Adieu, Minitel: Frankreich beerdigt das BTX-Zeitalter

Minitel ist einer der ältesten Online-Dienste der Welt – immer noch nutzen etwa 800.000 Franzosen ihre simplen Retro-Terminals, und 900.000 greifen über PC & Internet auf das Bildschirmtext-Universum zu. Vom grafischen Standard her gleicht Minitel dem Videotext, es gibt nur 40×25 Zeichen und Balkengrafik. Doch nicht nur als elektronisches Telefonbuch, sondern vor allem für sicheres Online-Banking blieb Minitel lange nach dem Siegeszug des World Wide Web für viele Nutzer attraktiv. Nun aber läuten für den 1982 offiziell gestarteten Service die Sterbeglocken. „Auch wenn Minitel immer noch Gewinn abwirft, gehen Nutzung undTraffic deutlich zurück. Minitel geht seinem natürlichen Tod entgegen“, so ein Sprecher des Betreibers France Télécom Orange. Die immer wieder mal verschobene Abschaltung wurde jetzt für den Juni 2012 festgesetzt.

Minitel hat BTX um Jahre überlebt

Wirtschaftlich macht das wohl tatsächlich Sinn – zuletzt wurden nur noch magere 30 Millionen Euro umgesetzt, wovon 85 Prozent an die jeweiligen Seitenbetreiber gingen. Das war mal völlig anders: noch 1996 überstiegen die Einnahmen mit Mintel die gesamte Internet-Wirtschaft in den USA. Anders als im Web war bei kommerziellen Minitel-Diensten bereits der Seitenaufruf selbst gebührenpflichtig. Im Unterschied zur teuren BTX-Hardware wurde in Frankreich das Terminal kostenlos abgegeben, als elektronischer Ersatz für das Telefonbuch. Dank staatlicher Quersubventionierung waren so 1985 bereits eine Million Geräte im Umlauf, während die Bundespost bis dahin gerade mal 60.000 Terminals verkaufen konnte. Erst 2002 erreichte Minitel mit knapp neun Millionen Teilnehmern den historischen Höchststand. Ein Jahr zuvor war in Deutschland der Bildschirmtext (BTX) abgeschaltet worden.

Selbst Al Gore wurde neugierig

Beliebtester Minitel-Service war von Anfang an die „3611“, das elektronische Telefonbuch. Firmen konnten dort sogar schon Werbung platzieren und so etwas wie eine rudimentäre Homepage anbieten. Hoher Zugriffszahlen erfreuten sich aber auch die über „3615“ und „3616“ und andere Nummern erreichbaren Informationsdienste (der „Tele-Kiosk“). Dazu kam die Möglichkeit, Fahrkarten zu kaufen, Bankgeschäfte zu erledigen oder über ein Mailbox-System private Nachrichten zu verschicken. Über Gateways wie „3614 Teaser“ kam man sogar an originäre Internet-Dienste wie E-Mail oder Usenet heran. Minitel hatte Ende der 80er Jahre mehr Nutzer als CompuServe, und die Amerikaner schauten neugierig auf die flimmernden Bildschirme der Grande Nation. Ironischerweise war selbst Al Gores legendäre Rede zum „Information Superhighway“ im Jahr 1994 noch vom Vorbild Minitel inspiriert.

Kultstatus? Warum Minitel nicht gleich Atari ist

Die Entwicklung des World Wide Web wurde in Frankreich dagegen durch Minitel ausgebremst, wer das Terminal besaß, brauchte schließlich keinen PC, um Online-Dienste zu nutzen. Außerdem bat die 1990 an die Börse gebrachte France Télékom den Endnutzer für die Nutzung des echten Internets anfangs noch teuer zur Kasse. Mittlerweile hat Frankreich diesen Rückstand längst aufgeholt, bei der Entwicklung des Breitband-Zugangs ins Netz der Netze liegt das Land der Minitels sogar vor den USA. Bleibt am Ende nur noch die Frage: Werden die Minitel-Konsolen in Zukunft ähnlichen Kult-Status genießen wie die klassischen Atari-Konsolen? Wahrscheinlich nicht, denn anders als die Videospielkonsolen werden die CPU-losen Terminals leider zu Elektronik-Schrott, sobald die Telefonverbindung abbricht.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".