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Auf Darwins Spuren: Erstes Libroid im App Store erhältlich

28 Dez 2010 0 Kommentare

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Die Evolution des E-Books hat die nächste Stufe erreicht – das zeigt Jürgen Neffes erstes „Libroid“, seit wenigen Tagen im App Store erhältlich. Als Vorlage für den Prototyp eines durchgängig scrollbaren, multimedial aufbereiteten Textes diente Neffes Sachbuch-Bestseller „Darwin – Das Abenteuer des Lebens“. Die im „Verlag der ungedruckten Bücher“ erschienene iPad-Version ist gegenüber der Papierfassung stark gekürzt, enthält dafür aber auch den Volltext von Darwins „Beagle“-Diaries sowie der „Origin of Species“.

„Darwins Welt mit heutigen Augen sehen“

Eine Weltreise erweitert den Horizont – wie sehr, zeigt das Beispiel von Charles Darwin. Die berühmte Evolutionstheorie entstand nicht am Schreibtisch, sie wurde ausgelöst durch eine fünfjährige Reise per Segelschiff. Sie brachte den erst 22-jährigen Briten an Bord der „Beagle“ einmal rund um den Globus. „Was ist während der Reise mit ihm passiert? Was hat ihn auf seine revolutionäre Ideen gebracht, die das Bild des Menschen von sich selbst ähnlich radikal verändert haben wie die Erkenntnisse des Kopernikus?“, fragte sich Jürgen Neffe, und machte sich im Jahr 2007 selbst auf die Reise, um Darwins Welt „mit heutigen Augen zu sehen und die heutige mit seinen“. Ergebnis der sieben Monate dauernden Spurensuche war ein 500seitiger Reisebericht, der rechtzeitig zum Darwin-Jahr 2009 in die Buchhandlungen kam.

Die Evolution des E-Books hat erst begonnen

Der promovierte Bio-Chemiker & Journalist Neffe interessiert sich allerdings nicht nur für die Evolution des Lebens, sondern auch für die Weiterentwicklung des Lesens, theoretisch wie praktisch. Bei einer bloßen Übertragung von Texten in elektronische Form werde die Evolution des E-Books nicht stehenbleiben, spekulierte der Darwin-Kenner schon 2009 in einem Essay für die ZEIT: „Es wird Bestseller geben, die nie als Druckerzeugnis erscheinen, Handyromane in Fortsetzung, undruckbare, multimediale, ständig aktualisierte, reichhaltig animierte Sachbücher, Individualreiseführer oder Enzyklopädien, vernetzte Werke aus Netzwerken von Autoren, verzweigte Geschichten, die vor den Augen des Publikums entstehen“. Mit dem ersten Libroid legt Neffe nun selbst ein Konzept vor, wie elektronisches Lesen in Zukunft funktionieren könnte.

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Blättern ist out, scrollen ist in

Das Grundprinzip erschließt sich intuitiv beim ersten Öffnen der Libroid-App: in der Mitte befindet sich der Text, links eine Spalte mit Abbildungen, rechts davon Verweise auf Web-Inhalte und die zitierten Darwin-Quellen. Geblättert wird im Libroid nicht mehr, sondern gescrollt. Neffe zufolge ist das die einzige zeitgemäße Form, sich durch elektronische Texte zu bewegen. Wandert man auf diese Weise mit dem Finger durch das Libroid, laufen die beiden Randspalten automatisch mit. Tippt man die Bilder an, werden kurze Kommentare eingeblendet, ein doppelter Finger-Tipp ruft die Vollbildansicht auf. Auf dieselbe Weise lassen sich auch Passagen in Darwins „Beagle“-Diary nachlesen oder verschiedene Internetquellen aufrufen. Die jeweilige Station der Reise wird auf einem kleinen Globus in der rechten oberen Ecke des Displays angezeigt, jedes neue Kapitel beginnt zudem mit einer kurzen Sound-Collage. Polyglott ist das Libroid obendrein – unter den Einstellungen kann man neben Deutsch auch auf die englische, italienische und spanische Übersetzung umschalten.

Libroid und epub-Version im Vergleich

Das einzige gedruckte Buch, dass Neffe selbst auf seiner Reise mit dabei hatte, war Darwins „Entstehung der Arten“. Für 7 Euro 99 bekommt der Käufer des Darwin-Libroids den auch von Neffe gerne zitierten Klassiker gleich mitgeliefert. Verzichten muss man dagegegen auf zahlreiche Teile von „Darwin – Das Abenteuer des Lebens“, denn das Manuskript ist für die App stark gekürzt worden. Immerhin sind die wichtigsten Stationen der Reise mit dabei, etwa Patagonien und Feuerland, die Galápagos-Inseln oder Neuseeland. Wer das komplette Buch auf dem Display lesen möchte, muss jedoch auf die epub-Version zurückgreifen, die für 9 Euro 95 zu haben ist. Doch der Vergleich zwischen Buch, E-Book und Libroid dürfte ohnehin hinken. Zusammen mit den hervorragenden Farbaufnahmen von GEO-Fotograf Peter Ginter ist mit dem Libroid etwas Neues entstanden – eine multimediale Reportage speziell für das LCD-Tablet.

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