Lesereise durch Deutschland. Gerade rechtzeitig zur Dioxin-Affäre. Doch beim Essen nur an unsere Gesundheit zu denken, wäre ein Kurzschluss – unsere Mitgeschöpfe haben mehr Mitgefühl verdient. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel zeigt, welche Rolle dabei die Bücher von Foer und Duve spielen könnten.

Zwischen Königsschloss und Kellerverlies

„Duks“ sagen die drei Tiere im Grimmschen Märchen Das Waldhaus. Die Tochter des Holzfällers hat sich im Wald verlaufen und findet abends einen Schlafplatz in einer kleinen Hütte. Dort leben ein alter Mann, ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine Kuh. Das Mädchen füttert die Tiere, und die danken es ihr: „Duks, du hast mit uns gegessen, / du hast mit uns getrunken, / du hast uns alle wohl bedacht, / wir wünschen dir eine gute Nacht.“ Das Versorgen der Tiere beschert dem Mädchen am Ende ein Erwachen im Königsschloß, erlöst ihre Tierliebe doch einen verzauberten Prinzen. Die bösen Schwestern dagegen landen im dunklen Kellerverlies – ihnen waren die Bedürfnisse von Hühnchen, Hähnchen und Kuh nämlich egal. Die hier märchenhaft beschriebene Verantwortung des Menschens für das Tier ist im Industriezeitalter längst in Schieflage geraten. Tiere sind keine Gefährten an der Esstafel mehr, sie landen auf ihr als möglichst billige Produkte der hochgerüsteten Massentierhaltung. Die Tiere haben auch keine Stimme mehr – so lange man ihnen keine gibt. Höchste Zeit also, dass die Schriftsteller mal wieder das Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Essen in den Blick nahmen.

Von der Hähnchen-Grillpfanne zum Huhn Rudi

„Anständig essen“ heißt Karen Duves Sachbuch, und es beginnt mit einer „Hähnchen-Grillpfanne“. Diese will die Autorin für 2,99 Euro in einem Supermarkt kaufen, wird aber von ihrer Öko-Mitbewohnerin daran gehindert. Das verschmähte Grill-Hähnchen wird zusammen mit der Frage, wie Fleisch so billig produziert werden kann, zum Auslöser eines „Selbstversuchs“, so der Untertitel von „Anständig essen“. Duve beginnt für ein Jahr, sich ethisch korrekt zu ernähren. Sie erprobt biologische, vegetarische, vegane und fruktarische Essweisen, recherchiert und nimmt an einer illegalen Tierbefreiung teil. Dabei rettet sie ein verletztes Hühnchen. So wird die „Hähnchen-Grillpfanne“ durch das Huhn Rudi ersetzt, das fortan auf ihrem Hof im brandenburgischen Ringenwalde lebt. Rudi wird der heimliche Star bei zahlreichen Fotoshootings, so zum Beispiel auf dem Cover des Berliner Stadtmagazins Tip. Mit dem geretteten Hühnchen findet Duves Buch ein gelungenes Bild für eine zurück erkämpfte Mensch-Tier-Beziehung. „Anständig essen“ besticht durch den vertrauten lakonischen Duve-Sound, die Informationsfülle und die subjektive Sichtweise der Autorin.

“Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts zu retten“

Ähnlich wie das Huhn Rudi in „Anständig essen“ gibt es auch in Jonathan Safran Foers Bestseller „Tiere essen“ ein Haustier, das unser ambivalentes Verhältnis zu den Mitgeschöpfen deutlich vor Augen führt. Foer kontrastiert Beschreibungen des unerzogenen Familienhundes mit Hunderezepten aus anderen Kulturkreisen. Primärer Anlass für das Sachbuch war die Geburt seines erstens Kindes und die Frage, wie die neue Familie sich ernähren soll. Das Resultat von Foers Recherchen und Selbstbefragungen ist ein fulminantes Sachbuch, das enzyklopäpedisches Wissen, Interviews, Reportagen und Journalismus brilliant mischt. Auch die Familiengeschichte spielt eine Rolle – Foers jüdische Großmutter überlebte halbverhungert in einem Versteck den Holocaust. Direkt nach der Befreiung schenkte ihr ein russischer Bauer ein großes Stück Fleisch. Doch es war Schweinefleisch, also nicht koscher. Die Großmutter nahm keinen Bissen davon. „Auch nicht, um dein Leben zu retten?“, fragt sie der Enkel ganz entgeistert. „Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts zu retten“, lautet die simple Antwort. Ähnlich wie Karen Duve isst Jonathan Safran Foer selbst überhaupt kein Fleisch mehr.

Dreamteam des kritischen Ess-Sachbuchs

Die deutsche Ausgabe von „Eating Animals“ enthält ein gesondertes Vorwort des Autors und eine Übersicht des Deutschen Vegetarierbundes zur Massentierhaltung in Deutschland. „Tiere essen“ berichtet u.a. über Kühe, die in ihrem eigenen Dreck festgefroren sind und denen nicht aufgeholfen wird, von der Grausamkeit der Käfighühnerhaltung oder aufgerüsteten Fangschiffen der Industriefischerei. Dass beide Bücher, auch vor dem Hintergrund des Dioxinskandals, den Zeitnerv treffen, beweist nicht zuletzt die ausverkaufte Lesereise des Dreamteams der kritischen Ess-Sachbücher – Foer und Duve lasen gemeinsam in Berlin, Wien und Zürich. Deutschlandradio Kultur startete sogar eine eigene Reihe von Radiofeuilletons unter dem Motto „Tiere essen“, die Foers Buchtitel als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Massentierhaltung, Fleischkonsum und Vegetarismus nahm. „Duks“, sagen die Tiere. Sie könnten aber auch sagen: „I-Buks“. Denn Duve wie Foer kann man jetzt auch elektronisch lesen. Dafür mussten nicht einmal Bäume sterben.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Karen Duve: Anständig essen. Ein Selbstversuch
E-Book (epub) 16,99 Euro.
Hardcover (Galiani) 19,95 Euro
foer-tiere-essen-e-book Jonathan Safran Foer: Tiere essen. („Eating Animals“).
E-Book epub 16,99 Euro
Hardcover (Kiepenheuer) 19,95 Euro

[e-book-review] iPad als Slam-Pad: „Warum ich Angst vor Frauen habe“ (Mischa-Sarim Vérollet)


Das Leben ist kein Ponyhof, es ist aber auch keine Waldorfschule – das weiß niemand besser als Mischa-Sarim Vérollet (MSV), seines Zeichens Slam-Poet & Romanautor. Wer die fulminanten Auftritte des Event-Literaten bisher verpasst hat, kann dies nun auf iPad oder iPhone nachholen – MSVs ersten Roman „Warum ich Angst vor Frauen habe“ gibt’s nämlich als multimedial aufgepepptes E-Book, inklusive Audiofiles, Videos und Fotos. Was man sonst noch über Autor & Werk wissen sollte, verrät im Folgenden Heide Reinhäckel.

Slam-Poetry als literarisches Sprungbrett

Mischa-Sarim Vérollet fällt auf. Der Dreiklang seines Namens, eine ungebremste Beatnik-Lockenfrisur und eine überdimensionale Vintage-Brille gehören zu den Markenzeichen des Berliner Poetry-Slammers. Vérollet, der 1981 auf Gibraltar als Sohn einer deutschen Mutter und eines englisch-französischen Vaters geboren wurde, zog im Kleinkindalter mit der Familie nach Bielefeld und wuchs dort auf. Mittlerweile ist er der Star unter den Slam-Poeten. Die 1986 in Chicago erfundenen Literatur-Events haben sich längst auch auf deutschen Bühnen etabliert. Das Publikum entscheidet, wer weiterkommt und zum „Dichterfürsten“ der etwas anderen Art gekrönt wird. Wichtig ist also nicht nur, wie man schreibt, sondern auch, wie man die Texte vor dem Mikro präsentiert.

“Das Leben ist keine Waldorfschule“

Seit 2009 kombiniert Vérollet die Slam-Performance auf der Lesebühne mit Formen traditioneller Autorenpräsenz. Im Publikumsverlag Carlsen erschien mit „Das Leben ist keine Waldorfschule“ eine Sammlung kurzer Poetry-Slam Texte. Das Buch wurde auf der Frankfurter Buchmesse zum „Kuriosesten Buchtitel“ des Jahres gekürt. 2010 kam dann mit „Warum ich Angst vor Frauen habe“ Vérollets erster Roman heraus. Er erzählt eine leicht autobiographisch eingefärbte Bielefelder Coming of Age -Geschichte in den 1990er Jahren. Der skurile, selbstironische und mit reichlich schwarzem Humor versehene Roman erzählt über pubertäres Erwachen in Schule und Sportunterricht („Der Krieg der Pheromone eskalierte, das Gemenge aus neonfarbigen, hautengen Leggings, Die-Ärzte-T-Sirts und frischem Mädchenschweiß verfehlte seine Wirkung nicht…“ ), von Mädchen, geplanten Mondreisen und Jungsfreundschaften sowie über die Geschmackssünden der 1990er Jahre. Das Episodenhafte, Überzogene und Skurile des Romans verweist immer wieder auf die Geburt von MSV’s Literatur aus dem Geist des Poetry-Slams.

Slam Poetry wird zum „enhanced E-Book“

Neben der Buchversion, die als Zugabe eine CD mit Bonusmatrial enthielt, ist „Warum ich Angst vor Frauen habe“ nun auch als enhanced E-Book erschienen. Die multimediale Romanversion, erhältlich für iPhone, iPad & iPod Touch kombiniert die Textfassung mit Audiofiles, Videos und Fotos, gestrichenen Szenen sowie einem alternativen Ende. Neben einem Werkstatt-Effekt oder dem DVD-Bonustrackgefühl garantiert so das Enhanced E-Book vor allem eines: Lesebühnenstimmung nach dem Motto „pimp up ur ebook“. Denn man kann das E-Book eben nicht nur lesen, man kann richtig was erleben. Etwa, wie gekonnt der Autor selbst seinen Text live vorträgt, die wilden Locken schüttelt und einfach komisch ist.

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Mischa-Sarim Vérollet, Warum ich Angst vor Frauen habe
iBooks (iPhone, iPod Touch, iPad), 12, 99 Euro
Roman (Print) plus CD, 14,99 Euro

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

Suhrkamp-Kultur trifft Screen-Culture: Fünf E-Lesetipps von Klassiker bis Krimi

suhrkamp-kultur-e-book-epub-libri Suhrkamp setzt zukünftig stärker auf digitale Lesekultur – die Zahl der verfügbaren E-Books erhöht sich auf mehr als hundert. War bisher via texttunes nur eine Handvoll E-Book-Apps für iPhone & iPad erhältlich, so können Suhrkampleser ihre Lieblingstitel nun endlich schwarz auf weiß auf das E-Ink-Display von E-Readern laden. Denn über das Libri-Netz gibt’s eine gehörige Prise Suhrkamp-Kultur auch im epub-Format & PDF-Format. Unsere Autorin Heide Reinhäckel gibt aus diesem Anlass ein paar Lese-Empfehlungen…

Suhrkamp beweist Mut zum Experiment

Der 1950 in Frankfurt gegründete Suhrkamp-Verlag galt als intellektuelles Flagschiff der alten Bundesrepublik. Das Image des Verlages litt allerdings in den letzten Jahren immer wieder unter Negativschlagzeilen, ausgelöst etwa durch den Wechsel an der Führungsspitze oder den Brain-Drain von Lektoren und Autoren. Im Jubiläumsjahr 2010 wagte man nun mehrere Experimente zugleich, um das Label Suhrkamp wieder zum Funkeln zu bringen. So zog der Verlag aus der Frankfurter Lindenstraße nach Berlin, nicht zuletzt, um seinen Autoren näher zu sein und am symbolischen Kapital der Kreativhauptstadt zu partizipieren. Ein neues Zuhause fand sich vorerst im Prenzlauer Berg – in den Räumen eines ehemaligen Finanzamtes an der Pappelallee. Zum Berliner Start bespielte Suhrkamp den neuen Standort Berlin aber gleich doppelt. Mit dem edition-suhrkamp-laden in Berlin-Mitte kam von Mai bis Juli 2010 eine Mischung aus Verkaufsraum, Showroom und Veranstaltungsort hinzu. Die experimentelle Suhrkampwelt wurde beherrscht von einem Riesenregal mit der berühmten, von Willy Flecklang gestalteten edition suhrkamp-Reihe, deren Spektralfarben eine Seite des Raumes ausfüllten.

Die „Suhrkamp-Kultur“ kommt auf das E-Ink-Display

Wird Suhrkamp jetzt wieder hip? Offenbar war der temporäre Suhrkamp-Laden als Wiederbelebung der „Suhrkamp-Kultur“ gedacht, ein Begriff, den ursprünglich mal der amerikanische Literaturwissenschaftler und Suhrkamp-Autor Georg Steiner prägte. Diese Suhrkamp-Kultur war nicht zuletzt mit dem Verleger-Mythos Siegfried Unseld verbunden. Mit der aktuellen E-Book-Offensive trifft die Suhrkamp-Kultur nun auf die digitale Screen-Culture des 21. Jahrhunderts. Natürlich können 140 Titel nur ein Anfang sein – bei Libri sind insgesamt mehr als 3000 gedruckte Suhrkamp-Titel lieferbar. Doch das erweiterte E-Book-Angebot umfasst nun immerhin Romane von klassischen Suhrkamp-Autoren wie Max Frisch, Hermann Hesse und Thomas Bernhard, von deutschen Gegenwartsautoren wie Christa Wolf, Uwe Tellkamp und Sibylle Lewitscharoff und nicht zuletzt auch internationale Gegenwartsliteratur. Sogar Dietmar Daths Polit-Bilderbuch „Deutschland macht dicht“ ist mit dabei. Die Botschaft ist angekommen: Suhrkamp zumindest macht bei E-Books nicht mehr dicht. Nur über die Preise sollten wir noch mal reden…

Fünf Empfehlungen

Meine fünf persönlichen Empfehlungen für den E-Book-Einstieg bei Suhrkamp:

ulysses-e-book-suhrkamp 1. James Joyce: Ulysses. Wer schon immer den berühmten Klassiker des modernen Romans und der literarischen Bewusstseinsdarstellung lesen oder wiederlesen wollte, kann dies jetzt auch auf dem E-Reader tun. In der Übersetzung von Hans Wollschläger liegt bei Suhrkamp der Tagesablauf von Leopold Bloom am 16. Juni 1904 in Dublin auch als E-Book vor. Wie wär’s mit einem Bloomsday per E-Reader? Gibt’s leider nur als PDF-Version, mit 11,99 Euro aber erschwinglich…

unseld-bernhard-briefwechsel-suhrkamp-e-book 2. Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. In über 500 Briefen eröffnet sich ein Beziehungsdrama besonderer Natur zwischen dem berühmten österreichischen Autor und dem Verleger-Mythos Unseld, das sich Haßtiraden, Schreibblockaden und manische Schübe erstreckt. Ein fesselndes Hintergrunddrama der Literaturproduktion. Als epub & PDF für etwas anspruchsvolle 19,99 Euro im Angebot…

herzzeit-celan-bachmann-briefwechsel-e-book-suhrkamp 3. Ingeborg Bachmann, Paul Celan: Herzzeit. Mit dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, den zwei großen deutschsprachigen Dichtern des 20. Jahrhunderts, liegt eine eindringliche Korrespondenz vor, die das Dichter-Liebespaar der Nachkriegszeit beleuchtet. Als epub&PDF gibt’s 400 Seiten für 9,99 Euro…

ndiaye-drei-starke-frauen-roman-suhrkamp-e-book 4. Marie Ndiaye: Drei starke Frauen. Die französische Autorin schildert in ihrem Roman, der mit dem Internationalen Literaturpreis 2010 ausgezeichnet wurde, drei Frauenschicksale zwischen Europa und Afrika in einer intensiven literarischen Sprache. Auch als epub & pdf hat Ndiaye leider ihren Preis: nämlich 19,99 Euro.

winslow-pacific-private-krimi-suhrkamp-e-book 5. Don Winslow: Pacific Private. Kalifornischer Krimi mit dem surfenden Privatdedektiv Boone Daniels, der neben dem Wellenreiten am Pazifik mit einem Fall konfrontiert wird, der in seine eigene Vergangenheit führt. Die Synthese von Surfer- & Privatdedektiv-Milieu ist eine gute Kontrastlektüre für die kalten Jahreszeit. Als epub oder PDF gibt’s den Westküstensound der Suhrkamp-Krimi-Reihe für 9,99 Euro.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

[e-book-review] „Drei starke Frauen“: Marie NDiayes Roman über das Leben und Leiden zwischen Afrika & Europa

drei-starke-frauen-ndiaye-marie-e-bookSpätestens seit Marie NDiaye 2009 den Prix Goncourt gewann, war die französische Autorin auch in Deutschland keine Unbekannte mehr. Mittlerweile ist ihr preisgekrönter Roman „Drei starke Frauen“ bei Suhrkamp auf deutsch erschienen – und auch als E-Book zu haben. Drei locker zusammenhängende Biographien zwischen dem Senegal und Frankreich werden darin erzählt, oder besser gesagt: drei Lebenstragödien, die sich vor und hinter dem Grenzzaun abspielen, der Afrika von der Festung Europa trennt, und dessen Existenz so gerne verdrängt wird. Nicht nur deswegen ein E-Book, das man lesen muss, findet unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Vom literarischen Frühstart zum Prix Goncourt

Marie NDiayes Roman „Drei starke Frauen“ (frz.: Trois femmes puissantes) berauscht und verstört zugleich. Berauschend ist seine sprachliche Eleganz, die Akkuratesse und Verdichtung, mit der ein Halbsatz eine Lebenstragödie entrollen kann. Verstörend ist Drei starke Frauen aber zugleich auch durch die Bitterkeit der erzählten Lebensgeschichten von drei Frauen zwischen Europa und Afrika. Die französische Autorin mit senegalesischem Vater steht in Frankreich schon seit den Achtziger Jahren im Rampenlicht. Mit 18 veröffentlicht sie ihren ersten Roman im berühmten Pariser Verlag Edition de Minuit. Lernt durch einen begeisterten Leserbrief ihren späteren Mann, den Schriftsteller Jean-Yves Cendrey kennen, verfasst zahlreiche Romane, Drehbücher und Theatertexte. Sie erhält für Drei starke Frauen 2009 mit dem Prix Goncourt den höchsten französischen Literaturpreis. Das reale Preisgeld beträgt nur zehn Euro, doch das symbolische Kapital akkumuliert sich erheblich. In diesem Jahr erhielt die 43jährige Autorin zusammen mit der Übersetzerin Claudia Kalscheuer für die deutsche Übersetzung den vom Berliner Haus der Kulturen ausgelobten Internationalen Literaturpreis. Die Anreise zur Entgegenahme des Preises konnte Ndiaye sich sparen: seit 2007 lebt sie aus Protest gegen Nicolas Sarkozys Politik mit ihrem Ehemann und drei Kindern in der deutschen Hauptstadt.

Das Herz der Finsternis

Drei starke Frauen ist NDiayes erstes Buch, das sich literarisch mit dem Heimatland ihres Vaters auseinandersetzt. Dieser verließ die Familie, als sie noch ein Kleinkind war und ging in den Senegal zurück. Dennoch ist das Buch kein Roman, der das Thema Afrika plakativ vor sich her trägt – denn im Vordergrund stehen Biographien und Familiengeschichten. Das schützt allerdings nicht vor Erschütterungen. Denn die drei Frauenleben zwischen Frankreich und dem Senegal sind voller Verrat, Gewalt, Verdrängung und Verzweiflung, die auf den ersten Blick den Romantitel in Frage stellen. Den drei Geschichten des Romans ist eins gemeinsam: sie beginnen dort, wo die Lebensbilanz bereits die Verlustseite betont. Die Vergangenheit ist ein Abgrund, die Protagonisten meiden die Erinnerung an sie so lange, bis ein Rückblick unvermeidlich wird. Dabei sind es vor allem Familienbeziehungen, die die Figuren belasten, monströse Beziehungen zwischen Eltern und Kind, die nicht versiegende Sehnsucht nach Heilung und Liebe.

Besuch beim Schläfer im Flammenbaum

In der ersten Geschichte besucht Norah, eine erfolgreiche Pariser Anwältin, ihren sengalesichen Vater in Dakar. Das Wiedersehen nach Jahrzehnten reißt die Tragik der Familiengeschichte wieder auf. Bereits der erste Satz enthüllt die Ambivalenzen der Vater-Tochter-Beziehungen:

Und der, der sie empfing oder wie durch Zufall auf der Schwelle seines großen Betonhauses auftauchte, in einem schlagartig so starken Licht, daß es von seinem hellgekleideten Körper auszugehen und sich von dort zu verbreiten schien, dieser Mann, der klein und schwerfällig dastand und ein weißes Strahlen aussandte wie eine Neonleuchte, dieser plötzlich auf der Schwelle seines übertrieben großen Hauses erschienene Mann hatte, so sagte sich Norah sofort, nichts mehr von seinem Hochmut, von seiner Statur, von seiner früher auf geheimnisvolle Weise gleichbleibenden und dadurch unvergänglichen Jugendlichkeit.

Der ehemals herschsüchtige und unnahbare Vater hat sich in einen hinfälligen Mann verwandelt, der nachts in den Ästen eines Flammenbaums schläft. Die Familie liegt in Trümmern. Eine Frau wurde getötet, Norahs Bruder darbt im Gefängnis. Es ist an Norah, das Rätsel zu entwirren. Fanta, die Frau in der zweiten Geschichte, erschließt sich den Lesern dagegen nur durch die Perspektive ihres Mannes Rudy. Sie folgte ihrem Mann aus dem Senegal in die französische Provinz. Der ehemalige Lehrer und jetzige frustrierte Küchenverkäufer durchlebt einen heißen Sommertag, der eine kathartische Wirkung entfaltet – lange verschüttete Erinnerungen an ein Verbrechen im Senegal werden geweckt. Im Konflikt mit einer dominanten Mutter und der eigenen Frau, die sich immer mehr zurückzieht, muss Rudy sich auf sein eigenes Ich beziehen.

Festung Europa, oder: Tod am Grenzzaun

Khady Demba, die Heldin der dritten Geschichte, ist ganz auf sich allein gestellt. Die junge afrikanische Witwe lebt bei der Familie ihres verstorbenen Mannes, die sie lieblos als Arbeitskraft duldet. Khady Demba hat keine familialen Verbindungen mehr, an denen die anderen Protagonisten leiden, keine Kinder, obwohl sie von einem großen Kinderwunsch erfüllt war. Geblieben ist aber ein starkes Bewusstsein für ihre Individualität, ihre menschliche Würde. Als ihre Famile ihres Mannes sie an einem Schlepper übergibt, der sie nach Europa bringen soll, beginnt für Khady Demba eine Oyssee des Leidens, die schließlich am Grenzzaun nach Europa tödlich endet. Durch die Innenperspektive der Analphabetin Khady, die nur weiß, was sie selbst erlebt hat, erlebt man die Hoffnungslosigkeit der Flüchtlinge ebenso unvermittelt wie die Trostlosigkeit der Durchgangslager und das Zwangsystem der Prostitution. In Europa verschließt man diesen Dingen gegenüber gern beide Augen. Weil Drei starke Frauen ganz bewusst die afrikanischen Flüchtlingsströme, das Ertrinken im Meer oder den Tod am europäischen Grenzzaun thematisiert, ist es auch ein eminent politisches Buch. Und zugleich ein Buch der französischen Gegenwartsliteratur, das gelesen werden muss.

Autorin&Copyright: Heide Reinhäckel

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Marie NDiaye, Drei starke Frauen
(Okt./Nov. 2010)
E-Book (epub/PDF) 19,99 Euro
Hardcover (Suhrkamp) 22,90 Euro

[e-book-review] Brügge sehen & überleben: Linus Reichlin, Der Assistent der Sterne

assistent-der-sterne-e-book-reviewMit seinem Krimi-Erstling „Die Sehnsucht der Atome“ ergatterte Linus Reichlin 2009 den Deutschen Krimipreis. Kriminalkommissar Hannes Jensen aus Brügge, ein Deutscher im belgischen Polizeidienst, tauchte hier zum ersten Mal auf. Im aktuellen Sequel „Der Assistent der Sterne“ spendiert der Schweizer Autor mit Wohnsitz in Berlin uns nun nicht nur ein Wiedersehen mit Jensen, sondern auch mit seiner blinden Freundin O’Hara. Wie heißt es so schön: „never change a winning team“. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel verrrät, ob das hier auch gelohnt hat.

Kalte Tage in Brügge, heiße Nächte in Reykjavik

Klimawandel? Nichts da: Brügge erlebt in Reichlins aktuellem Krimi „Der Assistent der Sterne“ den kältesten Winter seit fünfzig Jahren. Kommissar Jensen hat inzwischen den Dienst quittiert, um sich ganz seinem Hobby zu widmen – der Quantenphysik. Kurz vor der Abreise zu einem Privatseminar in Island erhält der pensionierte Kriminalist eine rätselhafte Nachricht – ein „Féticheur“ warnt ihn vor einer Frau, deren Namen er nicht kennt: Vera Lachaert. In Reykjavik verbringt Jensen dann nach einigen Verwicklungen eine Nacht mit einer geheimnisvollen Schönen mit afrikanischem Namen, die ihn im Liebestaumel in den Hals beisst. Als er nach Brügge zurückkehrt, ist seine blinde Freundin O‘Hara besorgt: Denn nach der Prophezeiung eines Hellsehers soll ein Mann mit einem Mal am Hals die Tochter ihrer Freundin töten – ihr Name ist: Vera Lachaert. Jensen verbirgt die Bisswunde unter einem Kaschmirschal und beginnt zu ermitteln. Während die ungewöhnliche Kältewelle Brügge fest im Griff hat, setzt ein rätselhaftes Spiel um Wahrheit und Zufall, um Schuld und Sühne ein, das Jensen zur Lösung des Falles schließlich zu einer weiten Reise zwingen wird.

Fetischbeschwörungen, Jeepfahrten und Schiffspassagen

Reichlins neuester Krimi ist hervorragend komponiert. Jedes Kapitel besitzt eine eigene Logik, die Schauplätze wechseln und jede Szene, ob nun eine Jeepfahrt in Island, Fetischbeschwörungen in Antwerpener Dachkammern oder die Under-Cover-Schiffspassage auf einem Containerschiff, trägt zur Spannung bei, die bis ans Ende hält. Doch nicht nur der Plot ist gut durchdacht, auch die Romanfiguren tragen wesentlich zum Erfolgsfaktor des Buches bei: Ein über das Universum, die Gesetze der Physik und des Zufalls philosophierender Kommissar, die blinde Freundin mit dem Wahlspruch SEMPER SINE AUXILIO, ein verhaltensauffälliger Physikprofessor, eine vermeintliche Adoptivtochter, die verschwindet – das Personal ist übersichtlich, die Figuren sind nie fade oder nur Staffage, sondern besitzen Tiefe und Ambivalenz.

Es gibt sie noch, die guten Kriminalromane…

Somit führt der „Assistent der Sterne“ die gute alte Krimimanier vor, nach den psychologischen Motiven eines Verbrechens zu fragen, und die Auflösung des Falles nicht den Laborwissenschaften à la CSI zu überlassen. Der sich einstellende Lesesog resultiert nicht zuletzt auch aus Reichlins beglückender Sprache, aus dem hintergründigen Humor, der an einigen Stellen unvermittelt aufblitzt, genauso aber aus der Genreübertretung eines Romans über einen ebenso pragmatischen wie philosophischen Kriminalkommissar. Auch wenn das Thermometer noch nicht zwanzig Grad unter Null zeigt: Dieser melancholische Winterkrimi ist genau die passende Lektüre für den ausklingenden Herbst.

Autorin&Copyright: Heide Reinhäckel

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Linus Reichlin,
Assistent der Sterne (Oktober 2010)
E-Book (epub-Format), 8,99 Euro
Taschenbuch (Galiani), 8,95 Euro.

[e-book-review] Restrisiko des Schweigens – Nicol Ljubićs „Meeresstille“ & das verdrängte Erbe des Jugoslawienkriegs

meeresstille-ljubic-deutscher-buchpreis-longlist-e-book Mit „Meeresstille“ erzählt Nicol Ljubić die Geschichte von Robert und Ana. Eine Boy-meets-Girl-Geschichte im Berlin der Neunziger Jahre. Doch das Girl ist ein serbisches Mädchen, und ihr Vater der Kriegsverbrecher Zlatko Simic, angeklagt in Den Haag. Die Beziehung zerbricht an der unbewältigten Vergangenheit, an der Unfähigkeit, das Schweigen zu durchbrechen. „Meeresstille“ schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises – ob sich der Download der E-Book-Version lohnt, verrät unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Meeresstille und Familiengeheimnis

Mit romantischer Naturbetrachtung hat „Meeresstille“ nichts zu tun. Eher mit der alten Volksweisheit „Stille Wasser sind tief“. Ein Familiengeheimnis steht zwischen Robert und seiner serbischen Freundin. „Ana, warum hast du mir nicht erzählt, was dich bedrückt?“ Diese Frage steht ganz am Anfang. Denn in Nicol Ljubićs zweitem Roman geht es um die oft verdrängte Erinnerung an den jugoslawischen Bürgerkrieg. In wenigen Jahren kamen auf dem Balkan mehr als 100.000 Menschen ums Leben, die meisten davon Zivilisten. Die traumatischen Erfahrungen der Opfer wie auch die Schuld der Täter verschonen auch die nächste Generation nicht. Ana bringt Robert das serbische Wort für Meeresstille bei, kann aber nicht über ihre Vergangenheit und die ihrer Familie sprechen.

Grenzgänge zwischen Journalismus und Literatur

Nicol Ljubić selbst ist Kroate und wurde 1971 in Zagreb geboren. Weil sein Vater als Flugzeugmechaniker im Außendienst tätig war, wuchs er in Griechenland, Schweden und Russland auf. Dann zog die Familie nach Deutschland. Ljubic studierte Politikwissenschaften und absolvierte schließlich die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Als freier Autor schreibt er u.a. für den Tagesspiegel, Geo, Spiegel und Brigitte und ist spätestens seit als 2005 Theodor-Wolff-Preisträger kein Unbekannter mehr. Auch nicht beim Thema Jugoslawien: Bereits mit dem 2006 erschienenen Buch „Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde“ näherte sich dem Land seiner Eltern an.

Ein Shakespeare-Experte als tragische Figur

„Meeresstille“ nimmt einige Elemente der eigenen Biographie auf: Auch Roberts Eltern stammen aus Kroation, er ist in Berlin geboren und interessiert sich kaum für das Heimatland seiner Eltern, bis er die serbische Studentin Ana trift. Ihren Berlin-Aufenthalt finanziert sie bezeichnenderweise über ein Stipendium für Nachkommen von SS-Opfern. Aus den ehemaligen Opfern sind in der nächsten Generation Täter geworden. Eines Tages entdeckt Robert, dass Anas Vater, der serbische Shakesspeareexperte Zlatko Šimić, in Den Haag vor dem Menschenrechts-Gerichtshof als Kriegsverbrecher angeklagt ist. Robert reist nach Den Haag, um Anas Schweigen zu verstehen und wird mit der juristischen Aufarbeitung eines Krieges konfrontiert, den er selbst nur aus der Ferne wahrgenommen hat. Für Robert beginnt eine doppelte Form der Vergangenheitsbewältigung. Die Beobachtungen des Haager Prozeßalltags überschneiden sich mit Rückblenden auf eine gescheiterte Beziehung.

Der Rest darf kein Schweigen sein

Man könnte „Meeresstille“ auch als eine Fortsetzung des Journalismus mit literarischen Mitteln bezeichnen. Ljubić hat für das Buch ausgiebig recherchiert. Mit einem Grenzgänger-Stipendium der Bosch-Stiftung bereist er Bosnien, er interviewte serbische Studentinnen in Berlin und besuchte den Schauplatz Den Haag. Erzählerisch geht Meeresstille allerdings weit über jede Form von „Doku-Fiction“ hinaus. Ljubić findet eine leise, unaufgeregte Sprache für sein Sujet. Solchermaßen gelingt es ihm, am Beispiel der bei uns schon fast vergessenen Jugoslawien-Kriege eine allgemeingültige Botschaft zu platzieren: im Krieg werden am Ende alle zu Opfern. Auch der Shakespeare-Experte ist eine tragische Figur. Doch mit „Der Rest ist Schweigen“, das zeigt Ljubić mit „Meeresstille“ zugleich, kommt man im wahren Leben nicht weiter. Reden über die Schuld dagegen würde helfen.

Autorin&Copyright: Heide Reinhäckel

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Nicol Ljubić,
Meeresstille (Februar 2010)
E-Book (epub-Format), 9,99 Euro
Hardcover (Hoffmann & Campe), 17,00 Euro.

[e-book-review] Zwischen Frühlingserwachen & emotionalem Notprogramm: Michael Köhlmeiers „Madalyn“

madalyn-koehlmeier-e-book-bestseller Michael Köhlmeier ist ein Vielschreiber und altersmäßig längst jenseits der Midlife-Crisis. Neben zahlreichen Erzählungen und Romanen kennt man den österreichischen Autor (Jahrgang 1949) durch seine Nacherzählungen von klassischen Sagen des Altertums und biblischen Geschichten. In seinem neuen Roman Madalyn verschränkt Köhlmeier nun die Liebeswirren von Wiener Teenagern mit der Schreibkrise eines alternden Schriftstellers. Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 gehörte Madalyn zu den sechs auch als E-Book lieferbaren Romanen. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel verrät, was von Madalyn zu halten ist.

„Noch keine vierzehn Jahre alt“: Frühlingserwachen in den Nullerjahren

In Wien lebt eine Schriftsteller namens Sebastian Lukasser. Was denn, nie gehört? Kein Wunder: Lukasser ist der fiktive Ich-Erzähler in Michal Köhlmeiers neuem Roman. Köhlmeiers literarisches Alter ego residiert in einer Altbauwohnung im dritten Wiener Bezirk und quält sich mit einem neuen Buch ebenso ab wie mit einer ausklingenden Liebesbeziehung. Da kommt ihn eine Ablenkung ganz recht, die in Gestalt der minderjährigen Madalyn an seiner Tür klingelt. Damit sind Autor wie Erzähler beim Thema, nämlich: Frühlingserwachen in den Nuller Jahren. Eigentlich muss man schon sagen, das Thema fällt dem Erzähler mit der Tür ins Haus. Denn bereits der erste Satz des Romans lautet: „Im Frühling 09 war Madalyn noch keine vierzehn Jahre alt“.

Zwischen Liebeskrise und Schreibkrise

Doch Köhlmeier ist nicht Nabokov, und Madalyn keine Lolita. Wie man bald feststellt, verbindet den Autor und die Heranwachsende eher eine Art respektvoller Freundschaft, seit Lukasser Madalyn nach einem Unfall ins Krankenhaus gebracht hatte – sie ist eine Art selbstgewähltes Patenkind geworden. Madalyn, die mit ihrer Familie eine Etage unter Lukasser wohnt, hat ein Problem: sie ist zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt. Doch Moritz, der Auserwählte, ist leider in jeder Beziehung das Gegenteil eines Musterschülers. Er schwänzt die Schule, raucht nicht nur Zigaretten, hat lose Vorstellungen von anderer Leute Eigentum und ist damit eigentlich nicht gerade der passende Umgang für das zarte Mädchen, das sich mit seinen Sorgen dem Schriftsteller anvertraut. Da Lukasser in einer Schreibkrise steckt, vertieft er sich mehr und mehr in den Stoff, den ihm das wirkliche Leben in Gestalt der Liebeskrise seiner jungen Nachbarin liefert.

Lebenslügen alter Männer und Teenager-Schwindeleien

Köhlmeier-Leser kennen den Ich-Erzähler Sebastian Lukasser bereits aus Köhlmeiers Roman Abendland von 2007. Auch dort gab Lukasser ein fremdes Leben wieder und ließ sich von einem 95jährigen Moribunden dessen bewegtes Leben diktieren, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts bilanzierte. Dagegen ist Madalyn eine leise Geschichte über die Anfänge der Empfindsamkeit, über die Pubertät und die verwirrenden Ambivalenzen der ersten Liebe. Der 16jährige Moritz erinnert nicht umsonst an Wilhelm Buschs berühmtes Bubenduo. Er stammt aus prekären Verhältnissen und entpuppt sich als routinierter Lügner. Dies verbindet ihn allerdings mit Lukasser, denn schließlich wissen wir schon seit Platons Zeiten, dass letztlich alle Dichter lügen. In einer der stärksten Passagen des Romans treffen Lukasser und Moritz aufeinander und liefern sich das „Duell zweier Lügner“, wie im FAZ-Feuilleton wahrheitsgetreu zu lesen war. Nur zeigt der schmale, aber sehr lesenswerte Roman, dass Lebenslügen älterer Männer deutlich schmerzhafter sind als Teenager-Schwindeleien. So schwant am Ende auch Lukasser, dass es mit seiner eigenen Beziehung, dem „emotionalen Notprogramm“, wohl nicht so weitergehen kann. Mal ganz zu schweigen vom Romanprojekt.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Michael Köhlmeier,
Madalyn (August 2010)
E-Book (epub-Format), 17,90 Euro
Hardcover (Hanser Verlag), 17,90 Euro.