[e-book-review] Apokalypse jetzt, oder: wie wir uns auf eine neue Gesellschaft vorbereiten

Potz Krimsekt & Eurokrise: postapokalyptische Genres haben immer Konjunktur, da bräuchte es die Mad Max-Erzählung vom Euromaidan gar nicht, genauso wenig die schwelende Krise des Finanzsystems. Doch die Frequenz der Krisen, die scheint zuzunehmen. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, sich statt Abendbrot einmal Gedanken darüber zu machen, wie nachhaltig eigentlich der Status Quo ist. Die Leipziger Journalistin Greta Taubert hat das getan – für ihr neues Buch „Apokalypse jetzt!“ recherchierte sie ein Jahr lang, wie man ein Leben nach dem zivilisatorischen Crash meistern könnte. Woher bekommt man etwas zu essen, wo kann man unterschlüpfen, was kann man selber machen, was braucht man wirklich? Ausgangspunkt der Reise zu Doomsday-Preppern, Tauschring-Nutzern und Post-Wachstumsökonomie-Checkern war dabei nicht ganz zufällig die biografische Perspektive einer Familie mit DDR-Background: „Drei Generationen, drei Ideologien, drei Untergänge. War ich die nächste, die sich in einem zum Untergang verdammten System eingerichtet hatte?“

Die eigenen Eltern und Großeltern sind selbst gewiefte Experten für das Überleben in unruhigen Zeiten – alleine schon durch die Tradition der Vorratshaltung oder des heimwerkerischen Improvisierens haben sie der Generation Just-In-Time, die zur Not Tiefkühl-Pizza aus dem Spätkauf holt oder bei Ebay Ersatzteile ordert, einiges an Survival-Techniken voraus. Konsequenterweise steht am Anfang der Recherche aber erstmal eine zweiwöchige „Notfall-Diät“ mit den Reserven, die der eigene Haushalt bietet – schon nach wenigen Tagen heißt das dann: Taubert muss hungern. Dem folgt die Nahrungssuche mit Profis. Von Wildkräutern und Pilzen bis hin zum selbst erlegten Wildbret. Faute de mieux verwandelt sich der Großstadtmensch zurück zum Jäger und Sammler.

Postapokalyptischen Genres wird ja gerne vorgeworfen, extrem konservativ zu sein, weil sie das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ganz kompromisslos ausmalen, ohne sich für Alternativen im Hier und Jetzt zu interessieren. „Apokalypse Jetzt!“ zeigt, das ist Quatsch. Bereits der andere Blick auf die Konsumgesellschaft kann heilsam sein – die komplexe Wertschöpfungskette hinter alltäglichen Produkten wie Espresso, Ikea-Regalen oder iPods ist immer schon Menetekel der verdrängten Systemkrise: „Die Dinge um mich herum befremden mich: ich habe sie gekauft, aber ich will sie gar nicht wirklich kennen. … Mein ganzer Lebensstil ist darauf aufgebaut, dass mein materielles Glück irgendwo auf der Welt oder irgendwann in der Zukunft Leid verursacht“, schreibt Greta Taubert im Vorwort.

Nein, wenn uns wirklich etwas lähmt, dann ist es die scheinbare Abhängigkeit davon, dass alles so bleiben muss, wie es ist, obwohl wir spüren, dass das auf Dauer nicht funktioniert. Insofern wirkt „Apokalypse Jetzt“ eher befreiend – denn auf ihrer Reise lernt Taubert viele Menschen kennen, die schon jetzt einen Lebensstil ausprobieren, der nicht nur krisensicher scheint, sondern, sobald er zum Mainstream wird, die Krise auch verhindern könnte. Die Alternativen, sie sind eben schon da, man muss nur richtig hinschauen: Urban Gardening, Sharing-Kultur, Handcraft-Bewegung, Öko-Landwirtschaft, Öko-Hausbau – viele hippe Trends sind auf den zweiten Blick ganz einfach der erste Schritt, um das große Ganze zu ändern. Insofern: her mit den (Post-)Apokalypsen, zumindest in medialer Form…

Greta Taubert, Apokalypse jetzt!
Wie ich mich auf eine neue Gesellschaft vorbereite. Ein Selbstversuch
Eichborn (Februar 2014),
Preis: 12,99 Euro (epub/Kindle), 16,99 Euro (Taschenbuch)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".