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Ausgerechnet Orwell: Amazon löscht alle Ausgaben von „1984“ auf dem Kindle

18 Jul 2009

ausgerechnet-orwell-amazon-loscht-1984-ausgaben-au-dem-kindle„Wir löschen Montag Molière, Dienstag Dostojewski, Mittwoch Thomas Mann, Freitag Faulkner, Samstag und Sonntag Schopenhauer und Sartre.“ Das könnte der neue Wahlspruch von Amazon sein. Vor zwei Tagen bemerkten Kindle-Besitzer in den USA, die Orwells „Animal Farm“ oder „1984“ als E-Book gekauft und auf ihr Lesegerät heruntergeladen hatten: das Buch war weg. Dafür war die Kaufsumme wieder auf dem Konto. Des Rätsels Lösung: Amazon hatte kurzerhand via „Whispernet“ alle Kopien auf den Geräten gelöscht.

Amazon erklärt: „Wir haben die illegalen E-Books von den Lesegeräten unserer Kunden entfernt“

Amazon-Sprecher Drew Herdener erklärte das Vorgehen so: die Orwellschen Bücher seien in Amazons Katalog über einen Dritt-Anbieter eingestellt worden, der allerdings für die USA nicht die Buchrechte besessen habe. “Als wir vom Rechteinhaber darüber benachrichtigt wurden, haben wir die illegalen E-Books aus unserem System und von den Lesegeräten unserer Kunden entfernt und die Kaufsumme zurückerstattet.” Kopien der E-Books, die Amazon-Kunden auf ihrem Desktop-PC gespeichert hatten, sind von der Löschungsaktion allerdings nicht betroffen, da Amazon sich auf normale Rechner keinen Zugang verschaffen kann. Formaljuristisch sind jedoch die Kunden gezwungen, diese Kopien selbst zu löschen, da es sich um Raubkopien handelt.

Die Moral von der Geschichte: E-Books erwirbt man nicht, um sie zu besitzen

In vielen Ländern sind Orwells Werke inzwischen gemeinfrei. In den USA jedoch noch nicht. Trotzdem waren viele Kindle-Besitzer empört über diesen Eingriff in ihr virtuelles Bücherregal. Das Wall-Street-Journal sprach augenzwinkernd von einem „Orwellian Moment“. Tatsächlich ist aber der große Bruder Amazon mit dieser Aktion rechtlich auf der sicheren Seite. „Genau genommen gewährt Amazon Ihnen lediglich eine Lizenz zum Lesen“, zitierte das WSJ Peter Brantley, Direktor des nicht-kommerziellen Internet Archives. „Sie kaufen die Lizenz, aber sie besitzen damit das E-Book nicht in der Weise, wie sie ein Buch besitzen, dass sie aus der Buchhandlung tragen“. Bei Büchern aus Papier gilt nämlich die „First Sale“-Doktrin: nach dem Kauf kann man damit machen, was man will: inklusive des Weiterverkaufs, des Verschenkens oder Ausleihens.

1984, oder schon Fahrenheit 451? Die Lizenz zum Löschen im Konflikt mit der Informationsfreiheit

Vielleicht hätte Amazons Löschungsaktion weniger Wirbel verursacht, wäre es nicht ausgerechnet um Orwell gegangen: schließlich geht es im Roman 1984 um die totale Kontrolle der Gesellschaft durch die Löschung und Fälschung von Informationen. Amazon ist in eine ähnliche Rolle geraten wie Google: die Suchmaschine unterdrückt bestimmte Informationen aus juristischen ebenso wie ökonomischen Zwängen. Um Zugang zum chinesischen Markt zu bekommen, willigte man etwa in eine Zusammenarbeit mit den Zensurbehörden ein. Der Fall Amazon ist noch brisanter: schließlich empfinden die E-Reader-Besitzer ihre E-Bibliothek als Teil der Privatsphäre. Viele gehen auch davon aus, zur persönlichen Freiheit gehöre das Recht, ein Buch zu besitzen. Beide Annahmen werden von Amazon offenbar nicht in jeder Hinsicht geteilt — zumindest bisher. Immerhin gelobte Amazon-Sprecher Herdener mittlerweile: „In Zukunft werden wir in einem solchen Fall keine E-Books von den Geräten unserer Kunden löschen.“

Bücherverbrennungen könnten der Vergangenheit angehören: in Zukunft wird per Mausklick gearbeitet

Diesmal ging es um Raubkopien. Was wäre aber, wenn E-Books auf dem Kindle oder auf anderen vernetzten Geräten zukünftig in den USA, in China, im Iran oder hierzulande gelöscht werden, weil sie gegen bestimmte Gesetze (etwa: Gotteslästerung) verstoßen? „Leider mussten wir feststellen, dass die Werke von Salman Rushdie über unseren Online-Shop illegal verkauft wurden, da sie in Ihrem Land seit dem 1.1.2009 gegen geltendes Recht verstoßen. Wir haben sie deshalb von ihrem Lesegerät gelöscht. Die Kaufsumme wird Ihnen selbstverständlich erstattet.“ Verfemte Autoren liessen sich ganz legal per Mausklick aus allen Bibliotheken entfernen. Man muss nur (wie im Anfangszitat) verbrennen durch löschen ersetzen, dann passt auch Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ wieder gut in die Gegenwart. Es passt natürlich auch deshalb, weil dieses Buch derzeit noch gar nicht auf dem Kindle zu lesen ist…