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[Crosspost] ”Die Dominanz von Amazon hat abgenommen” – Interview mit Jürgen Schulze, Null Papier Verlag (Teil 2)

15 Apr 2014 Sebastian Brück 3 Kommentare

Der Neusser Jürgen Schulze hat Deutschlands vermutlich erfolgreichsten Ein-Mann-Verlag auf die Beine gestellt: Null Papier. Im ersten Teil des Interviews erklärte er, warum er sich auf gemeinfreie Literatur spezialisiert hat, warum „Böse E-Books, gute E-Books“-Diskussionen dem Leser nichts bringen und warum sich der E-Book-Standardpreis für Klassiker bei nur 99 Cent eingependelt hat. Diesmal spricht Jürgen Schulze über die abnehmende Dominanz von Amazon, den steigenden Stellenwert von Self Publishing, den Unsinn von hartem Kopierschutz, die Prüderie im iBooks Store und über den digitalen Verlagsgründerboom.

Wie verteilt sich der E-Book-Kuchen im Null Papier-Verlag, wie groß ist die Dominanz von Amazon?

2011 entfielen noch 70 bis 80 Prozent meiner Verkäufe auf Amazon. Inzwischen hat sich das etwas verschoben: Amazon kommt je nach Buch auf 40 bis 60 Prozent, danach folgen Thalia.de und Google Play, beide auf dem gleichen Niveau mit rund 15 Prozent. Der Rest verteilt sich auf die übrigen Anbieter.

Die Tolino-Allianz von Thalia, Weltbild, Hugendubel und Bertelsmann als Gegengewicht zum Kindle existiert erst seit März 2013. Wie erklären Sie sich, dass die deutsche Buchbranche so spät auf die Dominanz von Amazon reagiert hat?

Die Amerikaner probieren Dinge eben gerne aus. Motto: Wenn etwas nicht klappt, können wir immer noch nachbessern. Google ist ein Milliardenkonzern, und Google Play Books macht bereits beträchtliche Umsätze, aber der Shop scheint mir immer noch in der Betaphase, vieles wirkt wie mit der heißen Nadel gestrickt und wird erst nach und nach perfektioniert. Ähnlich war es anfangs bei Amazons Selbstveröffentlichungs-Programm KDP. In Deutschland gibt es diese Ausprobieren-Mentalität nicht: Bevor ein Shop online geht, lässt man jedes Detail vom TÜV durchprüfen. In anderen Branchen hat diese Grundeinstellung natürlich auch Vorteile: Nicht umsonst bauen die Deutschen die zuverlässigsten Autos …

Wie finden die Leser den Weg zu Ihren E-Books? Machen Sie Werbung?

Die Erfolgskontrolle bei Werbe- und PR-Maßnahmen für E-Books finde ich sehr schwierig. Daher mache ich – von gelegentlichen Pressemitteilungen abgesehen – gar nichts. Allerdings kontrolliere ich regelmäßig, ob meine Verlags-Website von Google gefunden wird, damit möglichst viele Leute bei der Suche nach einem bestimmten Klassiker auf ihr landen und dann an den Online-Shop ihrer Wahl weitergeleitet werden. Manchmal macht das Fernsehen unfreiwillig Werbung für mich: Anfang diesen Jahres lief Anna Karenina als Zweiteiler in der ARD, danach hat sich der Umsatz des E-Books drei bis vier Tage verzehnfacht.

Kopierschutz – ja oder Nein? Diese Frage bewegt den E-Book-Markt derzeit ähnlich wie vor einigen Jahren die Musikindustrie.

Ich verzichte bei Null Papier auf hartes DRM (Digital rights management) als Kopierschutz, weil es einfach zu viele Leute gibt, mich eingeschlossen, die dadurch mit legal gekauften E-Books Probleme haben. Man kann die Buchdatei nicht hin- und herkopieren, sie abends im Bett auf dem E-Book-Reader lesen und morgens auf dem Weg zur Arbeit auf dem Smartphone. DRM gängelt die ehrlichen Kunden und schützt nicht wirklich gegen Raubkopierer. Inzwischen verzichten einige große Verlage und Online-Shops bereits auf hartes DRM, und früher oder später werden die meisten nachziehen.

Welche Rolle wird Self Publishing in Zukunft spielen? Haben die Verlage dieses Thema unterschätzt?

Heute hat jeder die Möglichkeit, sein eigenes E-Book ohne Verlag bei Amazon KDP, Epubli, Xinxii oder Bookrix hochzuladen und den Preis selbst festzulegen. Wer es zum Beispiel für 2,99 Euro anbietet, kassiert bei jedem Verkauf 70 Prozent Tantiemen. Das sind rund 2 Euro pro E-Book, davon können die Taschenbuchautoren bei großen Publikumsverlagen nur träumen. Die Krimi-, Fantasy- oder ChickLit-Bestseller von Self Publishern nehmen den etablierten Verlagen im E-Book-Bereich einen beträchtlichen Teil der Umsätze weg. Ende Januar belegten Self Publisher sogar zum ersten Mal die kompletten Top 10 der Kindle Charts. Klar, viele selbstverlegte Bücher können qualitativ nicht mit Verlagstiteln mithalten. Aber keiner zwingt die Leute, diese E-Books zu kaufen. Und wenn sie das mögen: Bitteschön! Ich bin mir sicher, dass in den Verlagsbüros die Köpfe rauchen. Dann heißt es: Müller, kommen Sie mal her! Warum sind wir nicht in den Top 10? Es gibt ja auch schon einige Fälle, wo erfolgreiche Self Publisher die digitalen Rechte an einem Buch behalten und lediglich für die Papierausgabe mit einem Verlag zusammenarbeiten. Einige Verlage kommen also mittlerweile von sich aus auf erfolgreiche Self Publisher zu. Da ist einiges in Bewegung geraten.

Auch verlagsunabhängige Autoren müssen sich an die Buchpreisbindung halten und ihr E-Book in allen Shops zum gleichen Preis anbieten, allerdings verlangen sie dafür selten mehr als 3,99 Euro. Die Verlag verkaufen die digitalen Versionen für 75 bis 80 Prozent des Preises für die Printausgabe.

Die etablierten Verlage haben es nicht einfach. Für die Printausgabe investieren sie oft viel Geld in Lektorat, Werbung und Vertrieb. Trotzdem ist es vielen Kunden schwer zu vermitteln, dass sie für die digitale Ausgabe eines aktuellen Bestsellers, der im Hardcover 19,99 Euro kostet, immer noch 15,99 bezahlen müssen. Ich gehe aber davon aus, dass die Verlage auch bei den E-Book-Preisen früher oder später flexibler agieren werden.

Ihre Branche bekommt immer mehr Zuwachs. 2013 gründeten sich kleine Digitalverlage wie Frohmann, Das Beben, Mikrotext und Culturbooks, die nicht auf den typischen Kindle Top 100-Leser schielen, sondern Literatur abseits des Mainstreams veröffentlichen.

Ich glaube, wir werden in den kommenden Jahren noch viele solcher Verlagsgründungen erleben. Das Risiko eines reinen E-Book-Verlags ist einfach viel überschaubarer. Ein Printverlag muss eine Druckerei finden und für die Produktion Geld vorschießen, und man muss die Vertriebswege organisieren. Das ist riskant und zeitaufwendig. Für einen Digitalverlag braucht man lediglich ein enthusiastisches Team von Layoutern und Lektoren, einen guten Steuerberater und eine Palette der gängigen Lesegeräte, um vor jeder neuen Veröffentlichung zu prüfen, ob das E-Book richtig dargestellt wird. Den Vertrieb übernehmen kostengünstige Dienstleister.

E-Books gelten als ideales Trägermedium für kurze Texte …

… und interessanterweise entwickelt sich ein Teil der E-Book-Branche gerade so, wie es bereits vor 200 Jahren der Fall war. Charles Dickens, Jules Verne, Alexandre Dumas – viele große Autoren haben ihre Romane und Novellen in kleinen Fortsetzungs-Häppchen in Zeitungen veröffentlicht. Anschließend erschien die komplette Geschichte in gebundener Form als Buch. Für solche Serien bietet sich das E-Book natürlich an, und sowohl Verlage als auch Self Publisher experimentieren bereits damit.

In den USA haben E-Books einen Marktanteil von 30 Prozent, bei uns liegt die geschätzte Zahl bei rund 11 Prozent. Wie lange wird es dauern, bis wir amerikanische Verhältnisse haben?

Gegenfrage: Wer kauft heute noch CDs? Ich glaube, man kann das nicht genau abschätzen. Klar ist: Der Anteil wird weiter steigen, den etablierten Verlagen nichts anderes übrig bleiben, als sich auf die Digitalisierung einzulassen und ihre eigenen E-Book-Imprints zu gründen. Das wird auf Kosten der Taschenbücher gehen, die übrigens in den 1950er Jahren auch viel kritisiert wurden, als sie zum ersten Mal auf den Markt kamen. Wühltische mit remittierten Taschenbüchern wird es immer seltener geben. Print wird natürlich nicht sterben: Hardcover-Ausgaben für Liebhaber: Fotobände, Comics funktionieren in gedruckter Form einfach besser. Noch ist es so, dass viele Verlage nur ihre erfolgreichen Papierbücher parallel als E-Book veröffentlichen, langfristig wird es genau anders herum sein: Erfolgreiche E-Books erscheinen zusätzlich als Papierbuch.

Was war Ihr kurioseste Erfahrung als E-Book-Verleger?

Die extrem penible Auslegung der allgemeinen Geschäftsbedingungen im iBooksstore von Apple! Auf dem Cover des historischen Romans „Das Gotteslehen“ von Ludwig Ganghofer habe ich ein mittelalterliches Gemälde von Lucas Cranach platziert – eine barbusige Justitia, die eine Waage hält. Völlig absurd, aber ein blanker Busen darf bei Apple nicht gezeigt werden, auch nicht auf einem uralten Kunstwerk. Vermutlich handeln die Support-Mitarbeiter streng nach den global geltenden Vorgaben und trauen sich nicht, im Einzelfall den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis das Werk endlich im iBook Store verfügbar war.

Welche Pläne haben Sie mit dem Null Papier-Verlag?

Ich werde weiterhin schwerpunktmäßig gemeinfreie E-Books verkaufen, denke aber, dass mein Verlag in Zeiten von Self Publishing eine interessante Alternative zur Veröffentlichung in Eigenregie sein kann. Wenn mich ein Manuskript überzeugt, übernehme ich Cover, Lektorat sowie die Distribution. Und der Autor erhält die Hälfte meiner Verlags-Tantiemen, die wiederum bei mindestens 50 Prozent des Netto-Verkaufspreises liegen. Ich habe ja mit „Der Hexer von Hymal“ bereits erfolgreich die Fantasy-Reihe eines lebenden Autors veröffentlicht, und momentan plane ich die englische Übersetzung. Der englischsprachige Markt ist in diesem Genre sicher nicht einfach zu knacken, aber ich habe große Lust, das auszuprobieren. Außerdem plane ich, ab 2015 Hörbücher zu produzieren. Und ich hätte nichts dagegen in irgendeinem Archiv oder Antiquariat einen vollkommen vergessenen Autoren, den keiner mehr auf dem Schirm hat, neu zu entdecken und bekannt zu machen.

[Der erste Teil des Interviews ist am 11. April 2014 erschienen]

Autor & Copyright: Sebastian Brück

Abb.: Jürgen Schulze, Null Papier Verlag (c)

Crossposting via sebastianbrueck.blogspot.de mit frdl. Genehmigung des Autors

3 Kommentare »

  • Klaus Seibel schrieb:

    Leider sind drei gravierende Fehler im Interview:

    1. Die Tantiemen betragen bei einem E-Book von 2,99 Euro in etwa 2,00 Euro und nicht 1,30 (70% Tantieme abzl. “Transportpauschale”).
    2. Self Publisher müssen sich genauso wie Verlage an die Buchpreisbindung halten.
    3. Die Preisgestaltung der Verlage bei E-Books hat nichts mit der Buchpreisbindung zu tun. Verlage können die Preise für E-Books frei wählen, sie müssen nur in allen Shops gleich sein.

  • Ansgar Warner schrieb:

    Da hast du natürlich recht, Klaus, danke für den Hinweis, ist schon geändert…

  • Stephan Kreutzer schrieb:

    Gerade längst vergriffene gemeinfreie Texte kann man per Print-on-Demand-Verfahren in neuen Ausgaben herausgeben und je nach Ausstattung auch höhere Preise verlangen, wo keiner der traditionellen Verlage konkurrieren wird, nur um eine Handvoll Exemplare abzusetzen, aber für den modernen digitalen Verlag rechnen sich diese Handvoll Exemplare per Print-on-Demand eben – vor allem, wenn man das ebenfalls gemeinfreie E-Book gleich mitliefern kann und sich die Druckvorlage automatisiert aus dem E-Book generieren lässt.