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Auf den dunklen Seiten der Macht: Silke Nowak, Nocturna – Tödliche Schrift [Leseprobe]

Nocturna_IntroEin mysteriöses Findelkind steht am Anfang von Silke Nowaks neuem Thriller „Nocturna — Tödliche Schrift“. Die Ravensburger Polizei steht vor einem Rätsel, die Spuren führen ins Nichts. Zur selben Zeit bekommt Privatdetektivin Ruby Fuchs Besuch von einer geheimnisvollen Fremden, die sich Madame de Rochat nennt. Sie behauptet, das Kind sei Teil einer Prophezeiung aus dem 16. Jahrhundert, der sogenannten Nocturna des Nostradamus. Der Prophet habe dort vier Morde vorhergesehen – und der erste habe sich bereits ereignet. Die Polizei hält sie für verrückt. Auch Ruby lehnt den Auftrag ab. Als dann aber der zweite Mord wie angekündigt stattfindet und Nummer drei bedrohlich naherückt, gibt es keine Wahl mehr. Ruby und ihr Kollege John stecken bereits mitten in einer Geschichte, die sich nicht erfüllen darf. Wie wahnsinnig ist die Idee einer tödlichen Schrift wirklich? Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel, noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


Silke Nowak, Nocturna. Tödliche Schrift

1.


Mit ihrer Stimme fing alles an. Sie war warm und melodiös und vereinte die Kraft der Verführung des französischen Akzents mit dem tiefen, rauen Klang des Schweizerdeutschen.
„Guten Abend“, sagte sie, „spreche ich mit Ruby Fuchs, der Privatdetektivin?“
„Am Apparat“, erwiderte ich.
Es war Donnerstag, der 3. Januar, als mich ihr Anruf spät abends erreichte. Ich lag in der Badewanne, plätscherte mit den Zehen im Wasser und schaute Sam beim Pizzabacken zu. In meiner Dachgeschosswohnung spielte sich alles in einem einzigen, großen Raum ab, von dem nur eine Toilette abgetrennt war – und mein Herz, wenn man es genau nahm. Denn diese Wohnung hatte ich damals zusammen mit meinem Verlobten bezogen, der kurz darauf im Polizeieinsatz erschossen worden war.
Um mich herum glitzerte der Schaum.
Wie lange war das jetzt her? Vier Jahre? Fünf? Wieder plätscherte ich mit den Zehen im Wasser. Egal, dachte ich. Letztlich war es egal; die Zeit lief nicht mehr geradeaus seitdem, sie war vielschichtiger geworden, tiefer.
„Es tut mir leid, wenn ich so spät noch störe“, hörte ich die Stimme der unbekannten Anruferin wieder. „Aber es ist wichtig.“ Plötzlich wechselte sie ins Französische und fügte hinzu: „C’est très important.“
Mein Französisch war nicht das Beste, aber dass es anscheinend sehr wichtig war, verstand ich.
„Um was geht es denn?“, fragte ich. Das Handy hielt ich einen Zentimeter vom Ohr entfernt, damit es nicht nass wurde.
„Ich habe einen Auftrag für Sie“, kam die Unbekannte zur Sache. Dann wurde ihre Stimme leiser, zugleich noch rauer, als sie wieder auf Französisch hinzufügte: „C’est une question de vie ou de mort.“
De vie ou de mort.
Eine Frage von Leben und Tod.
Das Unheilvolle und zugleich Zärtliche, das in ihrer Stimme mitschwang, alarmierte mich. Tief in mir drin löste dieser Sound etwas aus; etwas, das auf meinen Armen eine Gänsehaut hinterließ. Ich blickte zu Sam hinüber. Seit einem halben Jahr waren wir jetzt zusammen, ein halbes Jahr, in dem meine Gefühle für ihn mit jedem Tag gewachsen waren, ebenso wie meine Angst, ich könnte auch ihn wieder verlieren.
Das Badewasser war plötzlich kalt.
Die kleinen Schaumblasen zerplatzten.
Wenn meine Ängste überhandnahmen und ich beim kleinsten Geräusch ans Revers nach meiner Waffe griff, dann war es Sam, der mich mit seinem Lachen runterholte. Denn ich trug schon lange kein Revers mehr. Ich hatte meine Dienstwaffe abgegeben, nachdem ich meinen Job als Kriminalkommissarin gekündigt hatte.
„Fuchs & Bentwood soll die beste Detektei weit und breit sein, habe ich gehört“, sagte die Frau am Telefon.
„Mag sein“, antwortete ich, ohne Sam aus den Augen zu lassen.
Sam war ein Singer-Song-Writer, der mit seiner Gitarre und den goldbraunen Locken so sorglos durch die Welt ging, als bestünde sie nur aus Licht und Liebe. Auch jetzt summte er etwas vor sich hin, während er mit kurzen, kräftigen Bewegungen den Teig knetete, bis sich das Mehl, Wasser, Salz und Öl zu einer geschmeidigen Masse verbanden. In rhythmischen Abständen trat sein Bizeps deutlich hervor.
„Mit wem spreche ich denn?“, konzentrierte ich mich wieder auf das Telefonat.
„Mein Name ist Madame de Rochat“, antwortete sie. „Ich rufe aus Lausanne an.“
„Aus Lausanne“, wiederholte ich durchaus überrascht. Das erklärte zwar ihre deutsch-französische Zweisprachigkeit, doch zugleich warf es neue Fragen auf.
Sam knetete den Teig.
Die Detektei Fuchs & Bentwood lag in Ravensburg in der Nähe des Bodensees und damit am Dreiländereck Deutschland, Österreich und der Schweiz. Schweizer Kunden waren somit nichts Besonderes, doch bisher waren sie immer aus den angrenzenden, deutschsprachigen Gebieten gekommen. Dass sich jemand aus der französischen Schweiz an uns wandte, war ungewöhnlich.
Ich stieg aus der Wanne.
Ebenso ungewöhnlich wäre es, wenn diese Madame de Rochat wirklich einen großen Auftrag für die Detektei Fuchs & Bentwood hätte, geschweige denn einen, in dem es um Leben oder Tod ging. Denn die Zeiten, in denen sich Privatdetektive mit wirklich großen Dingen beschäftigten, waren längst vorbei. Das Hauptgeschäft von Detektiven bestand heutzutage in der Überwachung von Ehepartnern, Kindern oder Angestellten, deren größtes Verbrechen es war, die Schule zu schwänzen, eine Geliebte zu haben oder Urlaub zu nehmen, wenn er nicht zustand.
„Um was geht es denn genau?“ Ich stand nackt auf dem Teppich, das Wasser lief an mir herab. Ungeduldig wechselte ich die Hand, in der ich das Handy hielt.
„Einen Moment, bitte“, sagte Madame de Rochat. „Ich muss nur mal eben kurz … “
Dann waren schleppende Schritte zu hören, gefolgt von einer männlichen Stimme, die etwas sagte, das ich nicht verstand.
Ich angelte mir ein Handtuch vom Stuhl.
Sam wirbelte den Pizzateig durch die Luft.
Die Trivialität meiner Aufträge machte mir nichts aus. Im Gegenteil. Als ehemalige Kriminalkommissarin in der Abteilung für Organisiertes Verbrechen war ich viel zu lange in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs gewesen. Dort endeten Konflikte nicht mit einer Abfindung oder Scheidung, sondern mit dem Tod. Mit einem grausamen Tod, der dunkle Löcher in den Körpern und Seelen der Menschen hinterließ.
„Hallo?“, fragte ich. „Sind Sie noch dran?“
Keine Antwort. Mir gegenüber stand ein großer Spiegel mit einem Rahmen aus Blattgold. Ich ließ das Handtuch sinken und blickte hinein. Viel zu tief hatte ich schon in das Schwarze, das Hässliche der menschlichen Natur hineingeblickt. Manchmal, wenn ich wie jetzt mein Spiegelbild betrachtete, blickte es noch zurück.
Es ist vorbei, sagte ich mir.
Die Zeit spielte keine Rolle mehr, aber dass es vorbei war, war gut.
Meine langen, dunklen Haare hingen seitlich über meine Schulter nach vorne. Sie waren nass. Ein kleines Rinnsal floss herab. Die feuchte Spur führte über meine Brüste hinab über die Innenseite meiner Schenkel bis zu der Narbe, die rot und hässlich meinen rechten Fußknöchel entstellte.
Es ist vorbei.
„Frau Fuchs?“, hörte ich Madame de Rochat wieder. „Können wir das persönlich besprechen?“ Mit gedämpfter Stimme fügte sie hinzu: „Ich möchte nicht, dass Jakob etwas mitbekommt.“
„Natürlich“, entgegnete ich und legte mich aufs Bett.
Sam strich den Teig auf das Blech, seine Daumen arbeiteten flink, als er die Ecken festdrückte.
„Ich möchte Jakob erst damit konfrontieren, wenn ich mir ganz sicher bin“, sagte Madame de Rochat. Als ich nicht sofort antwortete, fragte sie nach: „Vous comprenez?“
„Ich verstehe“, antwortete ich.
Es handelte sich also um ein Eheproblem. In meiner Phantasie war Madame de Rochat nun die schöne Ehefrau eines Schweizer Millionärs namens Jakob, der sie mutmaßlich betrog. Ich sah diese Frau in ihrer Villa mit Blick auf den Genfer See sitzen, einen Martini in der Hand, die Leere im Blick, das Misstrauen im Herzen. Natürlich würde das kein großer Auftrag werden; abgesehen von der Summe, die Madame de Rochat zu bezahlen bereit war. Zumindest hoffte ich das.
„Dann kommen Sie doch einfach bei mir in der Detektei vorbei“, schlug ich vor. „Sie wissen aber schon, dass wir in Ravensburg sind? Von Lausanne aus ist das ein Stück.“
„Je sais“, sagte sie und übersetzte sogleich selbst: „Ich weiß.“
Sam schob die Pizza in den Ofen und sah mich dabei an. Seine Augen waren Meeraugen, die hell wie das Wasser der Südseestrände funkeln konnten, doch manchmal, so wie jetzt, waren sie dunkel wie das tiefere Gewässer weit draußen.
„Ich habe in nächster Zeit ohnehin in Ravensburg zu tun“, fügte Madame de Rochat noch hinzu.
Auf Sams Wange und auf seinem T-Shirt waren weiße Mehlflecken. Als er herüberkam, bemerkte ich, dass auch seine Jeans voller Mehl war. Er zog Shirt und Jeans aus, bevor er sich zu mir auf das Bett legte.
„Ich kann morgen früh um zehn bei Ihnen sein“, schlug Madame de Rochat vor. „Passt das? Ça vous va?“
„Morgen früh um zehn?“, wiederholte ich.
Sam leckte mir den letzten Wassertropfen aus dem Bauchnabel.
„Okay, ja, das ist gut“, sagte ich schließlich und beendete das Gespräch. Dann schloss ich meine Augen, während sich der Duft von Oregano und Rosmarin im Raum ausbreitete.

2.



Am nächsten Morgen hing ein eisgrauer Himmel über der Stadt. Es war Freitag, der 4. Januar. Die Detektei Fuchs & Bentwood lag nur ein paar hundert Meter von meiner Wohnung entfernt. Der Weg führte über Kopfsteinpflaster durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, vorbei an Bäckerläden, aus denen es nach frischgebackenen Brezeln duftete. In den Cafés wurden um diese Uhrzeit bereits die Stühle zurechtgerückt und Tafeln neu beschriftet. Nur vor den kleinen Boutiquen waren die Gitter noch heruntergelassen.
Es war 09:25 Uhr.
Ich atmete die kalte Morgenluft ein. John Bentwood, mein Partner in der Detektei, war über Neujahr bei seiner Familie in England gewesen und kam erst heute Abend wieder zurück. So fand ich die Räume der Detektei Fuchs & Bentwood leer vor, als ich die Tür aufschloss. John fehlte ebenso wie die Risse in der Wand. Denn vor Weihnachten hatten wir die Räume frisch gestrichen; seitdem waren sie ungewöhnlich glatt, auch kahl. Bis auf das Foto meiner Mutter hatte ich noch keine Bilder aufgehängt.
Ich drehte die Heizung hoch. Es waren noch alte, weiße Heizkörper, die sofort zu gluckern begannen.
In einer halben Stunde würde meine Kundin aus Lausanne kommen. Ich stellte Getränke in der Sitzecke bereit, überprüfte die Infomappe und holte mir, nachdem alles zu meiner Zufriedenheit war, eine Tasse Kaffee aus der Küche. Damit setzte ich mich an den Schreibtisch und checkte meine Whatsapp-Nachrichten.
Warum kommt die extra aus Lausanne?, wollte John wissen.
John saß bereits am Flughafen in London Heathrow und wartete auf das Boarding.
Weiß ich auch noch nicht, antwortete ich. Dann fügte ich hinzu: Weil wir die Besten sind?!
John antwortete mit einem zwinkernden Smiley.
Ich nahm einen Schluck Kaffee und schickte einen lachenden Smiley zurück, gefolgt von einem angespannten Bizeps. Dann fragte ich: Wann landest du genau?
15:35 Uhr Zürich, kam die Antwort.
Und wann ist noch mal dein Vortrag?, fragte ich.
18:30 Uhr, schrieb er zurück.
Vor ein paar Wochen hatte John eine Anfrage aus Zürich erhalten, ob er vor jugendlichen Schulabgängern einen Vortrag über das Berufsbild des Privatdetektivs zu Beginn des 21. Jahrhunderts halten könne. Er hatte seinen Flug extra so koordiniert, dass er die Veranstaltung auf dem Rückweg mitnehmen konnte.
Guten Flug, wünschte ich ihm. Und viel Spaß heute Abend!
Thanks, schrieb er zurück.
Bis morgen früh, tippte ich noch. Gibt übrigens viel zu tun!
Dann beendete ich den Chat mit einem Kussmund.
John schickte einen angespannten Bizeps hinterher.
Nachdenklich legte ich das Handy beiseite und schmiegte beide Hände um die noch warme Kaffeetasse. Über Weihnachten und Neujahr war nicht viel los gewesen in der Detektei, doch in den ersten Januartagen hatte das Geschäft merklich angezogen. Bei vielen Leuten schienen die Feiertage nicht nur ein paar Kilo mehr auf den Hüften hinterlassen zu haben, sondern auch Zweifel an der Echtheit der Gefühle des Partners oder an der Herkunft des neuen Geländewagens des Schwagers.
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Es war 09:58 Uhr.
Vom Zweifel bis zur Überwachung war es dann nur noch ein kleiner Schritt – und der führte direkt zu uns: Sie wollen Klarheit? Sie wollen endlich die Wahrheit wissen?, stand auf unserer Seite im Internet. Die Detektei Fuchs & Bentwood ist immer für Sie da!
Ich trank den Kaffee leer.
Es war gut, dass John endlich zurückkam, zumal man seine versnobte Familie ohnehin nicht länger als drei Tage ertragen konnte. Sein Vater hatte mir bei unserer ersten Begegnung erzählt, dass der Stammbaum der Bentwoods bis zu Heinrich dem VIII. zurückreiche. Beeindruckend, hatte ich gesagt. Johns Familie schrieb ihm seit jeher vor, was sich für einen Bentwood gehörte – und was nicht. Privatdetektiv zu sein gehörte sich jedenfalls nicht; aber es war allemal besser als drogenabhängig auf Partys herumzulungern, was Johns alternativer Lebensplan gewesen wäre, wenn ich ihn damals nicht unter meine Fittiche genommen hätte. Damals, das war jetzt zehn Jahre her, hatte er unmotiviert eine Ausbildung zum Polizisten begonnen. Ich war seine Ausbilderin gewesen.
Draußen schlug die Liebfrauenkirche zehn Uhr.
Leise zählte ich mit.
Es waren vier helle und zehn dunkle Schläge, die durch die Gassen der Altstadt hallten und nun von den leicht verspätet einsetzenden Glocken der evangelischen Stadtkirche begleitet wurden. Ich trat ans Fenster und ließ meinen Blick über den Marienplatz schweifen. Unsere Detektei lag im zweiten Obergeschoss eines dreistöckigen Eckhauses, das nach vorne schmal zulief wie der Bug eines Schiffes. Von meinem Büro aus sah man auf den weitläufigen Marienplatz hinab, die Küche und Bad gingen aber nach hinten hinaus und gaben den Blick auf die enge, dunkle Rosmarinstraße frei, in der es immer ein wenig nach Neapel roch, vor allem im Sommer.
Unten eilten die Leute vorüber.
Um mich herum standen die Türme still. Ravensburg galt als Stadt der Tore und Türme, von denen einige schon im Mittelalter erbaut worden waren. Ich ließ meinen Blick über den Grünen Turm gleiten, das Frauentor und hinauf bis zum sogenannten Mehlsack, einem dicken, runden Turm mit weißem Verputz.
Mehlsack – so hatten wir früher zu den Kindern gesagt, die fett und plump gewesen waren. Kinder konnten grausam sein.
Nur Erwachsene waren noch grausamer.
Fast direkt vor der Detektei Fuchs & Bentwood lagen mehrere Bushaltestellen, zwei auf unserer Seite und eine gegenüber. Dort warteten die Leute mit grauen Gesichtern und eingezogenen Köpfen, die Hände in den Jacken vergraben und die Sehnsucht tief in ihrem Inneren. Ein Bus kam um die Ecke gerollt, langsam fuhr er durch den Schneematsch und hielt an der vorderen Haltestelle. Die Scheiben waren beschlagen. Leute stiegen aus, andere stiegen ein. Nachdem der Bus wieder abgefahren war, bemerkte ich vier Gestalten, die die Straße überquerten. Sie trugen dunkle Umhänge mit Kapuzen, die ihnen weit ins Gesicht fielen.
Wie riesige Raben ragten sie aus der Menge.
Die Menschen machten ihnen Platz.
Plötzlich drehte sich der Größte von ihnen um. Ich stutzte. Er sah direkt zu mir hoch. Sein Blick war wie eine Rasierklinge, scharf und aggressiv. Instinktiv trat ich einen Schritt vom Fenster zurück. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Mir war sofort klar, dass dieser Blick kein Zufall gewesen war. Es war eine Drohung; auch Snajdrom hatte mich so angesehen, als er versprach, mich zu töten.
Es ist vorbei.
Snajdrom war tot.
Trotzdem scannte ich im Geiste alle Auftragskiller des organisierten Verbrechens durch, von Ost nach West, alphabetisch von oben bis unten, aber das Gesicht des Rabenmannes war nicht dabei. Ich hätte es wiedererkannt, da war ich mir ganz sicher. Wie sein Blick war auch sein Gesicht auffällig scharf gezeichnet, die Nase sprang hervor wie ein Klappmesser, die Augenbrauen waren zwei spitze Bögen.
Das Vierergespann verschwand in Richtung Fußgängerzone aus meinem Blickfeld. Hinter ihnen her wehten die schwarzen Umhänge, die aussahen, als kämen sie aus einer vergangenen Zeit.
Ein Klingeln erlöste mich aus meiner Erstarrung.
„Fuchs & Bentwood“, sagte ich betont tatkräftig in die Sprechanlage, dann: „Hallo?“
Und da war sie wieder, diese dunkle, raue Stimme, die sagte: „Hier ist Madame de Rochat. Ich habe einen Termin bei Ruby Fuchs.“

3.



Ich hatte mich geirrt. Madame de Rochat war keine Frau, die ihren Mann überwachen ließ. Das war mir sofort klar, als ich sie sah. Sie hatte die schräg stehenden Augen einer Jägerin, den Mund einer Femme fatale und die Stirn einer Nonne. Zweifellos war sie schön, sehr schön sogar. Aber mehr noch als ihre Schönheit faszinierte mich die Intensität, die sie ausstrahlte – etwas, das mich in ihren Bann zog, ohne dass ich gewusst hätte, warum.
„Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise?“, fragte ich, nachdem wir in der Sitzecke Platz genommen hatten.
„Haben Sie von dem Kind gehört?“, fragte sie unvermittelt zurück.
Ich nickte. Wahrscheinlich hatte sie in der Presse davon gelesen oder eines der Plakate gesehen, die überall in der Stadt aushingen. Wenn jemand in diesen Tagen von „dem Kind“ sprach, dann konnte es sich nur um den Säugling handeln, der am Morgen des 27. Dezembers auf dem Marienplatz ausgesetzt worden war. Eine gute Woche war seitdem vergangen. Jemand hatte das Baby in einem Weidenkorb an der Bushaltestelle abgestellt. Eine anonyme Hinweisgeberin rief daraufhin bei der Polizei an und meldete den Fund. Als die Polizei eintraf, war die Anruferin bereits verschwunden. Der Verdacht stand im Raum, dass es sich bei der Person um die Mutter handelte, über die allerdings nichts bekannt war, außer dass sie mit einem ausländischen Akzent gesprochen hatte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte ihr Anruf dem Säugling das Leben gerettet, denn an diesem Morgen hatte das Thermometer minus 14 Grad angezeigt. Wenn das Neugeborene auch nur eine Viertelstunde länger in der Kälte gelegen hätte, wäre es vermutlich erfroren. Aktuell befand es sich mit einer Lungenentzündung im St. Elisabethen-Klinikum. Jeden Tag wurden Geschenke und Blumen auf der Station abgegeben. Ganz Ravensburg fieberte mit dem Kind. Auf den Plakaten bat die Polizei die Bürger um Mithilfe. Es ging darum, Hinweise auf die Identität des Kindes zu erhalten, aber auch darum, ein Verbrechen aufzuklären. Laut Paragraph 221 des Deutschen Strafgesetzbuches wurde der Tatbestand der Aussetzung mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft, wenn der Tod von Schutzbefohlenen dabei in Kauf genommen wurde.
„Sie meinen sicher das Neugeborene, das unten an der Bushaltestelle ausgesetzt wurde“, sagte ich schließlich.
„Finden Sie das nicht seltsam?“, fragte Madame de Rochat.
Ich sah sie an. Sie hatte helle Augen, die im Treppenhaus noch grünlich geleuchtet hatten, doch jetzt, da ein Sonnenstrahl sie traf, wie patiniertes Gold glänzten. Der Kontrast zu den roten, schulterlangen Haaren fesselte meinen Blick.
„Das ist doch seltsam“, sagte sie wieder.
„Was?“
„Dass uns das Kind ausgerechnet an Weihnachten geschenkt wurde“, antwortete sie. „Dass dieses Wunder geschieht! Ich kann das ja selbst kaum glauben! C’est vraiment incroyable. Eigentlich kann das doch gar nicht sein! Aber das Kind wurde uns tatsächlich geschenkt!“
„Geschenkt?“ Ich stutzte. Die Formulierung war seltsam. „Wenn eine Frau so verzweifelt ist, dass sie ihr Kind aussetzt“, erwiderte ich, „dann tut sie das doch nicht, um irgendjemand ein Geschenk zu machen. Aber wenn Sie damit meinen, dass es besser ist, ein Kind auszusetzen als es gleich bei der Geburt zu töten, dann gebe ich Ihnen recht.“ Nach ein paar Sekunden fügte ich hinzu: „Leben ist ein Geschenk.“
Etwas an ihrem Lächeln irritierte mich.
„Auch Moses wurde in einem Weidenkorb ausgesetzt“, sagte sie und strich sich das rote Haar aus der Stirn.
„Moses?“ Ich griff nach der Wasserflasche und fragte: „Meinen Sie den aus der Bibel?“
„Exactement“, antwortete sie auf Französisch. Dann fuhr sie fort: „Moses ist die zentrale Gestalt des Pentateuch, der ersten fünf Bücher des Alten Testaments. Er war ein Prophet Gottes, dem es bestimmt war, sein Volk aus der Sklaverei zu führen.“
Ich sah sie an.
Meine Irritation wuchs. Vorsichtig fragte ich: „Wollen Sie Kaffee?“ Die Thermoskanne stand bereits auf dem Tisch, doch Madame de Rochat schüttelte den Kopf.
„Sie kennen ja sicher die Geschichte aus der Bibel“, sagte sie. „Moses wurde nach seiner Geburt in einem Weidenkorb im Nil ausgesetzt, wo ihn die Tochter des Pharaos fand. Die Prinzessin nahm ihn als ihr eigenes Kind an und rettete ihm damit das Leben. Moses ist also ein Geretteter, der später selbst zum Retter wurde. Comme on dit en français: il est devenu le Sauveur.“
Der Retter. Le Sauveur.
Es zischte, als ich die Wasserflasche öffnete.
Plötzlich kamen mir die Wände der Detektei noch kahler vor, aber vor allem weißer. Denn Madame de Rochat war ganz in Schwarz gekleidet, sie trug eine einfache, schmal geschnittene Hose und einen enganliegenden Rollkragenpullover, die ihre schlanke Figur gut zur Geltung brachten. Der Pullover war aus einem edlen Material, ich schätzte, Kaschmir.
„Damit deutet Moses bereits auf Jesus voraus“, fuhr sie fort, während ich mir einschenkte. „Auch Jesus musste als Kind vor Herodes gerettet werden, und auch er, der Gerettete, wurde später zum Retter, zu unserem Erlöser.“
Ich nahm einen Schluck Wasser.
„Doch der Bund, den Gott mit den Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus vor zweitausend Jahren schloss, hat sich aufgelöst“, erklärte sie. Ihre Hände waren dauernd in Bewegung, sie fuhren durch die Luft wie Schwerte, doch jetzt zog sie damit einen waagrechten Strich, einen Cut, als sie sagte: „Durch die Gräueltaten des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich unser Bund mit Gott gelöst. Die Christenheit befindet sich in einer tiefen Krise. Und spätestens zur Jahrtausendwende hat der Teufel durch einen Trick die Weltherrschaft übernommen.“
Ich trank das Wasserglas in einem Zug leer.
Meinte sie das ernst? Noch bevor ich wusste, was ich entgegnen sollte, fuhr sie auch schon fort: „Wissen Sie, dass wir uns mitten in einer der größten Umwälzungen der Menschheitsgeschichte befinden? In einer Revolution?“
Perplex schüttelte ich den Kopf.
„Den meisten ist ja gar nicht bewusst, wie sehr sich ihr Leben gerade verändert“, sagte Madame de Rochat. „Das Internet und vor allem diese kleinen Computer, die wir ständig mit uns herumtragen, also diese Handys, die sind doch schon fast ein körperlicher Teil von uns und wir von ihnen. Der Mensch, so wie wir ihn kennen, hat ausgedient.“ Plötzlich lachte sie, als hätte sie einen Scherz gemacht.
Ich sah sie einfach nur an.
„Zweitausend Jahre nach der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus hat uns Gott deshalb ein zweites Kind geschickt“, sagte sie. „Sein Name ist Soterias. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet der Retter, der Erlöser.“ Dann fragte sie: „Verstehen Sie? Vous comprenez?“
Ich starrte auf ihren Mund, der rot und feucht glänzte, und suchte nach einer Erklärung. War Madame de Rochat etwa Mitglied einer religiösen Sekte?
„Sie meinen also“, fragte ich vorsichtshalber noch einmal nach, „dass das neugeborene Kind unten von der Bushaltestelle ein Heiland ist, der Messias oder was weiß ich, auf jeden Fall jemand, der uns erlösen wird? Von was auch immer? So wie Moses und Jesus?“
„Exactement“, sagte sie und lächelte wieder, doch jetzt war es eindeutig: Etwas stimmte nicht mit diesem Lächeln.
Oder war es mein Lächeln, das flackerte?
„Wissen Sie, ich glaube nicht an so etwas“, sagte ich, drehte das leere Wasserglas in meiner Hand hin und her und überlegte, wie ich die Frau wieder loswerden konnte. Demonstrativ blickte ich auf mein Handy. Dann setzte ich mein schönstes und unverbindlichstes Lächeln auf und sagte: „Aber Sie sind doch sicher nicht extra aus Lausanne hierhergekommen, um mit mir über religiöse Fragen zu sprechen. Dafür gibt es ja andere Profis. Ich bin Privatdetektivin, und am Telefon meinten Sie, Sie hätten einen Auftrag für meine Detektei. Wenn das nicht der Fall ist, dann muss ich Sie leider bitten“, wieder blickte ich auf mein Handy, „also ich habe viel zu tun und …“
„Mein Auftrag hängt mit dem Kind zusammen“, unterbrach sie mich schroff. Und dann war sie es, die mir ihr schönstes Lächeln zeigte, als sie hinzufügte: „Um das zu erklären, muss ich allerdings etwas ausholen. Ich hoffe, Sie können noch fünf Minuten Ihrer Zeit erübrigen.“
Ich hob das Glas gegen das Licht, blickte hindurch und murmelte: „Selbstverständlich.“
„Es ist nämlich so“, fuhr sie in der Art der besten Schulfreundin fort, die einem gleich ihr größtes Geheimnis anvertrauen wird. „Die Ankunft dieses Kindes wurde uns bereits vor fünfhundert Jahren prophezeit“, sagte sie mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper, „und zwar von keinem Geringeren als von Nostradamus.“ Sie sah mich an, als erwartete sie eine heftige Reaktion.
Ich blickte durch das Glas und beobachtete die Lichtreflexe. Kein Zweifel, vor mir saß eine Verrückte, die meine Zeit verschwendete.
„Sicher haben Sie schon von Nostradamus gehört“, setzte sie nach. „Er war ein Prophet, ein Visionär des 16. Jahrhunderts, gesegnet und gestraft mit der Gabe, die Zukunft vorherzusehen. Eigentlich war er Apotheker, arbeitete aber als Astrologe. Heute ist er vor allem für seine prophetische Schrift der Centurien berühmt.“
Ich sah sie aufmerksam an.
Ihre Augen funkelten.
„Doch Nostradamus hat noch eine zweite Schrift verfasst“, sagte sie jetzt. Sie blickte sich um und sprach leiser, als sie hinzufügte: „Er nannte sie Nocturna, die Nächtliche. Diese Schrift war aber nur für einen kleinen Kreis an Auserwählten bestimmt.“
Ich schenkte mir Wasser nach.
Madame de Rochat griff ebenfalls nach der Flasche, schenkte sich ein und trank gierig zwei Schlucke. Dann griff sie nach der roten Ledertasche, die neben ihr auf dem Boden stand, und holte eine Mappe heraus.
„Insgesamt gab es nur drei Exemplare von dieser Schrift“, erklärte sie. „Alle drei sind von Nostradamus selbst geschrieben worden, natürlich von Hand, damals gab es ja noch keinen Computer.“ Wieder erschien dieses Lächeln auf ihren Lippen, während sie die Mappe öffnete und sagte: „Napoleon Bonaparte ließ ein Exemplar der Nocturna verbrennen, nachdem er darin von seiner Verbannung auf die Insel St. Helena erfuhr. Wahrscheinlich dachte er, so seinem Schicksal entgehen zu können.“
Sie schüttelte den Kopf wie über ein törichtes Kind und fügte beinahe zärtlich auf Französisch hinzu: „Quel imbécile!“
„Imbécible?“, wiederholte ich.
„Kleiner Dummkopf“, sagte sie lächelnd. „Das zweite Exemplar der Nocturna befand sich noch in den 1920er Jahren im Privatbesitz von Professor Jakobsen“, fuhr sie dann fort. „Das war ein namhafter Theologe aus Berlin. Doch die Nazis verbrannten seine gesamte Bibliothek. Also blieb nur noch das dritte Exemplar, das aber lange Zeit als verschollen galt.“
In der Mappe befanden sich mehrere Papiere. Madame de Rochat strich zärtlich über das Titelblatt und sagte: „Doch vor zehn Jahren im Sommer 2008 entdeckte eine Wissenschaftlerin dieses letzte Exemplar der Nocturna im Keller des ehemaligen Archivs der Stadt Lyon.“
Sie sah mich auf eine Weise an, die keinen anderen Schluss zuließ.
„Und das waren Sie?“, fragte ich.
„Exactement“, entgegnete sie triumphierend. Dann fügte sie hinzu: „Sie sind wirklich schlau, Frau Fuchs. Très intelligente.“ Wieder dieses Lächeln, dann: „Für die altehrwürdige Nostradamus-Gesellschaft war dieser Fund natürlich eine Sensation. Sie haben lange geprüft und getagt. Doch schließlich konnte Professor Didier, der Leiter der Gesellschaft, die Echtheit des Manuskripts bestätigen. Seitdem befindet sich das Original im Besitz eines Schweizer Unternehmers und Geistesgelehrten, der es vorzieht, anonym zu bleiben.“ Wieder strich sie über das Papier, als sie sagte: „Ich habe nur noch diese Kopie.“
Sie blätterte durch die Papiere.
„Und ich soll jetzt nachforschen, ob Napoleon das andere Original vielleicht doch nicht verbrannt hat? Ob es sich vielleicht auf St. Helena befindet? Oder ob es sich einer der Nazis vielleicht doch unter den Nagel gerissen hat?“, fragte ich ungeduldig nach. „Oder wollen Sie herausfinden, wer dieser anonyme Schweizer ist?“
War es das, was sie wollte? War sie eine Exzentrikerin mit einer Obsession für alte Bücher?
„Nein“, entgegnete sie und sah mich an. „Darum geht es nicht.“
„Worum dann?“ Wieder blickte ich auf mein Handy.
„Sie sollen einen Mord verhindern“, sagte sie.
„Ich soll … wie bitte was?“
„Einen Mord verhindern“, wiederholte sie bestimmt.
Draußen schlug die Liebfrauenkirche halb elf.

(Weiterlesen)

Autorin & Copyright: Silke Nowak

Nocturna_Cover_klein


Silke Nowak,
Nocturna. Die tödliche Schrift.
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 11,90 Euro

Destatis: 20 Millionen Bundesbürger kauften 2018 ihren Lesestoff online

20-Millionen-BundebBuerger-kaufen-Lektuere-onlineAch ja, es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Zum Beispiel diese hier: 20 Millionen Bundesbürger haben im letzten Jahr online Geld für ihre Lektüre ausgegeben — diese vom Statistischen Bundesamt ermittelte Zahl wurde passenderweise am Welttag des Buches in die Welt posaunt. Wer die bisher für E-Books veröffentlichten Branchenzahlen vor Augen hat, wird sich nun dieselben verwundert reiben: Waren das nicht viel weniger, eher so im niedrigen einstelligen Millionenbereich? Ja, durchaus richtig. Destatis hat aber für seine Erfolgsmeldung „Bücher, Zeitungen und Zeitschriften einschließlich digitaler Ausgaben“ gezählt, die via Internet verkauft wurden.

Leserinnen kaufen online öfter ein als Leser

Es geht also bei dieser Wasserstandsmeldung um alles, was Publikumsverlage gedruckt oder digital im Netz anbieten. Das macht diese Zahl dann doch wieder hochinteressant, gerade was die Aussichten für die Zukunft betrifft. Denn 20 Millionen Bundesbürger, das entspricht etwa 40 Prozent der 50 Millionen deutschen InternetnutzerInnen insgesamt. Wobei Männer etwas seltener, Frauen etwas häufiger Lektüre online einkauften, und in punkto Lebensalter die Generation der 25 bis 45-Jährigen beim digitalen Shoppen von Lesestoff vorne lag.

Gesamte Branche profitiert vom Trend

Doch eins zeigt die Zahl auf jeden Fall: das Internet als Vertriebsschiene bietet wachsende Chancen für die gesamte Branche — tatsächlich gelingt es ja auch immer mehr Zeitungen, ihre Gesamtauflage durch den Verkauf von Digi-Abos zu stabilisieren. Doch auch Print-Abos werden natürlich heutzutage online abgeschlossen. Und auch der Buchhandel profitiert, egal ob nun Print-Exemplare geordert oder E-Books heruntergeladen werden. Insgesamt scheint aber der Wandel von Print zu Online bis auf weiteres bei der Tages- und Wochenpresse weitaus schneller zu laufen als bei Büchern. Aber immerhin: viele potentielle E-Book-Käufer sind grundsätzlich als Konsumenten bereits ins Netz gegangen…

(via Destatis.de)

Auf dem Weg zur bio-organischen Slow-Food-Version des Webs?

„Artisanal Internet“, was soll das denn sein? Handwerklich, die Vollkorn-Version des WWW, der Code aus Meisterhand? Irgendwie offenbar schon. Denn in einem Wired-Artikel war vor kurzem von der digitalen „Slow Food Bewegung“ die Rede, die sich ein „Bio-Internet“ erträumt. Ironischerweise ausgerechnet deshalb, weil die große Revolution — der Abschied von Facebook — den meisten Menschen trotz aller Daten-Skandale und dem Wissen um die schädlichen Folgen der Dauerberieselung nicht so richtig gelungen ist. In Deutschland forderte ja der socialmedia-geschädigte Blogger Schlecky Silberstein sogar: Internet abschalten! Hat nicht so ganz geklappt.

Newsletter, Podcasts, Blogs, E-Books — alles bio?

Doch zumindest erfolgt parallel dazu (auch Schleckys Lösung lautet ja zusammengefasst vor allem „ich bin jetzt seltner auf Facebook und öfter offline“) eine Rückbesinnung auf die „traditionelle“ oder „langsamere“ Protokolle des Web — darunter Newsletter, Audio-Podcasts, selbst-gehostete Blogs, eigene Domains. E-Books die offline und ablenkungsfrei auf dem E-Reader gelesen werden darf man an dieser Stelle natürlich auch nennen. Und nicht zuletzt wächst die Aufmerksamkeit für Privacy-Belange — man nutzt nicht mehr automatisch und ungeschützt jeden Browser, jede Chat-App (schon mal von Threema gehört?), jede Suchmaschine (schon mal Metager ausprobiert?), achtet auf Anonymität.

Plattform-Koops als gemeinnützige Lösung

Viele entdecken auch Alternativen zu Twitter, etwa Mastodon, und sind auch seltener beim Zwitscher-Original unterwegs, um den allzu überhitzten Debatten, Diffamierungen und Dauergelaber zu entgehen. Überhaupt scheint es eine große Sehnsucht nach stärker gemeinnützigen, nicht rein profitorientierten Plattformen zu geben, und dank Crowdfunding und der Neuentdeckung von Genossenschaftsmodellen für digitale Projekte (siehe den Plattform-Kooperativismus) scheint sich derzeit gerade in Deutschland eine Menge zu bewegen.

Wirklich „bio-organisch“ wird das mobile Web auf ökobilanziell irrsinnig belasteten Smartphones und Tablets mit den zusätzlich im Hintergrund ratternden, viel zu oft noch kohlestromfressenden Serverparks dadurch selbstverständlich nicht. Aber der Bewusstseinswandel ist tatsächlich spürbar, es gibt ein reales Bedürfnis nach einer anderen Online-Welt. Es wächst zumindest viel grünes Gras zwischen den grauen Betonwüsten der Web-Monopolisten.