Amazon-Bashing, Orwellsche Kartelle & der Kulturkampf um’s teure Buch

Der öffentlich ausgetragene Konflikt zwischen Amazon & Hachette entwickelt sich langsam zum rhetorischen Grabenkampf – nicht nur lebendige Leser und Autoren werden in Stellung gebracht („Authors United“ gegen „Readersunited“), sondern auch Zitate aus dem Club der toten Dichter. Auf der Website readersunited.com, gelauncht als Reaktion auf den via New York Times-Anzeige verbreiteten offenen Brief der amazonkritischen „Authors United“, hat das Unternehmen ausgerechnet eine vermeintlich gegen billige Taschenbücher gerichtete Sentenz von George Orwell exhumiert, um Hachette in ein schlechtes Licht zu rücken. „The Penguin Books are splendid value for sixpence, so splendid that if the other publishers had any sense they would combine against them and suppress them„, schrieb Orwell 1936 über das damals brandneue Format, das anfangs für ein Zehntel des Preises von Hardcovern über den Ladentisch ging.

Orwellsche Momente, gestern & heute

Die weitere Argumentation ist wohlfeil: Ja, genau, Orwell hat Kartellbildung vorgeschlagen, heißt es auf Readersunited, und heutzutage würden die Verlage zu ähnlich illegalen Methoden greifen, um die Preise von Büchern künstlich hoch zu halten. Nicht gaaanz dasselbe, aber: „Well… history doesn’t repeat itself, but it does rhyme“. Allerdings reimt sich ja Orwell auch auf Amazon – seitdem das Unternehmen 2009 über Nacht via Whispersync ausgerechnet Ausgaben von „1984“ und „Animal Farm“ auf Kindle-Readern seiner Kunden gelöscht hat. Damals sprach die NYT von einem „Orwellian Moment“, und Jeff Bezos wurde als „Großer Bruder“ verspottet.

In diesen Tagen hagelte es nun erneut Kritik vom East River – denn Amazon hatte vom obigen Zitat nur die zweite Hälfte zitiert (ab „that if the other publishers…)“, und damit unterschlagen, dass Orwell aus Leser-Perspektive günstige Literatur durchaus goutierte. So schrieb die NYT dem Online-Händler ins Stammbuch: „This perceived slur on the memory of one of the 20th century’s most revered truth-tellers might prove to be one of Amazon’s biggest public relations blunders since 2009“.

Snobismus oder berechtigter Protest?

Auch die aktuellen Buch-Blockaden im Online-Store von Amazon haben natürlich einen Orwellschen Flavor, und so betonen die als „Authors United“ firmierenden Edelfedern — darunter auch Amazon-Profiteure wie Stephen King oder John Grisham — mit einer gewissen Berechtigung: „“As writers – most of us not published by Hachette – we feel strongly that no bookseller should block the sale of books or otherwise prevent or discourage customers from ordering or receiving the books they want“. Diesem Protest haben sich mittlerweile auch traditionell denkende und veröffentlichende deutsche Verlags-Autoren angeschlossen.

Was nicht unwidersprochen blieb. „Bislang beschränkte sich die saturierte Elite überwiegend auf snobistisches Aldi- und Mediamarkt-Bashing. Doch seit kurzem haben sie ein neues Ziel: amazon“, ätzt Thomas Brasch auf seinem Blog. Den Kritikern gehe es nämlich gar nicht um das Produkt „Buch“, sondern „um ein elitäres Vorrecht, dass sie seit der Erfindung des Buchdrucks immer wieder vehement verteidigen: zur einflussreichen Bildungs- und Kulturelite zu gehören“.

Paperpacks als erster Disruptor der Buchbranche

Dass Paperbacks seit den 1960er Jahren in den USA deutlich teurer waren als in den wilden 30er Jahren, hat übrigens nur sehr wenig mit Kulturkämpfen um das gute Buch zu tun, sondern eher mit Konzentrationsprozessen in der Buchbranche, ebenso wohl mit der Tatsache, dass Verlage die Taschenbuch-Rechte irgendwann nicht mehr an Dritte verscherbelt, sondern lieber selbst verwertet haben, mit angepasstem Pricing und zeitlichem Abstand zum Hardcover-Launch.

Die ursprüngliche Rolle von Paperbacks fasst Indie-Autor Edward Robertson auf seinem Blog so zusammen: „they were invented to disrupt the hardcover industry“. Insofern ist Amazons Rolle mit der von Discount-Verlagen vergleichbar, die in den Dreißiger Jahren Taschenbücher für Centbeträge auf den Markt warfen. Ob preiswerte Lektüre nun gut ist oder schlecht ist, darüber konnte man schon damals geteilter Meinung sein. Wie z.B. George Orwell. Was ihn als Leser begeisterte, machte ihm aus Sicht der Buchindustrie eher Sorgen: “The cheaper books become, the less money is spent on books.” Denn für das gesparte Geld, so der Schriftsteller, würden die Leute dann lieber eine Kinokarte kaufen.

Abb.: Flickr/Timothy Krause (cc-by-2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".