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Alles nur G-Cloud? Google Edition soll statt E-Books die „Lizenz zum Lesen“ bieten

21 Dez 2009

Google Edition E-Books Cloud_Bild_flickr_Mansikka_Bromus.jpgGeht es nach Google, gehört das Besitzen von E-Books endgültig der Vergangenheit an: über Google Editions soll in Zukunft der Zugriff auf ein E-Book nur noch online passieren – man erwirbt also lediglich eine Lizenz zum Lesen. „The book will live in the consumer’s online bookshelf“, wird das Verfahren recht blumig auf einer aktuellen Info-Seite von Google beschrieben.

„E-Book-Verlage glauben nicht an das Privateigentum“


„Es gibt eine gefährliche Gruppe von Anti-Copyright-Aktivisten – sie bedroht die Zukunft von Autoren und Verlegern. Sie respektiert weder Eigentum noch Gesetze. Außerdem ist sie mächtig und gut organisiert“, warnt Blogger und Autor Cory Doctorow im Vorwort seines neuesten Romans, den man kostenlos downloaden kann. Mit den Aktivisten meint Digital-Rights-Aktivist Doctorow allerdings nicht die Zunft der Raubkopierer und Copyleft-Praktizierer – sondern E-Book-Verlage. „Copyright hieß bisher, wenn du ein Buch kaufst, besitzt du es“, so Doctorow. Das habe sich nun geändert: „Aber E-Book-Verlage glauben nicht an dein Recht auf Besitz. Sie sagen dir stattdessen: Wenn du ein E-Book kaufst, erwirbst du eigentlich nur eine Lizenz. Bisher gültige Gesetze werden ganz einfach ausgehebelt durch tausende rechtsverdrehende Formulierungen in den AGBs, die man vor dem Kauf durchklicken muss.“

Warum sagt man statt „Kauf ein E-Book“ nicht gleich: „Kauf eine Lizenz zum Lesen“?


Trotzdem würden alle davon reden, Bücher zu kaufen, aber nicht, Kindle-Lizenzen zum Lesen zu verkaufen. Immerhin laden auch Kindle-Besitzer ihre E-Books zumindest auf das Gerät herunter. Geht es nach dem Willen von Google, wird das Downloaden von E-Books aber bald der Vergangenheit angehören. Mit Google Editions plant der Suchmaschinenriese schon seit einiger Zeit, zum Content-Lieferanten zu werden. Doch Googles Bibliothek der Zukunft ist ein echtes Wolkenkuckucksheim – denn die E-Books sollen in einer Rechnerwolke schweben. „Nach dem Kauf befindet sich das Buch auf dem Online-Bookshelf des Kunden, und man kann via Webbrowser mit allen Internet-fähigen Geräten darauf zugreifen“, heißt es dazu in einer aktuellen Information von Google.

Lesen als reine „Web Experience“?

Für die Verlage ist das Procedere denkbar einfach: sie können Titel, die sie bereits bei Google Books als Vorschau-Version anbieten, durch eine Vertragsänderung ab 2010 ganz einfach für Google Editions freischalten. Die Leser werden dadurch allerdings vom Buchkäufer & -besitzer zum reinen Nutzer degradiert: „Jede Version von Google Edition ist durch einen Code individualisiert und lädt das Buch in einen Cache, wenn der Nutzer per Web-Browser darauf zugreift“, beschreibt man bei Google diesen Vorgang – und weist noch einmal ausdrücklich daraufhin, es handle sich eben nicht um einen „File Download“: „Google Web ist optimiert für das Lesen im Browser – das erlaubt Google, Datenmißbrauch zu entdecken und die Daten zu schützen.“ Im Gegensatz zu normalen Webseiten soll das Lesen von E-Books aus der Google Edition allerdings noch weiter eingeschränkt werden: Verlage können ihren Kunden zwar erlauben, Buchtexte zu 100 Prozent per „Copy and Paste“ in andere Dokumente zu übertragen oder Seite für Seite auszudrucken. Die Default-Version sieht jedoch anders aus: „copy and paste up to 20% of a book’s content over a sixty day period“. Ausgedruckt werden können jeweils nur 20 Seiten.

„Denken Sie darüber nach, wieviel den Kunden das E-Book wert ist“


Die Nutzbarkeit ist also selbst gegenüber DRM-geschützten E-Books, wie sie zur Zeit zum Download angeboten werden, noch viel weiter eingeschränkt. Google rät deswegen den Verlagen, den E-Book-Preis ungefähr 20 Prozent niedriger anzusetzen als die preisgünstigste gedruckte Ausgabe. Und gibt noch einen gutgemeinten Ratschlag: „Denken Sie doch darüber nach, wieviel den Kunden die Google Edition ihres Werkes wert sein könnte, und setzen Sie den Preis danach fest“. Falls alle Stricke reißen, behält sich Google auch noch das Recht vor, selbst einen niedrigeren Preis festzulegen – oder das Buch gar nicht zu verkaufen. Für die Verlage dürfte Google Editions auf jeden Fall ein guter Deal werden – sie erhalten 63 Prozent der Erlöse, wenn das Buch direkt bei Google gekauft wurde. Allerdings sollen auch andere Portale Google Edition-E-Books verkaufen können – die Verlage erhalten dann jedoch nur 45 Prozent, während sich Google und der „Retailer“ den Rest teilen. Für die Leser dürfte die Google Edition eines E-Books eigentlich nur interessant sein, wenn sie preislich unter dem Angebot eines „normalen“ E-Books liegt. Das kann sich jedenfalls nicht mehr in Luft auflösen – wie unlängst Kindle-Nutzer erleben mussten, als Amazon aus urheberrechtlichen Gründen ausgerechnet den Orwell-Klassiker „1984“ von seinen Servern löschte. Wer das Buch nicht lokal gespeichert hatte, konnte gegen diese Art der drahtlosen Zensur nichts ausrichten. Immerhin war es eine Zensur mit Geld-Zurück-Garantie. Googles Motto wiederum ist ja: „Don’t be evil“ – doch wer möchte schon eines Tages vor einem leeren online-Bookshelf stehen und sagen müssen: „Alles nur G-Cloud“!?

(via Bewegliche Lettern, Mobileread, eburon.nl)