Auf der Metaebene brennt noch Licht: 140 Twitteraten trafen sich im Katersalon (Berliner Volksbühne)

In einen Tweet passen 140 Zeichen, in den roten Salon 140 Twitterer mit 140 Smartphones. So könnte man die tl;dr-Version des gestrigen Katersalons im roten Salon der Berliner Volksbühne weiterzwitschern – denn „Über 140 Zeichen“ sollte es an diesem Abend gehen. Eigentlich war’s eine Art erweiterte Release-Party, zeitgleich erschien nämlich im Frohmann-Verlag das von Stephan Porombka herausgegebene Buch „Über 140 Zeichen“, in dem laut Untertitel „Autoren einen Einblick in ihre Twitterwerkstatt“ geben. Zahlreiche dieser Twitteraten bevölkerten denn auch sukzessive die Bühne des Katersalons, von @stporombka himself über @anousch bis @NeinQuarterly.

Fast konnte man den Eindruck einer Nummernrevue bekommen, natürlich immer im Geiste der angewandten Cultural Studies. Denn Salonière und Startup-Verlegerin Christiane Frohmann versteht die Kater-Events tatsächlich als kulturwissenschaftliche Performance, und somit als deutlichen Gegenentwurf zur klassischen ‚Wasserglas-Lesung‘. Als erstes gab’s dann einen kleinen Lichtbildvortrag von @FrauFrohmann selbst zu den Hashtags #Zwischenwelten, #Miniaturen sowie #Megalomanie, der von Horace Walpole bis zu Michael Jackson reichte. Merke: der Weg zum falschen Leben im richtigen Leben, bzw. Virtual Life im Real Life war früher deutlich aufwändiger (siehe Strawberry Hill), ist aber heute auch nicht gerade billig, wenn man ihn architektonisch auslebt (siehe Neverland), doch zum Glück geht’s ja nun auch im Cyberspace, oder etwa ganz kondensiert auf Twitter.

Allerdings sollte der Abend ja auch von Anfang an „über 140 Zeichen“ hinausgehen, so folgte dann (zumindest gefühlt, vielleicht aber auch real) eine Viertelstunde wummernd-wabernder Soundcollagen von Sebastian van Roehlek, nicht ohne hineingemischte Stimmen, eine ging so: „Was soll das?“ Für @van_Roehlek war das mal ganz klar: nicht nur die Zwitschermaschine wird überschätzt, Sprache wird überhaupt überschätzt. Da ist wohl was dran. Getwittert wurde unterm Klangteppich aber trotzdem, da half auch das heruntergedimmte Licht nix. (Falls jemand behauptet, ich hätte auch getwittert – nein, das war nur die Notizbuchfunktion…)

Das nächste Format war dann durchaus Wasserglas-kompatibel – in den roten Sesseln auf der Bühne nahmen @anousch, @milenskaya und @MannVomBalkon Platz – und sprachen mit @FrauFrohmann über ihre Twitteraten-Existenz. Ein gutes Beispiel ist wohl Anousch Mueller. Die (laut Bio-Blurb auf Twitter) „Hausfrau, Mutter, Schriftstellerin“ hat sich selbst bzw. wurde „auf Twitter entdeckt“, und ging dann den Weg vom E-Book in Richtung Print. Ihr Romanerstling „Brandstatt“, letztes Jahr ganz klassisch bei C.H.Beck. erschienen, erzählt davon, wie man „der Versagung entkommt“. Versagung? Klingt auch nach irgendwas über 140 Zeichen. Naja. @anousch gehört jedenfalls zu den Twitterati der ersten Stunde, was an diesem Abend irgendwie immer irgendwas mit 2009 im Timestamp bedeutete.

Doch die gute, alte Twitterzeit, sie ist leider schon lange vorbei, fast so weit weg wie die Mitte des 20. Jahrhunderts, und @FrauFrohmann durfte sich vorkommen wie „Oma, die vom Krieg erzählt“. Die Twitterer wie auch die Follower kommen und gehen, fast wie bei „Menschen im Hotel“. Doch bei aller Wehmut im Gedenken an die „kuschelige“ Anfangszeit: es gibt nichts wirklich neues unter der Sonne des Mikrobloggings, die klassischen Twitter-Typen, sie kehren immer wieder, fast wie Colombina, Arlecchino und Dottore. So muss man auch das freche Mädchen, den Witzbold oder den Infotwitterer nie wirklich vermissen, irgendwo in der Timeline sind sie immer bei uns.

Was ebenfalls bleibt sind die Missverständnisse. „Warum muss man als Twitterer so oft sagen: ‚Das habe ich nicht so gemeint'“, fragte sich laut @MannVomBalkon, der ob eines zweideutigen Tweets erst kürzlich im realen Leben von einer guten Freundin entfreundet wurde. Tja. Vielleicht ne Altersfrage? Die Ausrede „Das sind alles nur Witze“ scheint wohl eher bei der Elterngeneration zu wirken, entgegnete @milenskaya, das sei genau wie bei den angeblich nur temporären Tattoos. Gutes Stichwort. Wie temporär sind eigentlich Tweets, wo sie jetzt auch schon von Nationalbibliotheken und anderen äh Nachrichtendiensten archiviert werden!?

Und dann kam ER. Der einzige unterarmtätowierte Professor für Texttheorie im deutschsprachigen Web. Stephan Porombka slammte direkt stehend am Mikro eine 13-Punkte Typologie des Twitter-Faves ins Publikum, vom Konfetti-Fave, Häkchenfave und Stalkerfave bis zum „Elvis kommt von der Bühne und küsst seine Fans“-Celeb-Fave, indischem Fake-Fave und der Top 1, den ausbleibenden Faves. Genau solche riskiert @stporombka auch mit seiner Twitter-Fibel „Der letzte macht das Buch aus“, 140 in irgendwie schiefgegangener Schönschrift mit Kugelschreiber verzettelten Analog-Tweets, wobei es sich, so will es die Herausgeberfiktion, um „Aufzeichnungen aus einem Funkloch“ handelt.

Noch mehr Tempo kam dann mit der Performance von @horsthundbrodt auf – den Subtext gab’s gleich in Form einer stroboskopartig auf die Leinwand gespritzten „Rapid Serial Visual Presentation„, dann folgte nach einem realen Blättersturm im Publikum ein langsamer Abspann mit ausgewählten literarischen Tweets (der letzte lautete: „Auf der Metaebene brennt noch Licht“), während Horst, Hund und Brodt sich mit Taschenlampen einen Weg zum Ausgang bahnten. Abschließend wurde noch einmal ein Autorengespräch à la guter alter Gutenberg-Galaxis simuliert, @NeinQuarterly alias ZEIT-Kolumnist Eric Jarosinski im Gespräch mit @HansHuett. „Like many of us, Eric Jarosinski first started tweeting as a way of avoiding work“, schrieb der New Yorker mal.

Hütt köpfte den Ball immer wieder hoch rein, fast wie ein fordernd-fördernder Fallmanager, schon zum Start sollte gleich mal Siegfried Kracauer als Prototwitterer verortet werden. Aber der Nein-Sager Jarosinski nahm’s gelassen, denn: „Nein als Namensbestandteil setzt ja immer schon Fragen voraus“. Vom Aphorismus zu Twitter ist der Weg nicht weit, und Aphorismen fand Jarosinski eben schon immer gut, „weil ich keine langen Bücher lesen und schreiben kann“. Wobei Hütt wiederum vorrechnen konnte, dass bei 30.000 Tweets von @NeinQuarterly letztlich schon eine beachtliche Doktorarbeit mit 2000 Manuskriptseiten herausgekommen sei.

Bevor Jarosinski den „Weltschmerz als the real hero“ entdeckte, hieß „Nein Quarterly“ übrigens „Shit Germans say“, dann nahm sich der an einer Elite-Uni in Pennsylvania lehrende Kulturwissenschaftler ein Beispiel an der deutschen Billigmarke „Ja“, negierte sie und setzte den Namensbestandteil einer vierteljährlich erscheinenden germanistischen Fachzeitschrift dazu. Twitternd on the Go, ausschließlich per Smartphone, in Hundehaufen und vor Autos laufend gewann @NeinQuarterly inzwischen 30.000 Follower. Das Geheimrezept hinter diesem Phänomen verriet neulich wohl Sascha Lobo: Jarosinski schenkt uns „liebevolle Kritik“, und damit etwas, was in Deutschland seit jeher fehlt.

Hinweis: Der Katersalon findet nach dem Umzug vom KaterHolzig in die Volksbühne ab jetzt an jedem 3. Dienstag des Monats im Roten Salon statt – siehe das jeweils aktuelle Programm.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".