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„Born on the 4th of July“: Meilensteine aus 40 Jahren E-Book-Geschichte

27 Mai 2011

„Born on the 4th of July“ könnte man die Geschichte des E-Books betiteln. Denn am 4. Juli 1971 begann die Geschichte des Project Gutenberg: an der Universität von Illinois digitalisierte Michael Hart die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Die ersten zwei Jahrzehnte des elektronischen Lesens gehörten den Amateuren & Enthusiasten, die Bücher abtippten und über das langsam wachsende Internet verbreiteten. Der endgültige Boom begann mit dem World Wide Web – schon Mitte der 1990er Jahre umfassten Plattformen wie die etext-Archives oder die „Online Books Page“ tausende Dateien. Zum 40. Geburtstag hat das französische E-Magazin ActuaLitté der Geschichte des E-Books eine ausführliche Artikelserie gewidmet – im Folgenden präsentieren wir ein paar historische Highlights.

Das erste E-Book hatte 5 Kilobytes

Eine schönere Gründungslegende für das elektronische Buch kann man sich kaum vorstellen: pünktlich zum 4. Juli 1971 tippte der US-Student Michael Hart den Text der „Declaration of Independence“ in das Terminal einer Großrechenanlage. 5 Kilobytes hatte das erste E-Book – zu viel um es via E-Mail an seine Kollegen zu schicken. Deswegen informierte er sie nur, wo die Datei abgelegt war. Daraufhin wurde das erste E-Book von sechs Personen heruntergeladen. Mit der Gründung des „Project Gutenberg“ formulierte Michael Hart bald darauf eine ganz eigene Unabhängigkeitserklärung – „Wir halten den elektronischen Text für ein neues Medium, unabhängig vom Papier. Einzige Gemeinsamkeit ist, dass wir die selben Werke verbreiten. Aber ich glaube nicht, dass das Papier noch mit dem elektronischen Text konkurrieren kann, sobald die Menschen sich daran gewöhnt haben“, so Hart rückblickend im Jahr 1998.

Am Anfang war der „American Standard Code“

Nicht zufällig war die Diskussion über das neue Medium Internet anfangs von der Bibliotheksmetapher beherrscht, von der Idee des unendlichen Bücherregals. 1994 prophezeite der Philosoph und Technik-Visionär Timothy Leary (in: Chaos & Cyberkultur): „Das Internet enthält das gesamte Wissen der Welt. Und dank dem Cyberspace können alle Menschen darauf zugreifen. Alle menschlichen Äußerungen, die bisher in Büchern enthalten waren, sind digitalisiert. Sie sind in Datenbanken verfügbar, genauso wie sämtliche Gemälde, alle Filme, alle Fernsehsendungen, absolut alles.“ Anfangs enthielt das Internet jedoch vor allem das Wissen der Nordamerikaner. Die Darstellung von französischen, deutschen oder anderen fremdsprachlichen Texten scheiterte bereits am begrenzten Zeichencode. ASCII heißt nicht umsonst „American Standard Code for Information Interchange“. Erst 1985 kamen mit dem heute noch bekannten ISO-8859 bzw. ISO-Latin-Code orthographische Accessoires wie Umlaute oder Accents dazu.

E-texte, E-Zines, E-Books

Zum wahren Wortspeicher entwickelte sich das 1990 von Tim Berners-Lee ins Leben gerufene World Wide Web. Dabei ging es nicht nur um die kulturelle Überlieferung, sondern auch um das Erfassen der Gegenwart. In den legendären Etext-Archives von Paul Southworth etwa sammelten sich schon ab 1992 die ersten ausschließlich online publizierten Formate. Zu den Rubriken gehörten Bereiche wie „Politics“, „Fiction“, „Religion“, „Poetry“, aber auch „E-Zines“. Dahinter versteckte sich eine Vorform elektronischer Magazine. Wie John Labovitz, Gründer der damals ebenfalls populären E-Zine-List schrieb, richteten sich diese Fanzine-artigen Projekte noch nicht an ein Massenpublikum, eine kommerzielle Verwertung war nicht vorgesehen. Und die E-Books? Während das Project Gutenberg auch weiterhin seine Mission verfolgte, Klassiker der Literatur elektronisch zur Verfügung zu stellen, startete mit der Online-Books-Page von John Mark Ockerbloom im Jahr 1993 eine Web-Plattform für aktuelle englischsprachige Titel aus dem Public Domain-Bereich. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Unterschied zwischen E-Books und E-Texten allerdings für den Betrachter kaum feststellbar. Was fehlte, war ein geeignetes Dateiformat, um dem Buch auch ein eigenes Layout zu geben.

Erste Erfahrungen mit E-Book-Marketing

Dafür sorgte das Unternehmen Adobe – das im Jahr 1993 das „Portable Document Format“ (PDF) auf den Markt brachte. Um die PDF-Dateien lesen zu können, brauchte man den Acrobat Reader, den Adobe kostenlos zur Verfügung stellte. Mit großem Erfolg: bis 2003 wurden die unterschiedlichen Versionen des Programms mehr als 500 Millionen mal heruntergeladen. 1994 begannen die ersten Verlage mit E-Book-Marketing zu experimentieren: die National Academy Press machte wissenschaftliche Literatur online verfügbar, und zwar kostenlos. Überraschenderweise steigerte man damit den Umsatz mit gedruckten Büchern, mit wachsender Tendenz. Die Washington Post wunderte sich: „Intuitively, it doesn’t make sense. A Washington publisher, National Academy Press, posted 1,700 of its current titles on the Internet, thereby letting everyone read books for free, and the next year its sales increased by 17 percent. What does that saying about no one wanting to buy the cow if they can get the milk for free?“ Auch MIT Press versuchte mit Erfolg, die neu entdeckte Cash-Cow zu melken. Die großen Publikumsverlage dagegegen zögerten – sie hatten Angst vor dem Kannibalisierungseffekt. Doch die Grundlagen für die Revolutionierung der Verlagsbranche waren zu diesem Zeitpunkt längst gelegt. 1994 war schließlich auch das Jahr, in dem in Seattle ein kleiner, unscheinbarer Online-Händler Büroflächen anmietete. Der Name dieses Startups war — Amazon.

Hier die Links zu den bisher erschienenen Teile der Serie „40 Jahre E-Book“ („L’ebook a 40 ans“):
(bisher nur auf französisch, demnächst soll es aber eine englische Version geben):

L’ebook a 40 ans > 1971 > Le Projet Gutenberg, un projet visionnaire

L’ebook a 40 ans > 1974 > Les débuts de l’internet

L’ebook a 40 ans > 1985 > Des extensions pour l’ASCII

L’ebook a 40 ans > 1990 > Le web booste l’internet

L’ebook a 40 ans > 1991 > L’Unicode, système d’encodage universel

L’ebook a 40 ans > 1992 > Les premiers textes électroniques

L’ebook a 40 ans > 1993 > L’Online Books Page, liste de livres en ligne

L’ebook a 40 ans > 1993 > Le format PDF, lancé par Adobe

L’ebook a 40 ans > 1994 > L’internet, outil de marketing pour les éditeurs

L’ebook a 40 ans >1994 > Athena, bibliothèque numérique