2500 Fans bei Facebook sind nicht genug: Warum die CEBIT den Anschluss zur „Connected World“ verliert

cebit-verliert-den-anschlus.gif„Connected World“ heißt das Motto der CEBIT 2010 – doch die Messe selbst scheint langsam etwas den Anschluss zu verlieren. Die Zeiten, in denen das „Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation“ immer neue Besucherrekorde vermelden konnte, sind längst vorbei. Je mobiler elektronische Medien dank Netbooks, E-Readern oder Smartphone werden, desto mehr Besucher bleiben zu Hause. Besteht da etwa ein Zusammenhang?

Las Vegas, Barcelona: Andere Messen laufen der CEBIT den Rang ab


CEBIT-Chef Ernst Raue vom Vorstand der Deutschen Messe AG gibt sich optimistisch: „Die CeBIT 2010 wird beeindruckend zeigen, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Leben, mobiler und stationärer Anwendung, On- und Offline zusehends verschwinden.“ Doch damit legt er den Finger in die Wunde. Denn gerade der Trend zum Überall-Computing hat die Spielregeln des Marktes verändert und ihn auch unübersichtlicher gemacht. Andere Messen laufen dem 1986 zum ersten Mal gestarteten Abkömmling der Hannovermesse mittlerweile den Rang ab. Tablet-PCs zum Beispiel gehörten zu den großen Hits auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas, die ebenfalls gut als Surfplattform geeignete neueste Smartphone-Generation sorgte auf dem Mobile World Congress in Barcelona für Aufsehen. Emanzipiert haben sich aber auch die E-Reader – sie gehören mittlerweile zu den heimlichen Stars auf der Leipziger wie auch der Frankfurter Buchmesse.

Selbst die deutsche Reader-Hoffnung txtr bleibt der Messe fern


Doch ist Deutschland aus internationaler Sicht überhaupt ein Markt mit Potential? Besonders beeindruckende Verkaufszahlen können E-Book-Reader etwa hierzulande jedenfalls noch nicht vorweisen – so soll etwa Weltbild auf seiner E-Commerce-Plattform ingesamt erst 10.000 Geräte abgesetzt haben. In den USA werden bereits jetzt Jahr für Jahr viele Millionen Reader unter die Leute gebracht. Die Präsenz der renommierten Hersteller auf der diesjährigen CEBIT fällt dementsprechend mager aus. Selbst die deutsche Reader-Hoffnung txtr bleibt der Messe ganz fern, Sony, Amazon oder Google haben zwar Ausstellungsflächen gebucht, zeigen jedoch offiziell keine Lesegeräte. So wird die elektronische Lese-Landschaft in Hannover vor allen Dingen von zwei Playern beherrscht: dem chinesischen Hersteller Hanvon sowie dem ukrainischen Hersteller Pocketbook.

Die Computer werden mobiler, die CEBIT-Besucher bleiben zu Hause


Nun könnte man E-Reader im Vergleich zum gesamten IT-Bereich für ein Nischenprodukt halten, bei dem es nicht so viel zu verlieren gibt. Doch ähnliche Entwicklungsrückstände gibt es auf einem weitaus zentraleren Medienschauplatz – nämlich beim Internet-TV. Jeder vierte in den USA verkaufte Fernseher ist bereits webfähig. Nachdem Apple gerade die Übertragung des iPhone-OS auf andere Kommunikationsplattformen angekündigt hat, träumen Analysten bereits vom iTunes auf dem TV-Bildschirm. In Deutschland hat man bisher allerdings auch diese Entwicklung mehr oder weniger verschlafen. „Connected Living“, sprich: das Heimnetzwerk vom Fernseher bis zum Kühlschrank ist dagegen schon zu oft versprochen worden, um wirklich noch jemandem hinter dem Ofen hervorzulocken. Der einzige Bereich, auf dem die CEBIT auch dieses Jahr aus Sicht der Konsumenten glaubhaft punkten kann, ist das mobile Computing – ob mit Netbook, Tablet-PC oder per Smartphone. Diese Entwicklungen sind auch in Deutschland in unserem Alltag greifbar geworden – Apple allein etwa hat hierzulande bereits eine Million Geräte mit iPhone OS absetzen können. Der CEBIT hat der Trend zum Ubiquitous Computing insgesamt aber eher geschadet als genützt. In wenigen Jahren hat sich die Besucherzahl mehr als halbiert und dümpelt nun unterhalb von 500.000.

Das Problem der CEBIT: Die Geräte selbst verschwinden zunehmend aus dem Bewusstsein der Nutzer


In der taz sah am Wochende Jan Feddersen darin auch ein Problem der Nachfrage. „Irgendwie muss ein Völlegefühl in die potentielle Kundschaft eingesickert sein: Man hat, was man sich vor zwei Jahrzehnten noch nicht vorstellen konnte, aber nun reicht es. (…) Was soll jetzt noch kommen?“ Doch das scheint nur aus der Perspektive der Generation Ü 40 schlüssig zu sein. Silver-Surfer, die sich mit Facebook ebensowenig anfreunden können wie mit Smartphones, sind aber für die aktuelle Entwicklung des Internets ungefähr so wichtig wie Schallplattensammler für die Zukunft des iPods. Das wirklich spannende passiert derweil ganz woanders: die jüngere Internet-Gemeinde wandert nicht nur rasant ab in die sozialen Netzwerke, sondern nutzt die Social Media auch zunehmend mobil. Dabei wird die Software immer wichtiger als die Hardware. Die Geräte selbst verschwinden zunehmend aus dem Bewusstsein der Nutzer – was übrig bleibt, ist das große, bunte Touch-Screen der Smartphones oder Tablets. Dort kommt man mit dem Leben im Netz scheinbar direkt in Berührung. Das ist wohl auch das Problem der CEBIT. Denn um die Produkte von Unternehmen wie Youtube, Facebook oder Twitter kennenzulernen, muss man sich nicht mehr räumlich bewegen, es reicht ein Fingerstreich. „Was soll ich denn in Hannover, ich habe doch mein iPhone“, könnte man mit Kurt Schwitters sagen, der selbst die Provinz angeblich nicht gegen New York eintauschen wollte. Wobei: Natürlich könnte man die Welt auf dem iPhone immer noch gegen Hannover eintauschen – wenn es dort etwas besonderes zu erleben gäbe. Dafür müsste die CEBIT aber nicht nur ihren Live-Event-Charakter für Endkunden stärken, sondern ihn auch glaubhafter innerhalb der Social Media verankern. Bisher hat die CEBIT bei Facebook allerdings nur 2500 Fans – das dürfte für die Zukunft wohl nicht ausreichen.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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