Adobe, der ADAC des E-Lesens: Nach PR-GAU wird DRM-Update verschoben

Adobes DRM-Sparte entwickelt sich langsam zum ADAC des elektronischen Lesens – zumindest was hektischen Aktionismus und Krisen-PR betrifft: kaum hatte das US-Unternehmen auf die Beschwerden der Nutzer reagiert, die ihre E-Books mit Adobe Ditigal Editions 3.0 plötzlich nicht mehr öffnen konnten, wogte schon die nächste Panik-Welle durch die Buchbranche. In einem Webinar hatte Adobe Ende Januar angekündigt, der neue Kopierschutz-Standard „Adobe Content Server 5“ sei ab Juli 2014 obligatorisch – was für einen Großteil der klassischen E-Reader neue, z.T. auch unlösbare Probleme verursacht hätte, weil ein Update der DRM-Software bei älteren Geräten gar nicht möglich wäre.

Schon nach wenigen Tagen rudert Adobe auch in diesem Fall zurück: „Adobe does not plan to stop support for ACS 4 (…) We will let our resellers and publishers decide when they wish to set the DRM flag on ACS 5“, so zitierte der Firmenblog von Datalogics gestern Shameer Ayyappan, Senior Product Manager bei Adobe. Mehr noch als die einprogrammierte Hintertür („Real-Time-Updates“) dürften die befürchteten Kompabilitätsprobleme bei den Entscheidern in der Buchbranche zwischenzeitlich für kalte Füße gesorgt haben. Etwa in Deutschland, wo man DRM-technisch eine so unverbrüchliche transatlantische Partnerschaft pflegt wie die große Politik beim geheimdienstlich-militärisch-industriellen Komplex.

Beide Bereiche sind letztlich so unauflöslich miteinander verbunden, dass der CCC in seine jüngste Anzeige gegen Regierungsmitglieder wegen der Unterstützung ausländischer Agententätigkeit wohl auch locker Unternehmen wie Weltbild oder Thalia einschließen könnte, ja die gesamte Tolino-Allianz. Schließlich landen durch die Kooperation mit Adobe die Abbilder unserer elektronischen Nutzerbibliotheken schon jetzt auf us-amerikanischen Servern, und werden dort (aus US-Perspektive) sogar ganz legal von der NSA abgeschöpft. Das ist absurderweise Brancheninsidern vollkommen bewusst, genauso wie die Tatsache, dass Alternativen längst bereit stehen – allen voran das vom Fraunhofer-Institut entwickelte digitale Wasserzeichen.

Doch nicht nur aus Gründen des Verfassungspatriotismus sollte die Buchbranche auf das „Watermarking“ made in Germany setzen. Neben dem flagranten E-Lese-Watergate erweist sich Adobe eben immer wieder als intransparenter, unzuverlässiger Geschäftspartner, der durch willkürliche Entscheidungen die Kunden genauso verärgert wie verunsichert und in Scharen zu Konkurrenzunternehmen wie Amazon treibt. Das kann man zumindest aus Gründen der Benutzerfreundlichkeit (wenn auch nicht des Datenschutzes) derzeit nur empfehlen: Die Kindle-Macher etwa nutzen nicht nur einen eigenen DRM-Standard, sondern haben ein vitales Interesse daran, die verfügbare Geräteplattform so groß wie möglich zu halten.

Der Umkehrschluss gilt leider nicht: Adobe ist im Zweifelsfall der Ärger etwa von Tolino-Nutzern so egal wie der NSA die Aufregung um das Merkelphone. Hier enden letztlich auch die Vergleichsmöglichkeiten zwischen ADAC und Adobe – denn trotz aller groben Patzereien beim Umgang mit dem Geld der Mitglieder: immerhin werden die Staus auf der Autobahn nicht von den gelben Engeln verursacht. Adobe dagegen lässt sich von Lesern, Verlagen und Buchhändlern teuer dafür bezahlen, elektronisches Lesen so schwierig wie möglich zu machen. Höchste Zeit für einen anderen Servicepartner!

(News zum verschobenen DRM-Update via The-Digital-Reader)

Abb.: Flickr/SchuminWeb (cc)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

2 Gedanken zu „Adobe, der ADAC des E-Lesens: Nach PR-GAU wird DRM-Update verschoben“

  1. Irgendwie ja auch wieder zum schmunzeln – denn die vollkommen angemessene „lebenslange Lesegerantie“ klingt zwar revolutionär, bedeutet aber eigentlich nur: die E-Books kommen da an, wo gedruckte Bücher schon immer waren ;-) Und trotzdem wäre es eine Revolution, wenn’s endlich mal alle Verleger/Buchhändler so halten würden, und das Loslassen lernen…

  2. Update mit NSA-Backdoor – DER war gut.
    Habe mich so maßlos geärgert über die Entscheidung von Adobe, dass ich Angst bekommen habe vor den Fragen meiner Kunden: „Wie, kann ich das jetzt lesen oder nicht? Und kann ich das auch noch in Zukunft lesen?“
    Daher habe ich gleich eine lebenslange Lesegarantie an alle Kunden meines Verlages ausgesprochen. Kein DRM, alle Formate und alle Lesegeräte. PUNKT

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