20 Jahre Amazon: 5 Gründe, nicht zu gratulieren (& 5 weitere, es doch zu tun)

Amazon-Startseite-Juli-1995Mit der Rabattschlacht am „Amazon Prime Day“ rückt auch ein runder Geburtstag näher: am 16. Juli 1995 wurde auf Amazon.com das erste Buch verkauft, der Legende nach handelte es sich dabei um Douglas R. Hofstadters „Fluid Concepts and Creative Analogies: Computer Models of the Fundamental Mechanisms of Thought“. Zu diesem Zeitpunkt war das Unternehmen noch in der Garagen-Phase, und alle paar Minuten verkündete ein Klingelton die nächste Buchbestellung. Bald musste der Ton dann abgestellt werden, denn es hörte nicht mehr auf zu klingeln, schon nach zwei Monaten machte das Startup aus Seattle 20.000 Dollar Umsatz pro Woche.

Zwanzig Jahre später sind daraus fast zwei Milliarden Dollar pro Woche geworden – und (nicht nur) die Buch-Branche wurde kräftig umgekrempelt. Ein Grund für Salon.com, Amazon Erfolgsgeschichte Revue passieren zu lassen, und dabei fünf Gründe herauszudestillieren, warum man Amazon-Gründer Jeff Bezos NICHT zum Geburtstag gratulieren, bzw. ein „unhappy birthday“ wünschen sollte.

  • Grund 1: Das Verschwinden der kleinen Buchhandlungen – nicht nur durch Innovation, sondern auch durch unfairen Wettbewerb (insbesondere Steuervermeidung)
  • Grund 2: Die schlechten Arbeitsbedingungen in den Logistik-Zentren – die „Book People“ von heute arbeiten zu „Sweatshop“-Bedingungen.
  • Grund 3: Amazon hat den Beruf des Autors zerstört – „die von Verlagen gezahlten Vorschüsse haben sich um mehr als die Hälfte verringert“
  • Grund 4: Amazon hat vor allem den kleineren Indie-Verlagen geschadet, indem es ihnen mit seiner Marktmacht ungünstige Liefer-Konditionen aufdrängt
  • Grund 5: Amazon hat (in den USA) ein Quasi-Monopol auf dem Buchmarkt

Letztlich ist Amazon natürlich nur ein Beispiel für den von Josef Schumpeter schon in den 1940er Jahren beschriebenen Prozess „schöpferischer Zerstörung“, der „unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert“. Genauso leicht lassen sich deswegen auch fünf Gründe finden, um Jeff Bezos zu gratulieren:

  • Grund 1: Amazon hat den kundenorientierten Online-Buchhandel perfektioniert, wenn nicht sogar überhaupt erfunden, und beschert der Branche jedes Jahr wachsende Umsätze
  • Grund 2: Der E-Book-Boom der letzten Jahre mit allen seinen innovativen Effekten für die gesamte Buchbranche wäre ohne Amazons einfach zu benutzenden Kindle-Reader und das große Angebot im Kindle-Store undenkbar gewesen
  • Grund 3: Amazon hat durch den großen Erfolg des Kindle-Readers zugleich dem Tablet den Weg bereitet und damit das Ende des klassischen PC-Zeitalters beschleunigt
  • Grund 4: Mit der zeitgleich zum Kindle gestarteten KDP-Plattform hat Amazon das Self-Publishing-Zeitalter eingeleitet und die Strukturen der Gutenberg-Galaxis demokratisiert
  • Grund 5: Mit Createspace hat Amazon für Self-Publisher und Indie-Verlage eine konkurrenzlos günstige und einfache zu nutzende Möglichkeit geschaffen, parallel zum E-Book-Verkauf auch vom Online-Vertrieb von Taschenbüchern zu profitieren

Abb. Startseite: Ian MacKenzie (cc-by-2.0)

Abb. oben: Amazon-Startseite am 16. Juli 1995

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

5 Gedanken zu „20 Jahre Amazon: 5 Gründe, nicht zu gratulieren (& 5 weitere, es doch zu tun)“

  1. Bezüglich des auch bei Privatleuten beliebten Verkäuferkontos habe ich seit Monaten mit Amazon im Clinch gelegen. Es ist unglaublich, aber angeblich kann mein Buch-Angebot nicht gelöscht werden, obwohl mein Verkäuferkonto nicht mehr existiert. Meine Kunden müssen denken, das Buch sei nicht mehr lieferbar (siehe meinen Blog-Eintrag mit der Amazon-Antwort).
    Für mich ist Amazon kein Thema mehr, weder als Geschäftspartner noch als Lieferant. Und irgendwie bin jetzt froh darüber.

  2. Zum Verschwinden der kleinen Buchhandlungen: Das setzte schon lange vor Amazon ein, nämlich mit dem Aufkommen von Buchketten, in den USA z.B. Barnes&Noble, in Deutschland Hugendubel und Thalia.
    „Amazon hat den Beruf des Autors zerstört“: Dem widerspricht, dass immer mehr neue Bücher erscheinen. Wer schreibt die eigentlich alle?
    Das Entscheidende ist, dass Amazon die Gewichte in der Branche verschoben hat. Agenturen und Verlage verlieren einen Teil ihrer Macht, sie konzentrieren sich zunehmend auf Bestseller und überlassen die weniger populären Autoren sich selbst. Es ist ein Konzentrationsprozess ähnlich dem der Musikindustrie. Wir erleben gerade, dass Kreative sich neue Wege außerhalb der traditionellen Marktteilnehmer suchen müssen. Diesen Trend haben Apple, Amazon & Co. nicht wirklich ausgelöst, sie wissen ihn nur perfekt für sich zu nutzen.

    1. Nun, da habe ich ganz einfach Brad Stone („The Everything Store“) paraphrasiert, so wie ihn Salon.com bei Argument 4 zitiert: „Mr. Stone writes that Randy Miller, an Amazon executive in charge of a similar program in Europe, ‚took an almost sadistic delight in pressuring book publishers to give Amazon more favorable financial terms.'“ usw.

Kommentare sind geschlossen.