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Apples Tablet im Nachhaltigkeits-Test: Wie fair & wie bio ist das iPad? (Teil 2)

23 Jun 2010 Ansgar Warner 1 Kommentar

makeITfair Wie fair und bio ist das ipad tablet im nachhaltigkeits-test.gifDie Sozialbilanz eines Tablet-PCs ist noch viel virtueller als die Ökobilanz. Giftige Schwermetalle lassen sich schließlich auch im fertigen Produkt nachweisen. Für Schweiß und Tränen, die am Fließband vergossen wurden, gilt das nicht. Nur in seltenen Fällen wie etwa bei Foxconn gelangen Informationen über unmenschliche Arbeitsbedingungen an die Presse. Der Weg zur fair produzierten Elektronik ist noch weit – trotzdem gibt es erste Ansätze, von der teilfairen Computermaus bis zur Kunden-Kampagne MakeITfair, die von den Mobilfunk-Anbietern mehr soziale Nachhaltigkeit fordert.

“Momentan wäre ein Fairtrade-Siegel für Computer nicht glaubwürdig“

Kaum ein IT-Unternehmen legt so viel wert auf die Kombination von edlem Design und positivem Image wie Apple – und lässt sich das von den Anwendern zumeist auch teuer bezahlen. Blickt man hinter die spiegelnde Plastik-Fassade, geht es aber genauso schmutzig und billig zu wie bei der Konkurrenz. Der Vorwurf des Sozial-Dumpings bei der iPad-Endmontage mag den selbsternannten Saubermann Steve Jobs zwar besonders hart treffen – doch die Misstände beim Zulieferer Foxconn sind bei weitem kein Einzelfall. So deckte bereits im Jahr 2008 eine Untersuchung der Nichtregierungsorganisation WEED drastische Verhältnisse bei chinesischen Zuliefererunternehmen von renommierten Marken wie Fujitsu, Dell und Lenovo auf. Von Arbeitszeiten um die 370 Stunden pro Monat war da die Rede, aber auch von unzureichendem Arbeitsschutz und Vergiftungen durch Chemikalien. Bräuchte man angesichts solcher Skandale nicht endlich ein „Bio&Fair“-Siegel, das dem Endanwender Orientierung vermittelt? „Die Lieferketten sind bei Elektronikprodukten sehr komplex“, gibt Cornelia Heydenreich von Germanwatch zu bedenken, „Bei Produkten wie Kaffee oder Tee ist es einfacher, die Einhaltung sozialer Kritierien zu überprüfen.“ Das beste Beispiel sei Foxconn selbst. Dort würden nur vorgefertigte Teile zusammengefügt, die wiederum von anderen Herstellern stammen. Beim iPad gehören dazu etwa LG-Display (Touch-Screen), Samsung (A 4-Chip), Broadcom (Wireless-Technik) oder Texas Instruments (div. Chips). „Bei so einer langen Produktionskette wäre ein Siegel momentan ganz einfach nicht glaubwürdig“, so Heydenreich.

Auf der Suche nach Best Practice: Von teilfairen Mäusen bis zum nachhaltig prodzierten Handy

Vereinzelte Bestrebungen, Elektronik nachhaltiger zu produzieren, hat es bereits gegeben. Ende der 1990er Jahre versuchten der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und die IT-Firma Cherry, eine ökologische Tastatur auf dem Markt zu etablieren. 2005 entwickelte die österreichische Entwicklungsfirma Kerp eine Öko-Maus, für die der Holzwerkstoff Arboform als Spritzmaterial genutzt wurde. Dabei ging es zwar um „Green IT“, aber noch nicht um „Fair IT“. Ein aktuelles Projekt namens PheFE (Projekt zur Herstellung Fairer Elektronik) hat sich nun zum Ziel gesetzt, eine LED-Kabelmaus herzustellen, bei der Sozial- und Ökobilanz gleichermaßen berücksichtigt werden. Bewusst wurde auch in diesem Fall ein besonders einfaches Gerät gewählt, dessen Produktionskette sich noch relativ einfach überschauen lässt. Ein weiterer Vorteil ist natürlich, dass auch eine „teilfaire“ Maus vom Anschaffungspreis her noch vom Normalverbraucher bezahlbar wäre. Produktionstart soll im Sommer 2010 sein (siehe auch die aktuellen Designentwürfe von Tatjana Krischik ). Einen völlig anderen Ansatz wählt dagegen die Initiative „Make IT fair“: mit einer Postkartenaktion macht man seit Anfang Juni Druck auf Mobilfunk-Unternehmen wie T-Mobile oder Vodafone, ihren Kunden endlich fair produzierte Telefone anzubieten. Damit soll die Behauptung durchkreuzt werden, die Endanwender würden sich nur für niedrige Preise interessieren. „Wir glauben dagegen, die Konsumenten möchten die Wahl haben“, so MakeITFair-Koordinatorin Irene Schipper. Zu den Unterstützern der Aktion gehört auch Germanwatch.

Für eine Handvoll Dollars: Die Endmontage des iPads macht nur einen Bruchteil der Gesamtkosten aus

Finanzielle Aspekte sprechen aber auch bei einem komlexen Gadget wie dem iPad nicht grundsätzlich gegen gerechtere Entlohnung. Die gesamte Herstellung von Apples Tablet kostet laut iSuppli etwa 260 Dollar. Einzelne Komponenten wie Display, Mikrochips, Akku oder WiFi-Antenne werden dabei mit knapp 250 Dollar veranschlagt. Die Endmontage kostet dagegen nur 9 Dollar, also etwa 3,5 Prozent. So wundert es kaum, dass Foxconn nach öffentlichem Druck die Löhne für die Fließband-Arbeiter im Werk von Shenzhen mal eben so um dreißig Prozent erhöhen konnte, ohne dass sich die Gesamtkalkulation wesentlich verändert. Damit sich an den Arbeitsbedingungen selbst etwas ändert, ist nach der Erfahrung von Cornelia Heydenreich allerdings mehr notwendig als nur bessere Bezahlung: „Vor allem müssen die Beschäftigten vor Ort bei der Kontrolle von Mindeststandards mit einbezogen werden, also etwa durch ein Beschwerdemanagement oder Fair Trainings für Vorgesetzte“. Auch die Gewerkschaften kommen dabei ins Spiel – denn ihre Arbeit wird schließlich durch die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gesichert, zumindest theoretisch.

Von MakeITFair zu BuyITFair – Konsumenten entdecken ihre Marktmacht

Angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse in China können momentan aber wohl die Gewerkschaften in Europa mehr ausrichten – etwa durch politischen Druck auf das Beschaffungswesen: „Auch die öffentliche Hand muss ihre Marktmacht einsetzen, um dazu beizutragen, dass sich akzeptable Arbeitsbedingungen durchsetzen“, fordert etwa Verdi-Chef Frank Bsirske. Dabei ziehen Gewerkschaften und NGOs immer öfter am selben Strang. Am 22.6. startete beispielsweise eine EU-weite Online-Petition, die Hochschulen zur nachhaltigen IT-Beschaffung auffordern soll – denn immerhin landet jeder fünfte PC in Europa auf dem Campus. Die meisten Hochschulen berücksichtigten bei Ausschreibungen bisher nur technische Kriterien. Mit „Procure IT Fair“ sollen sie nun dazu bewegt werden, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Wie oft das Apfel-Logo in Academia auftaucht, könnte also in Zukunft auch davon abhängen, welchen Platz die Kalifornier im globalen Nachhaltigkeits-Ranking einnehmen.

Ein Kommentar »

  • newstube.de schrieb:

    Schwermetalle, Schweiß & Tränen: Wie fair& wie bio ist das iPad?…