Auch Piraten lesen gerne: Raubkopierer entdecken das E-Book

Immer mehr E-Books werden illegal aus dem Internet heruntergeladen. Einem Bericht des WAZ-Portals „Der Westen“ zufolge haben bereits viele Online-Tauschbörsen Rubriken für Raubkopien elektronischer Bücher angelegt, in denen tausende Titel zur Verfügung stehen. Damit steuert der E-Book-Handel offenbar auf eine Klippe zu, von der die Musikindustrie schon seit längerem ein Lied singen kann. Viele Menschen sind nach wie vor nicht bereit, für einen Download den selben Preis zu zahlen wie für einen realen Tonträger. Leser denken da offenbar nicht anders…

Bezahlen für mediale Inhalte scheint kein Bestandteil der internationalen Jugendkultur zu sein

Erst vor ein paar Tagen sorgte der „Matthew Robson„-Report in der englischsprachigen Presse für Aufsehen. Der 15-jährige Praktikant bei der US-Bank Morgan Stanley hatte für seinen Arbeitgeber locker aus dem Handgelenk die Mediengewohnheiten aus seiner Peer-Group beschrieben: Musik und Internet stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, allerdings ohne zu bezahlen. Die meisten Kollegen von Robson hätten noch nie Geld für eine CD ausgegeben und besorgten sich die Musik weiterhin lieber über inoffizielle Netzwerke. Viele Leser in Deutschland haben offenbar eine ähnliche Einstellung. Sie können nicht verstehen, dass selbst Titel, das schon seit Jahren als Taschenbuch in den Regalen stehen, als E-Book kaum billiger sind. Zwar versprachen viele Verleger generell: „Auch deutsche E-Books werden mit der Zeit sicher noch billiger werden.“ Doch die Praxis sieht etwas anders aus, wie ein Blick auf Portale wie Buch.de, libri oder Weltbild zeigt.

Die E-Book-Branche im Kampf gegen die Internet-Piraterie

Dem WAZ-Portal zufolge will die Buchbranche jedoch ihre Preisvorstellungen zur Not auch mit staatlicher Gewalt durchsetzen: Raubkopierer würden in Zukunft konsequent rechtlich verfolgt, zitiert man den Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Alexander Skipis. Als Alternative verweist man auf die Download-Plattform Libreka, wo schon mehr als 100.000 Titel zum Download bereitstehen: „Das zeichnet uns im Vergleich zur Musikindustrie aus, die das zunächst nicht hatte und die Nutzer in die Illegalität getrieben hat”, so Skipis. Tatsächlich hat sich erst mit iTunes & Co. die Lage wieder etwas entspannt — allerdings hatte das eben auch etwas mit der attraktiven Preisgestaltung für legale Musikdownloads zu tun. E-Book-Downloads bei Libreka sind jedoch bei weitem zu teuer, um ähnlich erfolgreich zu sein. Zudem sind die Titel mit umfangreichem DRM-Schutz versehen. Apple dagegen hat bei iTunes am Ende ganz darauf verzichtet, als klar wurde: Kopierschutz ist schlecht für das Geschäft.

Buchhandel und Verlage unterliegen demselben Mißverständnis wie die Musikindustrie

Buchhandel und Verlage unterliegen dem selben Mißverständnis in Bezug auf E-Books wie die Musikindustrie in Bezug auf MP3-Dateien: für sie endet das Leben eines Produkts mit dem Verkauf. Die Realität sieht anders aus, denn die Populärität bestimmter Medien hat sehr viel mit ihrer freien Fluktuation in sozialen Netzwerken zu tun. Die einen nennen es Piraterie, die anderen nennen es Pop. Downloads und Filesharing sind nur die logische Fortsetzung einer in der Jugendkultur seit langem etablierten Tausch- und Weitergabepraxis. Online wurde also in ähnlichem Maße kopiert wie zuvor schon Tapes bespielt und weitergegeben bzw. CDs gebrannt wurden. Das schnelle Zirkulieren von Dateien könnte auch den Buchmarkt revolutionieren: es gibt keine bessere Möglichkeit, einen Titel schneller bekannt zu machen als über den E-Book-Download. Beispiele aus Japan und den USA zeigen, dass günstige E-Books den Absatz vieler Print-Titel sogar deutlich steigern können.

„Wenn das Geschäftsmodell daraus besteht, die Kunden zu verklagen, dann hat man kein Geschäftsmodell mehr“

Umgekehrt funktioniert es wahrscheinlich nicht: mit überteuerten E-Books kann man kein zusätzliches Wachstum im Print-Sektor generieren. Dasselbe dürfte für juristische Zwangsmaßnahmen gelten. Dabei wäre alles so einfach: Zwei Millonen LeserInnen in Deutschland wollen einer Forsa-Umfrage zufolge in diesem Jahr ein E-Book kaufen. Das ist doch toll! Denn viele Jugendliche (siehe Robson-Report) würden ein gedrucktes Buch nicht anfassen, können aber mit einem E-Book auf dem iPhone durchaus etwas anfangen. Warum bietet man ihnen auf legalem Wege nur eine überteuerte, im Gebrauch stark eingeschränkte Version, die man weder umtauschen noch weiterverschenken kann? Vielleicht lesen ja die Verleger und Buchhändler auch selbst die falschen Bücher. Hier ein alternativer Tipp für die Ferienlektüre: Matt Masons „The Pirate’s Dilemma“. Zitat: „Wenn das Geschäftsmodell eines Unternehmens nur noch darin besteht, Kunden wegen des Konsums von Raubkopien zu verklagen, dann hat dieses Unternehmen in Wahrheit überhaupt kein wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell mehr. Die Fähigkeit zum Geldverdienen sollte darauf beruhen, Mehrwert mit innovativen Ideen zu schaffen, nicht mit Gerichtsverfahren.“ Die Printauflage von Masons Buch verkauft sich übrigens außergewöhnlich gut. Als E-Book gibt es The Pirates Dilemma kostenlos.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".