Home » E-Book-Review

#AllesWirdGutenberg – SPON-Journalist Hilmar Schmundt erforscht „Glück des digitalen Lesens“

21 Mrz 2013 5 Kommentare

Hilmar Schmundt liebt Bücher, immer schon. Gerne hätte er bereits früher seine ganze Bibliothek mit sich herumgetragen – doch das Gewicht! Vor einer Radtour quer durch Kuba machte er deswegen schon mal mit Manns „Zauberberg“ kurzen Prozess: mit dem Teppichmesser wurde das Buch zerteilt, die bereits gelesenen Kapitel blieben zuhause. Dank E-Books und Mobilgeräten muss der Wissenschaftsjournalist aber schon längst nicht mehr die Machete schwingen, längst erkundet der technikaffine Vielleser den digitalen Spiralarm der Gutenberg-Galaxis, insbesondere als SPIEGEL-Autor. Ein gelungener Remix vieler Artikel rund um das elektronische Lesen & Schreiben ist nun unter dem Titel „Gutenbergs neue Galaxis. Vom Glück des digitalen Lesens“erschienen, als Band drei der neuen E-Book-Reihe des Hamburger Wochenmagazins.

„Goldenes Zeitalter des Lesens“

Die Lektüre lohnt sich – nicht nur, weil das E-Book-Single für 99 Cent (bisher exklusiv) auf’s Kindle kommt. Denn hier schreibt einer, der zu den Very Early Adoptern gehört. Schon 1992 schob Schmundt als Student eine Diskette mit dem Hypertext-Roman „Afternoon“ in seinen Mac, im Jahr 2000 konfrontierte der in Berlin lebende Journalist Literaraten und Kritiker im Rahmen der „Elektrolit“-Tagung mit dem Rocketbook, einem der ersten E-Reader überhaupt. „Elektronische Bücher sind doch eigentlich nur verkappte Computer“, moserte damals der Essayist Michael Rutschky, und Tech-Autor Peter Glaser forderte: „Die Hardware soll verschwinden, die Funktionen bleiben“.

Kindle, iPad & Co. sind dieser Utopie schon recht nahe gekommen. Aller bibliophilen Kulturkritik zum Trotz darf Schmundt also behaupten: „Die Schrift ist nicht verschwunden, wir leben geradezu in einem goldenen Zeitalter des Lesens“. Dem Marktforschungsinstitut Gallup zufolge würden die Amerikaner jetzt 17 Bücher pro Jahr lesen, mehr als je zuvor. Aus dieser Perspektive liefert das E-Book einen subjektiv gefärbten „Bericht über meinen Umstieg von gedruckten Buchstaben zu solchen, die nur aus Pixeln bestehen“, zugleich aber einen „Bericht von Orten, an denen eine neue Buchkultur jenseits des Papiers entsteht“. Darunter etwa die nagelneue, erstaunlich buchfreie Uni-Bibliothek der ETH Lausanne, ein digitaler Lesezirkel, dessen Mitglieder sich auch mal offline in Brooklyn treffen, aber auch jene Pioniere in Hamburg, die mit Hilfe von Spielekonsolentechnik an einem Wörterbuch der Gebärdensprache arbeiten.

„Lesemaschinenpark läuft noch längst nicht rund“

Schmundt spricht zugleich von seinem persönlichen Point-of-no-Return – es war der 736 Seiten lange Roman „Freiheit“ von Jonathan Franzen. „Ich finde, dass mein 247 Gramm leichtes Lesegerät weitaus angenehmer in der Hand liegt als der dicke Franzen-Roman auf Papier, den ich mit beiden Händen halten muss. Das Cover der englischsprachigen Ausgabe ist marktschreierisch bunt. Der E-Book-Reader dagegen tritt ganz hinter dem Text zurück.“ Wo Kritiker vor der Ablenkung durch Features und Multimedia warnen, lobt Schmundt die Möglichkeiten zur Vertiefung, etwa beim komfortablen Nachschlagen unbekannter Wörter, oder automatische Übersichten wie etwa Amazons „X-Ray-Feature“. „Nach ein paar Monaten ertappte ich mich dabei, Bücher aus Papier wie Museumsstücke zu betrachten“, gesteht Schmundt.

Doch wenn das gute, alte Buch nur ein Prototyp war, eine Vorabversion des perfekten Lesemediums, sind die heutigen E-Books dann schon das Final Release? „Mein eigener Lesemaschinenpark läuft keineswegs rund, E-Books sind bislang alles andere als perfekt“, gesteht der Autor. Abenteuerurlaub im Formatedschungel: „Ich sehe meine Bücher sauber aufgereiht auf dem virtuellen Regal, alle ganz legal, alle teuer bezahlt, aber sie sind unerreichbar wie hinter einer kugelsicheren Glasvitrine“. Angesichts einer DRM-Panne fühlt Schmundt sich eines Tages „kalt enteignet“. Manchmal funktioniert die Technik aber auch zu gut – etwa beim Social Reading, dann wird das Bücherregal für die ganze Welt sichtbar. Der E-Leser spürt ein „leichtes Kribbeln im Nacken, als würde mir ein Publikum über die Schulter schauen“.

Bücherverschlingende Maschinen

Die Bücher beginnen, uns zu lesen. Wahr ist natürlich ebenso: früher haben wir Bücher verschlungen, heute lassen wir Bücher von Maschinen verschlingen. Oft aus reiner Notwehr. „Neuerdings bestelle ich Bücher, die es nur auf Papier gibt, und lasse sie nach Kalifornien schicken, zum Dienstleister 1dollarscan.com. Dort hackt eine Art Guillotine den Buchrücken ab, dann rauschen die Seiten automatisch durch einen Scanner“, schreibt Schmundt. Zwei Wochen später landet eine mittelmäßige digitale Kopie auf seinem Lesegerät. Eigentlich würde der Bücher-Ripper lieber zehn Euro an den Verlag zahlen, für eine offizielle E-Book-Version: „Warum will er mein Geld nicht?“.

Schmundts Sampler ist ein eloquentes Plädoyer, endlich einmal die Chancen der neuen E-Lesewelt auszuloten: „Wie wäre es, wenn Gutenbergs Heimatland, statt erbitterte Debatten um das Urheberrecht zu führen, ein Zukunftslabor betreiben würde: Autoren, Verleger, Medienforscher, die Expeditionen in die neuen Spiralarme der Gutenberg-Galaxis unternehmen?“ Ja, wie wäre das? Gut wäre das! Einen äußerst lesenswerten Expeditionsbericht hat Schmundt mit seinem E-Book jetzt schon mal selbst vorgelegt. Und zugleich ein konkretes Angebot gemacht: unter dem Hashtag #AllesWirdGutenberg lädt er die Leser zur Twitter-Diskussion ein.

Hilmar Schmundt,
Gutenbergs neue Galaxis.
Vom Glück des digitalen Lesens.
Spiegel E-Books, Bd. 3 (2013)
Kindle (Amazon.de) 0,99 Euro

5 Kommentare »

  • #alleswirdgutenberg: Die neue Gutenberg-Galaxis | Hilmar Schmundt schrieb:

    […] Warner von e-book-news über Gutenbergs Neue Galaxis […]

  • Marie BIschoff schrieb:

    Hab es mir gerade herunter geladen und bin mal gespannt! Die Idee als solche finde ich jedenfalls gut und werde die Spiegel eBooks aufmerksam verfolgen. Aber heute Abend oder am Wochenende erst mal die neue Galaxis lesen, dann urteilen.

  • Braun schrieb:

    Hallo,
    während meiner Berufszeit kam ich nie dazu, historische Romane zu lesen.
    Als Pensionär kaufte ich mir dann Bücher, die, gelesen, bald Regale füllten und kosteten.
    Dank eBook und Gutenberg-Spiegel ist beides Vergangenheit – ich kann mir jetzt (kostenlos) Bücher auf meinen Reader herunterladen und lesen.

  • Michail schrieb:

    Das Buch gibt es mittlerweile auch auf ebook.de im EPUB-Format. Die Veröffentlichung hat dort nur etwas länger gedauert als bei Amazon.

  • CulinartMedia: Kulinarische iPad-Apps über Ostern preiswerter, Kindle-eBook … » eBooks - Blog für digitale Bücher schrieb:

    […] #AllesWirdGutenberg – SPON-Journalist Hilmar Schmundt erforscht das "Glück … Die Lektüre lohnt sich – nicht nur, weil das E-Book-Single für 99 Cent (bisher exklusiv) auf's Kindle kommt. Denn hier schreibt einer, der zu den Very Early Adoptern gehört. Schon 1992 schob Schmundt als Student eine Diskette mit dem Hypertext-Roman … Read more on E-Book-News.de […]