Auf dem Weg zur bio-organischen Slow-Food-Version des Webs?

„Artisanal Internet“, was soll das denn sein? Handwerklich, die Vollkorn-Version des WWW, der Code aus Meisterhand? Irgendwie offenbar schon. Denn in einem Wired-Artikel war vor kurzem von der digitalen „Slow Food Bewegung“ die Rede, die sich ein „Bio-Internet“ erträumt. Ironischerweise ausgerechnet deshalb, weil die große Revolution — der Abschied von Facebook — den meisten Menschen trotz aller Daten-Skandale und dem Wissen um die schädlichen Folgen der Dauerberieselung nicht so richtig gelungen ist. In Deutschland forderte ja der socialmedia-geschädigte Blogger Schlecky Silberstein sogar: Internet abschalten! Hat nicht so ganz geklappt.

Newsletter, Podcasts, Blogs, E-Books — alles bio?

Doch zumindest erfolgt parallel dazu (auch Schleckys Lösung lautet ja zusammengefasst vor allem „ich bin jetzt seltner auf Facebook und öfter offline“) eine Rückbesinnung auf die „traditionelle“ oder „langsamere“ Protokolle des Web — darunter Newsletter, Audio-Podcasts, selbst-gehostete Blogs, eigene Domains. E-Books die offline und ablenkungsfrei auf dem E-Reader gelesen werden darf man an dieser Stelle natürlich auch nennen. Und nicht zuletzt wächst die Aufmerksamkeit für Privacy-Belange — man nutzt nicht mehr automatisch und ungeschützt jeden Browser, jede Chat-App (schon mal von Threema gehört?), jede Suchmaschine (schon mal Metager ausprobiert?), achtet auf Anonymität.

Plattform-Koops als gemeinnützige Lösung

Viele entdecken auch Alternativen zu Twitter, etwa Mastodon, und sind auch seltener beim Zwitscher-Original unterwegs, um den allzu überhitzten Debatten, Diffamierungen und Dauergelaber zu entgehen. Überhaupt scheint es eine große Sehnsucht nach stärker gemeinnützigen, nicht rein profitorientierten Plattformen zu geben, und dank Crowdfunding und der Neuentdeckung von Genossenschaftsmodellen für digitale Projekte (siehe den Plattform-Kooperativismus) scheint sich derzeit gerade in Deutschland eine Menge zu bewegen.

Wirklich „bio-organisch“ wird das mobile Web auf ökobilanziell irrsinnig belasteten Smartphones und Tablets mit den zusätzlich im Hintergrund ratternden, viel zu oft noch kohlestromfressenden Serverparks dadurch selbstverständlich nicht. Aber der Bewusstseinswandel ist tatsächlich spürbar, es gibt ein reales Bedürfnis nach einer anderen Online-Welt. Es wächst zumindest viel grünes Gras zwischen den grauen Betonwüsten der Web-Monopolisten.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".