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Klimakteriums-Komik mit dezenter Krimi-Note: Rosi Wanner, Hormonyoga und Pfefferspray [Leseprobe]

wanner_hormonyoga_pfefferspray_introKrimiautorin Luise Wenzel hat’s nicht leicht: neben dem täglichen Wahnsinn des Familienalltags und wallenden Wecheljahresbeschwerden gerät sie kurz vor Abgabetermin auch noch in eine veritable Schreibkrise. Zielorientiert greift die Mittvierzigerin zu ungewöhnlichen Maßnahmen – die eine Menge ungewollter Kollateralereignisse auslösen. Nicht umsonst heißt Rosi Wanners neuer Roman ja auch „Hormonyoga und Pfefferspray“.
Kinder und deren Bücher schenkende Eltern kennen Wanner als Erfinderin der „Karottenbande“-Serie. Das neue Buch dagegen ist nur für die Großen: „Nach sechs Kinder- und Jugendkrimis beschloss ich, einen Frauenroman zu schreiben, der so viel Humor und Situationskomik beinhalten sollte, dass ich beim täglichen Schreiben kichernd über der Tastatur hängen würde“, so die in der Nähe von Würzburg lebende Autorin. Wer mitkichern möchte, kann das mit Hilfe unserer Leseprobe tun, sie führt direkt in den chaotischen Alltag von Wanners literarischem Alter Ego…

Rosi Wanner, Hormonyoga und Pfefferspray

Amneris schrie so laut, dass die Perlenohrringe an meinen Ohrläppchen hin und her baumelten. Am liebsten hätte ich meinen Kopf zwischen die Knie gesteckt, um meine Trommelfelle und Nerven zu schützen. Mich so an den Rand der Verzweiflung zu bringen, schaffte sonst nur mein sechzehnjähriger Sohn Luca. Ich wimmerte innerlich, rutschte auf meinem Sessel hin und her und spürte mit Schrecken, wie meine Kopfhaut zu kribbeln begann. Nicht auch das noch! Es begann wie immer am Hals, breitete sich über mein Gesicht und meine Brüste bis zu den Armen aus, und sammelte sich irgendwo als Pfütze zwischen Bauchnabel und Venushügel. Ich legte meine Unterarme auf die seitlichen Armlehnen und drückte mich kurz aus dem weichen Sessel, um meiner Rückseite ein wenig Luft zu verschaffen. Ein paar Schweißtropfen nutzten die Schräglage, rollten durch die Falte zwischen meinen Brüsten und ließen die Pfütze zu einem See anschwellen.
Der Ellbogen meiner Schwiegermutter Gerda landete zwischen meinen Rippen. »Was ist denn los mit dir?«, zischte sie. Die Linie ihrer zusammengekniffenen Lippen bildete einen krassen Gegensatz zu ihrer spitzen Nase. »Kannst du nicht mal eine Stunde ruhig sitzenbleiben?«
Wie denn, wenn Amneris mich mit ihrer hohen Stimmlage folterte und mich zusätzlich Hitzewallungen überirdischen Ausmaßes quälten? Aus dem Orchestergraben, zehn Meter vor uns, stieg mir der warme Atem der Musiker in die Nase und verstärkte meine Hitze noch. Seufzend sank ich zurück in das rote Polster und zuckte zusammen.
Gerdas kleiner Finger fuchtelte im Takt der Arie ‚Ritorna vincitor‘ gefährlich nah vor meiner Nase herum. Sie spreizte ihn bei jeder Gelegenheit ab. Ob beim Kuchen essen, Wein trinken oder Schnitzel schneiden, Gerdas Finger ragte seitlich zur Seite.
Mein Blick verließ den tiefroten Nagellack und wandte sich Aida zu, die Amneris abgelöst hatte und im weiß-wallenden Gewand vor den Toren Thebens ihre Arme gen Himmel streckte. Genauso verzweifelt, wie die Sopranistin den Göttern ihr Leid klagte, fühlte ich mich. Jedes Jahr musste ich das Geburtstagsgeschenk für meine Schwiegermutter über mich ergehen lassen, und jedes Jahr wurde es unerträglicher. Es war offensichtlich, dass nicht nur ich in den Wechseljahren dünnhäutiger geworden war, sondern auch mein Trommelfell.
Eine weitere Hitzewelle kündigte sich an. Hätte ich doch bloß meine cremefarbene Bluse angezogen, bei der sah man die Schweißflecken nicht so sehr, wie bei dem enganliegenden silbergrauen Kleid, das mittlerweile mit sämtlichen Stofffäden an meiner Haut klebte. Ich hob unauffällig den rechten Arm ein paar Zentimeter, senkte mein Kinn auf die Brust und schielte seitlich unter den Dreiviertelarm. Ein dunkler Rand sprang mir entgegen, und ich presste hastig den Arm wieder nach unten.
»Hör auf damit!«, fauchte meine Schwiegermutter. »Mein ganzer Sitz wackelt.«
Ich schnitt eine Grimasse, die Gerda nicht mitbekam. Wie sollte ich bloß die anstehende Pause mit dem traditionellen Geburtstagssekt überleben, ohne missbilligend von meiner Schwiegermutter auf die Bäche aufmerksam gemacht zu werden, die aus meinen Ärmeln rannen? Fahrig griff ich nach meiner Handtasche, zog ein Taschentuch heraus und tupfte Hals und Dekolleté ab. Der See auf meinem Bauch musste ja nicht auch noch über die Ufer treten. Ich steckte das Tuch zurück und kramte das Programmheft hervor, das Gerda mir zu Beginn der Aufführung demonstrativ in die Hand gedrückt, und ich achtlos in die Tasche gestopft hatte. Mit irgendetwas musste ich mich ablenken, sonst würde ich beim nächsten hohen Ton die Bühne stürmen und morgen in der Bild-Zeitung stehen. Lustlos blätterte ich die Seiten um. Amneris sah in Wirklichkeit ganz nett aus und hieß Annette Paulsen, was ihre Stimme aber auch nicht erträglicher machte. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte sich eine Firma eine ganzseitige Werbeanzeige geleistet. ‚Detektei Deffner, Ihr kompetenter Partner in Sachen Wirtschaftskriminalität und Personenobservationen‘. Ich staunte nicht schlecht. Da ging es um Ermittlungen bei Partnerproblemen, Entführungen und Industriespionage. Ein bisschen beneidete ich die Privatdetektive um ihre Einsätze im kriminellen Milieu. Die waren live dabei und erlebten hautnah die Abgründe menschlicher Psyche. Plötzlich formte sich ein Gedanke in meinem Kopf. Könnte eine Detektei die Lösung für mein Problem sein?
Rechts neben mir schnaubte etwas. Mein Kopf wirbelte zur Seite, und ich rüttelte am Unterarm meines Mannes. Erbost schreckte Richard auf.
»Du bist schon wieder eingeschlafen«, fauchte ich, klappte das Programmheft zu und fächelte damit Luft zwischen meine Brüste.
»Du weißt genau, dass ich die Musik nur genießen kann, wenn ich die Augen schließe.«
»Klar, und dabei schnarchst du die Melodie mit.«
»Schscht!« Mit dem Blick, den meine Schwiegermutter mir unter ihrer Hutkrempe zuwarf, hätte ich meine Achselhaare rasieren können. Nass.
Ich lugte hinter Gerdas Blumenhut zu ihrem Mann Paul rüber. Ein gelber Ohrstöpsel, umrahmt von grauen Härchen, stach mir ins Auge. Mist! Warum war ich noch nicht auf diese geniale Idee gekommen? In Gedanken notierte ich den Kauf von Ohrstöpseln auf meinem nächsten Einkaufszettel. Und da seit Beginn der Wechseljahre nicht nur meine Eierstöcke schwächelten, sondern auch mein Gedächtnis, schwor ich mir, die Stöpsel mit Gerdas Geburtstagsdatum versehen, an meine Pinnwand im Arbeitszimmer zu heften.
Der Kopf meines Schwiegervaters sackte unkontrolliert auf die Brust. Ich unterdrückte ein Grinsen und atmete erleichtert auf, als ein Gong die Pause einläutete. Hastig sprang ich auf. »Gib mir dein Sakko«, raunte ich Richard zu und zerrte an seinem Ärmel.
»Warum?« Verdutzt stellte er sich neben mich und schaute an sich herunter. »Ist irgendetwas nicht in Ordnung?«
»Bei dir ist alles okay, aber bei mir nicht.« Mein Kinn zuckte erst zu meiner rechten Achsel und dann zu meiner linken, während meine Augen verzweifelt den Zuckungen folgten.
Richard runzelte die Stirn und sein Blick sagte mir, dass er nicht hinterherkam. Ich musste mir eingestehen, wir waren trotz neunzehnjähriger Ehe noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem man wortlos miteinander kommunizierte.
»Mir ist kalt«, zischte ich und rüttelte erneut an seinem Ärmel.
»Das kann nicht sein«, schmetterte er meinen zweiten Versuch ab, sein Sakko zu ergattern. »Wenn du im Gesicht so rot bist wie jetzt, dann ist dir heiß ohne Ende.« Er zwinkerte mir zweideutig zu.
»Schon mal was davon gehört, dass, wenn man richtig friert, es einem so heiß wird, dass man sich nackt auszieht?«
»Ja, wenn man kurz vor dem Erfrierungstod steht«, konterte Richard. »Und ich kann dir versichern, dies hier ist ein Opernhaus und kein Kühlraum.«
»Luise, jetzt geh endlich!«, drängte Gerda von hinten und stieß mir unsanft ins Kreuz. »Sonst müssen wir an der Sektbar so lange warten.«
Ich resignierte. Mit dem Zeigefinger deutete ich auf meine Schwitzflecken. »Soll ich so ins Foyer gehen?«, knurrte ich Richard an.
»Warum machst du immer alles so kompliziert? Sag doch gleich, dass du Hitzewallungen hast«, dröhnte das tiefe Organ meines Mannes durch den Saal. Und ich hatte genau das erreicht, was ich vermeiden wollte: Die Aufmerksamkeit aller im Saal verbliebenen Gäste, einschließlich meiner Schwiegermutter.
Gerda rümpfte die Nase und strich ihr rosafarbenes Etuikleid glatt, das perfekt ihre schmale Taille betonte. »Wie unangenehm!« Kopfschüttelnd starrte sie auf die dunklen Schatten unter meinen Achseln. »Wenn du schon so heftig transpirierst, solltest du ein Kleid tragen, bei dem diese Peinlichkeit nicht jedem gleich ins Auge sticht.«
Meine Rede!
Richard zog sein Sakko aus und legte es mir fürsorglich um die Schultern. »Ich liebe dieses enge Kleid an dir«, flüsterte er mir zu und knabberte dabei kurz an meinem Ohrläppchen. »Und mit den dunklen Farbnuancen unter deinen Achseln liebe ich es noch mehr.«
Eine heiße Welle durchflutete mich, die diesmal nichts mit den Wechseljahren zu tun hatte. Meine Freundin Ulla hatte recht. Für diesen Mann konnte man so eine Schwiegermutter ertragen, wenn es sein musste ein ganzes Erdzeitalter lang.

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Autorin & Copyright: Rosi Wanner

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Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".