Liefersperre im Provisionskampf mit Verlagen: Amazon als Gazprom der Buchbranche?

J K Rowling hat’s erwischt, den Kinderbuch-Autor James Patterson, aber auch Jeff Bezos‘ inoffiziellen Biografen Brad Stone: die Printversionen ihre Bücher sind im Amazon-Store plötzlich nur mit langen Verzögerungen lieferbar bzw. nicht vorbestellbar, was sich natürlich auch auf das Bestseller-Ranking auswirkt. Doch persönlich nehmen (außer vielleicht Brad Stone) sollten sie und viele andere Betroffene das nicht – denn Hintergrund ist „nur“ ein Machtkampf zwischen dem weltgrößten „Everything Store“ und einigen großen Verlagen, insbesondere Hachette und Bonnier. Zu letzterer Gruppe gehören auch Piper, Ullstein und Carlsen, so dass auch deutsche Titel betroffen sind. Strategisches Ziel: von bisher 30 Prozent will Amazon die Verkaufprovision für E-Books auf 40 bis 50 Prozent erhöhen.

„Amazon is holding books and authors hostage on two continents“, kommentierte der NYT-Bitsblog – und auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht von „Erpressung auf dem Rücken von Kunden und Autoren“. Eigentlich sind natürlich vor allem die Verlage betroffen, denn Amazon besitzt ja kein Monopol auf den Verkauf gedruckter Bücher, und die Verlags-Autoren wiederum erhalten auch bei E-Books nur einen geringen Teil des Umsatzes. Falls der nun noch kleiner werden sollte, hätte Amazon aber doppelt gewonnen – denn dann würde für noch mehr Literaten der Anreiz steigen, ihre Bücher bei Amazon-Labels verlegen zu lassen oder das Kindle Direkt Publishing-Programm zu nutzen.

Die Lobbyisten der Gutenberg-Galaxis fordern zusätzlich zur Buchpreisbindung für E-Books nun ein „neues Kartellrecht im digitalen Markt“, also eine Art „Lex Amazon“. Der Online-Riese sieht die Sache naturgemäß deutlich sportlicher, der Konflikt wird in einem offiziellen Diskussionbeitrag im Kunden-Forum als alltäglicher Vorgang im marktwirtschaftlichen Wettbewerb bezeichnet (Diskutiert werden darf in diesem Thread aber nicht…). Letztlich gehe es darum, möglichst günstige Preise für die Kundschaft zu ermöglichen: „When we negotiate with suppliers, we are doing so on behalf of customers. Negotiating for acceptable terms is an essential business practice that is critical to keeping service and value high for customers in the medium and long term“.

Außerdem wird die Auswirkung der Liefersperre mit Gazprom-verdächtiger Jovialität kleingeredet: „If you order 1,000 items from Amazon, 989 will be unaffected by this interruption“. Und süffisant wird noch ergänzt, man könne ja im Amazon-Store in vielen Fällen auch eine gebrauchte Fassung von Drittanbietern erwerben, oder das jeweilige Buch gerne im Online-Shop eines Mitbewerbers kaufen. Schließlich schlägt Amazon sogar vor, gemeinsam mit Hachette einen Sonderfonds für darbende Autoren aufzulegen, deren Tantiemen von dem aktuellen Streit betroffen seien. So habe man das ja auch 2010 bei einer ähnlichen Auseinandersetzung mit Macmillan gemacht (es ging um E-Book-Pricing). Ein interessanter Hinweis: Damals dauerte es nämlich gerade mal eine knappe Woche, bis Amazon die Liefersperre wieder aufhob – und auf die Forderungen des Verlags einging.

Abb.: flickr/Kodomut (cc-by-2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „Liefersperre im Provisionskampf mit Verlagen: Amazon als Gazprom der Buchbranche?“

  1. Liebe Kollegen, seltsame Logiok entfaltet Ihr in diesem Satz:

    Mit anderen Worten: Wenn mich einer schlägt, dann krieche ich ihn in den Hintern, damit er mich nicht mehr trifft? Ich glaube der umgekehrte Weg ist der Fall. Die Autoren werden Amazon eher meiden, weil sie nun die Marktmacht spüren. Das Getue um den „lieben Kunden“ ist hiermit aufgedeckt als das, was es ist: Der Kunde ist nur solange gut, solange er melkbar ist. Wenn es um Gewinne geht und um Macht, dann ist er Amazon völlig egal. Wenn Verlage nicht spuren, dann bekommt der Kunde eben nichts von Hachett oder aus der Backlist von Bonnier. Kundenfreundlich ist das nicht. Amazons Aktie ist seit Ende letzen Jahres um ca. 25 Prozent im freien Fall. Denn die Gewinne sind den Aktionären zu klein. Amazon will das nun korrigieren. Darum gehts und um nichts anderes. Hinter der Maske kommt die Fratze Amazon zum Vorschein. Und Gnade für die Kultur, wenn dieses Unternehmen weiter Macht gewinnen sollte. Wir brauchen also viele Online-Buchhändler und/oder einen starken stationären Buchhandel.

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