Projekt „eVerkündung“: Bundesgesetze treten bald digital in Kraft – die gedruckte Fassung ist nicht mehr nötig

everkuendung-bundesgesetze-digitalPreisfrage: Wann tritt ein Bundesgesetz in Kraft? Wenn es vom Bundestag beschlossen wurde? Nein. Wenn es vom Bundespräsidenten unterzeichnet wurde? Nein. Erst, wenn es „im Bundesgesetzblatte verkündet“ wird — so will es Artikel 82 des Grundgesetzes (es war übrigens der erste Gesetzestext, der im Bundesgesetzblatt verkündet wurde…). Mit anderen Worten: ein Gesetz muss auf Papier gedruckt vorliegen. Jedenfalls bisher. „Gesetze und Verordnungen verkünden wir künftig uneingeschränkt digital“, prophezeite nämlich Bundesjustizministerin Katarina Barley kurz vor Weihnachten gegenüber der FAZ. Das elektronische Bundesgesetzblatt werde demnächst „die einzig verbindliche Fassung von Gesetzen und Verordnungen beinhalten“, so Barley weiter. Auf einer neuen Online-Plattform könnten dann alle BürgerInnen „kosten- und barrierefrei auf amtlich verkündete Gesetze und Verordnungen im Bundesgesetzblatt zugreifen“.

Dumont-Verlag verliert Veröffentlichungs-Privileg

Bisher geht das nur eingeschränkt, denn seit der Privatisierung des Bundesgesetzblattes im Jahr 2006 verdient der Dumont-Verlag recht gut daran, durchsuchbare, kopierbare und ausdruckbare PDF-Versionen von Gesetzen zur Verfügung zu stellen — denn solche Features erhalten nur Abonnenten, die mindestens 100 Euro pro Jahr zahlen. Merkwürdig eigentlich, denn Gesetze sind laut Gesetz gemeinfrei, genießen also keinen Urheberrechtsschutz (der Dumont-Verlag beruft sich allerdings auf eine Sonderregelung, die Datenbanken betrifft). Deswegen hat die Stiftung OpenKnowledgeFoundation vor einiger Zeit das Recht in eigene Hände genommen und veröffentlicht unter offenegesetze.de die Vollversion von Gesetzestexten in der im Bundesgesetzblatt veröffentlichten Fassung.

Open Knowledge Stiftung prescht voran

„Zentrale Dokumente der Demokratie müssen offen für alle bereitstehen. Das Urheberrecht darf der Demokratie nicht im Wege stehen“, so die Macher des Portals, das Anfang Dezember 2018 an den Start ging. Das hat nun offenbar das Bundesjustizministerium unter Zugzwang gesetzt, zumindest relativ. Denn die benutzerfreundliche, kostenlose und vollumfängliche „eVerkündung“ der Bundesgesetze – in vielen Bundesländern bei Landesgesetzen schon realisiert — soll erst ab dem 1. Januar 2022 funktionieren, also in drei Jahren. Und ganz klar scheint auch noch nicht zu sein, ob das dann eine Bundesbehörde übernimmt, oder wieder ein Unternehmen.

Wer Visionen hat, soll zum Kiosk gehen: Das Grundgesetz wird als Bookazine zum Bestseller

Grundgesetz-als-BookazineAm 23. Mai 2019 heißt es: Happy Birthday, Grundgesetz – und zwar zum siebzigsten Geburtstag. Die Würde des Menschen ist unantastbar, so beginnt dieser Klassiker, doch wo gibt es eigentlich ein Grundgesetz, das man gerne anfasst? Derzeit am Kiosk: Medienunternehmer Oliver Wurm und Designer Andreas Volleritsch haben schon vor einigen Wochen unsere Verfassung ansehnlich gelayoutet, mit Grafiken und Zusatzinformationen ergänzt als „Bookazine“ bundesweit in den Vertrieb gebracht — die gesamte Auflage beträgt 100.000 Exemplare. Mit großem Erfolg: im Bahnhofsbuchhandel gehen die 124 konstitutionellen Seiten zum Preis von zehn Euro weg wie geschnitten Brot, eine Zusatzauflage von weiteren 60.000 Stück wird rasch nachgedruckt.

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Self-Publishing via Presse-Grosso

Was wohl auch daran liegt, das nicht alle Exemplare der Erstauflage am Point-of-Sale gelandet sind: Zur Refinanzierung wurde nicht auf Anzeigen gesetzt, sondern auf die Unterstützung via Vorverkauf – 70 ausgewählte Unternehmen, Stiftungen und Verbände haben Hefte für ihre Klientel geordert. Hilfreich bei der Anbahnung dieses „Self-Publishing-Projekts“ (nämlich ohne Verlag im Hintergrund) waren wohl auch Wurms Media-Erfahrungen u.a. als Bildzeitungs-Redakteur, Panini-Städte-Alben-Produzent und nicht zuletzt ein erfolgreicher Vorlauf mit dem Kiosk-Vertrieb des Neuen Testamentes in Magazinform (siehe bibelalsmagazin.de), anlässlich des Ökumenischen Kirchentags 2010.

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Einmal Zeitung, einmal Verfassung bitte

Interessanterweise ist das Projekt auch 100 Prozent Print-only, und wirkt zudem noch unterstützend für andere Papierprodukte: aus dem Bahnhofsbuchhandel wird nämlich auch von einer „hohen Quote von Koppelkäufen“ berichtet, etwa Nachrichtenmagazine oder überregionale Tages- und Wochenzeitungen. Eins geht aber dann doch online: die Bestellung von einzelnen Heften, sie ist über die Landing-Page dasgrundgesetz.de möglich (ohne Aufpreis, also für zehn Euro inkl. Versandkosten).

(via meedia.de)

Blinkist, ein Service für Sachbuchverschlinger: alle Inhalte, in 15 Minuten — macht das Sinn? (tl;dr: Nee.)

blinkist-schneller-lesen-serviceSpeedreading, da ist es wieder. Diesmal zum Glück nur für Non-Fiction, und nicht als Buchstaben-Schnellaufband: unter dem Markennamen „Blinkist“ werden innerhalb von 15 Minuten konsumierbare Zusammenfassungen von Sachbüchern angeboten, inzwischen gibt es diesen Service auch auf Deutsch. Also sozusagen ein Readers Digest für den Online-Leser. Jedes Kapitel wird als eigener „Blink“, übersetzt also etwa „Augenblick“, in wenigen Sätzen zusammengefasst, am Ende gibt es dann noch mal ein ganz kurzes Abstract („Kernaussage“ genannt) des gesamten Buches.

Speedreading als semantische Sackgasse

Das gute an diesem Konzept ist sicherlich, dass es nicht auf die extreme Verkürzung von Inhalten setzt, wie z.B. bei den „Sekundenbüchern“ für die Apple Watch, und genausowenig auf die Beschleunigung des Lesevorgangs à la Spritz oder Word Runner. Denn ein Kapitel lässt sich kaum in einem Tweet zusammenfassen, und wer einen 200-Seiten-Text in 30 Minuten an sich vorbeiziehen lässt, hat auch nicht viel davon, denn die zum tieferen Textverständnis notwendigen kognitiven Prozesse lassen sich auf diese Weise nachweislich nicht umgehen.

Wie wäre es mit dem Klappentext?

Das E-Book-Zeitalter legt andererseits natürlich zeitverkürzende Lektüre nahe — schließlich sind Bücher auch viel schneller verfügbar, innerhalb von Sekunden. Und beim Lesen von Webtexten sind wir auch auf das Querlesen, das „Scannen“ konditioniert. Bei längeren Texten funktioniert das aber nicht. Doch löst Blinkist das Problem durch die gute alte Digest-Methode (immerhin von Autoren geschrieben und nicht von Algorithmen)? Leider auch nicht. Wer eine gute Buchkritik liest, den Klappentext oder – via Onlineleseprobe – die Einleitung, bekommt Zusammenfassungen in weitaus besserer Qualität, bei der Einleitung auch noch in der Tonalität des Autors, bei der Rezension auch noch mit einer Einordnung des Textes in den Kontext. Und im Netz – siehe Perlentaucher – bekommen eilige Leser sogar Zusammenfassungen von Rezensionen.

E-Book-Singles als bessere Lösung

Außerdem gibt es längst ein fertiges Produkt bzw. Konzept, um Buch-Inhalte „schneller“ — was die Lesedauer betrifft — in elektronischer Form unter die Leute zu bringen: die E-Book-Singles, Texte, die man meist in 30 bis 45 Minuten konsumieren kann, wenn sie gut geschrieben sind, als eine Art Essay, dann auch mit Genuss. Einer der ersten Erfolge dieser Art war Jeff Jarvis‘ „Gutenberg The Geek“, und es gibt eine Menge Nachfolger. Wer noch ein bisschen mehr Zeit hat, kann sie auch in Mittelstreckentexte investieren, wie sie etwa Verlage à la Mikrotext oder Sukkultur anbieten.

Und wer braucht dann überhaupt Blinkist? Der Guardian hat einen möglichen Use-Case schön zusammengefasst: „it may appeal less to a time-poor, avid reader than a sweating businessman, crouched in a golf course toilet, trying to quickly brush up on his knowledge of politics or astrophysics to impress his boss.“

(via The Guardian)

Kritzeln, Skizzieren, Schreiben: E-Ink stellt mit JustWrite einen Wunderblock à la Boogie Board vor

justwrite-eink-schreibtafelWas elektronischen Lesen betrifft, ist dank E-Ink mit allen Finessen inzwischen ein guter Standard erreicht, was Auflösung und Kontrast sowie schnelles „Umblättern“ betrifft. Beim elektronischen Schreiben –genauer gesagt dem Schreiben mit dem Stift — sieht das bisher noch etwas anders aus. Vor allem die Verzögerungsrate verhinderte bisher ein natürliches Schreibgefühl. Marktführer E-Ink scheint nun aber eine Lösung in petto zu haben, die alltagstauglich und „Notizbuch“-fähig sein könnte, Stichwort: „Near Zero Latency“. Dabei wird offenbar der vom Boogie Board bekannt Ansatz verfolgt — das bis zu drei Zoll große, biegsame Display ist eher einer Art reflexiver, magnetischer „Wunderblock“, die Farbpigmente zur Zeichendarstellung werden durch einen (wahrscheinlich) akkubetriebenen Stylus in Position gebracht.

Weiß-auf-Schwarz-Optik erinnert ans Boogie Board

Die neue E-Ink-Technologie namens Just Write wurde bereits auf der Messe Connected Ink in Japan vorgestellt, genaueres ist allerdings bisher weder über die Funktionsweise noch über einen möglichen Marktstart bekannt. Wie The Digital Reader berichtet, ist E-Ink ausgesprochen zurückhaltend bei der Promotion, immerhin lässt sich aus einer kurzen Pressemitteilung noch entnehmen, dass die Schreibfolie genau wie E-Ink-Displays im Roll-to-Roll-Verfahren produziert werden kann. Das Demo-Video auf Youtube (siehe unten) gibt es auch, gerade die Vorführung von Just Write (inklusive Weiß-auf-Schwarz-Optik) erinnert doch sehr stark an das Boogie Board.

(via The Digital Reader)

Neue PwC-Prognose: E-Books stabilisieren den Buchmarkt — Gesamtumsatz bleibt bis 2022 im Plus

umsaetze-im-buchmarkt-dank-ebooks-stabilE-Books essen Print-Books auf, und mehr ist nicht? Die reine Kannibalisierungs-These scheint nun endgültig widerlegt zu sein: denn einer Prognose von PricewaterhouseCoopers (PwC) zufolge wird das starke Umsatzwachstum im elektronischen Bereich in den Jahren 2018 bis 2022 dafür sorgen, dass auch der Buchmarkt insgesamt leicht im Plus bleibt. Genauer gesagt: jährlich plus 0,4 Prozent Umsatzwachstum sagen die Wirtschaftsprüfer voraus, das Gesamtvolumen des Marktes steigt dabei von bisher 9,13 Mrd. Euro auf 9,34 Mrd. Euro.

Schrumpfender Print-Umsatz wird (über-)kompensiert

Mit Print alleine würde das nicht gelingen, denn der Markt für Gedrucktes schwächelt — PwC prognostiziert bis 2022 ein jährliches Schrumpftum von 1,5 Prozent. Der E-Book-Sektor dagegen wächst im Mittel um 12,8 Prozent. Deswegen erwarten die Experten, dass „die steigenden E-Book-Umsätze die voraussichtlich in allen Segmenten rückläufigen Printumsätze in Deutschland kompensieren werden.“

Die Zahlen sind im Rahmen des „German Entertainment and Media Outlook 2018 – 2022“ erhoben worden (siehe die PDF-Vollversion), und entsprechen dem allgemeinen Trend: insgesamt wuchs der Gesamtumsatz in der Medien- und Unterhaltungsbranche im Jahr 2017 um 2,1 Prozent auf 60,6 Mrd. Euro, ein Trend, der bereits seit drei Jahren anhält.

Ein Viertel der Umsätze im Unterhaltungssektor bereits digital

Das freut aber nicht alle: „Doch unter dieser scheinbar gleichmäßigen Oberfläche kommt es im Zuge der Digitalisierung zu erheblichen Verwerfungen“, schreiben die Studienmahcer — Newcomer (siehe Amazon & Co.) und klassische Vertreter der Branche würden um Marktanteile konkurrieren.

Dabei bestätigt sich aber die alte „The Sky is Rising“-Regel: „Rückgänge im analogen Bereich werden durch digitale Medien mehr als wettgemacht“. Bereits 2018, so PwC, könnten in Deutschland die Digitalerlöse ein Viertel des gesamten Umsatzes im Bereich Medien und Unterhaltung ausmachen.

(via boersenblatt.net)

Sie essen nicht, sie trinken nicht, sie schreiben honorarfrei: Sind Algorithmen auf Nischenmärkten die besseren Autoren?

icon-group-webseiteEs ist November, und damit mal wieder „National Novel Generating Month“. Wie üblich darf man sich auch dieses Jahr fragen: wird jemand die computergenerierten 50.000-Zeichen-Texte wirklich lesen? Und wird irgendwann mal einer dieser Retorten-Romane aus dem neuronalen Netzwerk ein Bestseller? Keine völlig müßige Frage, denn funktionierende Geschäftsmodelle mit automatisch generierten Buch-Inhalten gibt es schon. Ganz vorne dran ist der Digital-Entrepreneur Philip M. Parker, der uns via TED-Talk verspricht: „Your phones should be writing books for you soon“. Seine bereits 2007 patentierte Software für „Automated Authoring and Marketing“ hat bereits mehr als eine Million (Sach- bzw. Fach-)Buchtitel erstellt, die via Print-On-Demand unter dem Verlagslaben „ICON Group International“ verkauft werden. Und das auch noch ziemlich hochpreisig, so à la 1.000 Dollar pro Titel.

Im Long-Tail funktioniert das Geschäftsmodell gut

Das scheint sich zu lohnen: „Algorithmen sind im Long Tail-Business bereits definitiv die besseren Autoren“, wird Parker auf heise.de zitiert. Also wohl dem, der sich eine seeeehr lange Backlist mit abseitigen Themen zusammenprogrammiert: „Biete Produkte zu möglichst vielen Nischenthemen an, und das Geschäftsmodell geht auch dann auf, wenn Du nur einen Bruchteil davon verkaufst“, erklärt der in Singapur lehrende Wirtschaftswissenschaftler. In der Regel stammen die Inhalte aus Datenbanken und Online-Archiven — von Wetterdaten bis zu kompletten Marktstudien — und werden dann automatisch aufbereitet bzw. zusammengestellt und für den Druck formatiert.

Kommt bald die Dissertation — oder der Roman — auf Knopfdruck?

Interessanterweise kann Parkers Technologie auch Texte in diverse Sprachen übersetzen, was die Zahl der potentiellen Kunden wiederum vervielfacht. Außerdem wird offenbar schon daran gefeilt, eine clevere Kombination aus „Natural Language Generation“ und Data-Mining auf akademische Texte und sogar literarische Genres loszulassen. Mal ganz zu schweigen davon, dass Parkers App angeblich schon jetzt Wikipedia-Artikel übersetzen oder from scratch schreiben kann — und auch unter dem Label „Totopoetry“ schon fleißig Sonette verfasst. Nicht nur die Organisatoren des NaNoGen-Month dürften sich also bald über neuen Retorten-Content freuen…

Internet Archive macht C64-Games per Mausklick im Browser zugänglich — dank VICE-Emulator-App

c64-via-internet-archive-browser-appLängst gehören auch Computerspiele zum archivierungswürdigen Kulturgut – und interessanterweise sind sie online ähnlich einfach verfügbar wie E-Books oder Print-Buch-Scans: nämlich direkt im Browser, in diesem Fall über den als Browser-App laufenden VICE-Emulator. Das Internet-Archive hat nämlich gerade eine riesige Ladung klassischer C64-Software in seinen Katalog aufgenommen, neben klassischen Games wie Zaxxon, Quest for Tires oder Falcon Patrol auch Simulations-Programme wie „Little Computer People“ oder legendäre Text/Grafik-Adventures à la The Hobbit. Gerade mit den Adventures ist somit nun auch klassische Interactive Fiction per Mausklick zugänglich, und damit eine Software-Gattung, die dem E-Book besonders nahe steht. Insgesamt sind via Internet Archive mehr als 30.000 Programme für den C64 zugänglich, darunter allerdings auch mehr als 20.000 Demos.

Steuerung mit Cursor-Tasten möglich

Um die C64-Spiele tasächlich direkt im Browser nutzen zu können — also ohne zusätzliche Steuergeräte à la Joystick, muss man allerdings den VICE-Emulator richtig einstellen — sonst passiert nicht viel. Dazu geht man nach dem Start des jeweiligen Programms mit der F12-Taste ins VICE-Menu, legt unter „Machine Settings/Joystick Settings“ mit „Define Keysets“ die gewünschten Tasten fest, zum Beispiel Cursortasten für Up, Down, Left, Right und Space für Fire, und wählt dann als Joystick-Device die gerade festgelegte Tastaturbelegung (Keyset 1 oder Keyset 2) aus. Weitere Tipps zu diesem Thema gibts auf dem C64-Wiki.

(via Golem.de)

Print ist links, digital neoliberal, Meinungsfreiheit ein Fall für die Wochenendausgabe…?

Ist Print links, Digital liberal? Eine interessante Frage. „Selbst als links geltende Medienhäuser sind damit beschäftigt, ihre Tageszeitungen abzuschaffen“, tadelte kürzlich die „Junge Welt“ in einem Editorial, und meinte damit taz und Neues Deutschland. Die würden nämlich beide ihre Wochenendausgaben „aufblasen“ und den Ausstieg aus der werktäglichen Printausgabe planen. Tatsächlich „bastelt“ auch das ND nicht nur an „diversen digitalen Formaten“ herum, sondern serviert seinen Lesern Ende Oktober eine Blattreform: die dann bereits im Titel als „ND. Der Tag“ erkennbare Wochentags-Ausgabe schrumpft (außer donnerstags) von 20 auf 16 Seiten, Themen die nicht ganz wegfallen (wie etwa die Panorama-Seite) werden auf die jeweilige Wochenend-Ausgabe („ND. Die Woche“) verschoben. Zugleich wirbt ein grafisch frisch gestyltes Online-Magazin namens „Supernova“ um junge LeserInnen.

Die taz hat ja schon vor einiger Weile viele Ressourcen in Richtung Wochenend-Ausgabe und Online-Redaktion verschoben, und kurz vor dem Umzug ins neue Gebäude den GenossInnen schon mal den Ausstiegstermin in Sachen Werktags-Print prophezeit: 2022. Hintergrund dieses bisher nur „vorgeschlagenen“ Szenarios: Schon jetzt zahlt die Hälfte der pro-aktiven Lesergemeinde nicht für die gedruckte Ausgabe, sondern nur für die Samstagsausgabe, für das E-Paper oder spendet freiwillig für die kostenlos lesbare Online-Ausgabe.

„Mit dem aktuellen Schritt hinkt das ND der taz zwar mehr als drei Jahre hinterher — dafür wird das ND keine vier Jahre brauchen, um sich selbst als Tageszeitung abzuschaffen“, ätzt die JW. Und setzt selbstbewusst ihren eigenen Plan dagegen: weiterhin gedruckt und digital zu erscheinen, und damit — jetzt wird’s spannend — die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit sicherzustellen. Artikel 5 (1) zufolge hat ja jeder das Recht, sich aus „allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“.

Wie „allgemein zugänglich“ online-only-Inhalte sind, ist angesichts diverser Gatekeeper und oft unbemerkt waltender Filtermechanismen eine gute Frage. Die JW fordert deswegen lieber die Aufrecherhaltung „einer adäquaten (Print-)Infrastruktur, wie es mit dem deutschen Grossosystem entwickelt wurde“. So hätten auch kleinere Verlage „zumindest eine Chance, an Zeitungsverkaufsstellen präsent und damit allgemein zugänglich zu sein“.

Außerdem, so das Kalkül der JW, kann eine gedruckte Zeitung natürlich zusätzlich auf Demos verteilt oder im Kollegen- und Bekanntenkreis weitergegeben werden. Letztlich setzt die JW also auf den politisch-gesellschaftlichen Gebrauchswert der gedruckten Ausgabe — und stellt tatsächlich dann auch die These auf: wenn dieser Gebrauchswert stimmt, kann man „gegen alle Trends die [Print-]Auflage steigern“. 1.300 Print-Abos sollen bis Anfang 2019 hinzugewonnen werden, nebst 600 Online-Abos. Angesichts der politisch aufgeheizten Stimmung im Land könnte diese Rechnung tatsächlich aufgehen…

Suhrkamp printet Rezensionsexemplare jetzt on Demand – neuer BoD-Service macht es möglich

suhrkamp-printet-reziexemplare-on-demandVerlagsvorschauen sind immer öfter nur noch digital erhältlich, bei Rezensionexemplaren ist es etwas anders — sie werden nicht selten noch gedruckt verschickt. Was ja auch Sinn macht, weil sich die Rezensenten so auch von der Aufmachung von geplanten Neuerscheinungen machen können. Für solche Vorab-Leseexemplare in Kleinauflage lohnt es sich aber eigentlich nicht, die traditionelle Druckerpresse anzuwerfen — darum ist es nur folgerichtig, wenn Suhrkamp jetzt gezielt Print-On-Demand zu diesem Zweck einsetzt.

Druck und Versand individueller Exemplare

Die Abwicklung geschieht über die BoD-Verlagssoftware Biblioconnect, die Druck und Versand einzelner Exemplare ermöglicht, inklusive individueller Anschreiben. Suhrkamp ist der erste Verlag, der diesen neuen Service nutzt. Auch für wenig gefragte Backlisttitel dürfte sich Print-on-Demand für viele Verlage lohnen, denn je größer die lieferbare Backlist ist, desto eher setzt schließlich der Long-Tail-Effekt ein.

Bei den Verkaufsexemplaren von Neuerscheinungen dürfte es dagegen vorerst beim traditionellen Modell bleibten – sprich, es werden große Auflagen vorab gedruckt und über das klassische Vertriebsnetz — also vor allem über den Buchhandel — unter die Leute gebracht. Auch wenn große Print-on-Demand-Player wie etwa Amazon das sicher auch bei klassischen Verlagen gerne anders regeln würden.

(via Börsenblatt)

Owne alle deine Daten im persönlichen Pod: Mit „Solid“ will Tim Berners-Lee das Web dezentralisieren

solid-pod-berners-leeSir Tim Berners-Lee wurde nicht ohne triftigen Grund in den Adelsstand erhoben — schließlich gilt er als Erfinder des World Wide Webs, mit dem Anfang der 90er das Internet zum Massenphänomen wurde. Heute sagt er jedoch im Blick auf den Zustand des Webs eher: Weh, weh, weh. Denn große Konzerne beherrschen mit ihren Portalen nicht nur die Web-Ökonomie, sondern verhindern auch Datensouveränität für die Nutzer und Netzneutralität für die Daten. So hatte sich Berners-Lee das alles nicht vorgestellt, und plädiert nun für einen Neustart in Sachen Datenschutz.

Der „sichere USB-Stick für das World Wide Web“

Die Lösung des Problems: der „Solid POD“, eine Art „sicherer USB-Stick für das Web“. Dort sollen alle persönlichen Daten gespeichert sein, von Fotos, Videos oder E-Books bis hin zu Kommentaren. Über eine Software-Schnittstelle können die Daten mit ausgewählten Personen bzw. Apps geteilt werden. Der Pod-Server kann bei einem Provider gehostet sein, oder auch auf einem PC zu Hause oder im Büro. Der Grundsatz ist immer der Gleiche: Der Nutzer entscheidet, wer Zugriff auf welche Daten erhalten soll. Und darf auch alleine die eigenen Daten verändern oder löschen.

Berners-Lee schreibt in einem Blog-Post auf Medium: „Solid changes the current model where users have to hand over personal data to digital giants in exchange for perceived value. As we’ve all discovered, this hasn’t been in our best interests. Solid is how we evolve the web in order to restore balance — by giving every one of us complete control over data, personal or not, in a revolutionary way.“

„Selbstermächtigung durch Daten“ als kreatives Prinzip

Um mit dem Prinzip „Personal empowerment through Data“ das Web in neue, kreative Bahnen zu lenken — und zugleich ein Gegengewicht zu den „GAFA“-Big Four zu schaffen, hat sich der heute 63-jährige Berners-Lee schon vor einiger Zeit mit MIT-Kollegen zusammengetan und das Startup „Inrupt“ gegründet, das die Entwicklung des auf Freier Software (Open Source) basierenden Solid PODs vorantreiben soll.

“The web as I envisaged it we have not seen yet“, stellte Berners-Lee schon 2009 fest, aber vielleicht können wir es ja POD-sei-Dank in einiger Zeit mosesmäßig am Horizont aufscheinen sehen. Unter einer Voraussetzung allerdings: die Sache muss uns etwas wert sein. Denn völlig kostenlos, das hat Sir B-L schon mal klargemacht, wird die Datensouveränität nicht zu haben sein.