„Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books“ (Preview, Teil 3)

„Geboren am 4. Juli“ könnte man die Geschichte des E-Books überschreiben. Denn genau an diesem Tag im Jahr 1971 tippte der amerikanische Student Michael Hart den Text „Declaration of Independence“ in das Terminal eines Mainframe-Rechners. Pünktlich zum 41. Geburtstag des E-Books erscheint am 4. Juli 2012 mein neues Buch “Vom Buch zum Byte”. Die spannende Geschichte des elektronischen Lesens von den ersten Buchstaben auf flimmernden PC-Bildschirmen bis zum E-Ink-Zeitalter bekommt man zum Start exklusiv als E-Book (Multiformat-Paket epub/mobi/PDF). Als kleinen Vorgeschmack veröffentlicht E-Book-News einen „Vorabdruck“ in mehreren Folgen – der erste & zweite Teil ist bereits online, heute folgt der abschließende dritte Teil. Alle weitere Infos zum Buch gibt’s auf der Website vom-buch-zum-byte.de

Vom Abtippen zum Scannen

Seit Ende der Achtziger Jahre kamen bei Project Gutenberg auch Scanner und Texterkennungs-Software zum Einsatz. Doch letztlich sorgte erst das World Wide Web für genügend Manpower und technische Ressourcen, um das hochgesteckte Ziel (beinahe) zu erreichen. Die Zahl von 10.000 digitalisierten Klassikern wurde nämlich 2003 tatsächlich erreicht. Zu diesem Zeitpunkt lag Micheal Harts Pioniertat technisch gesehen schon ein ganzes Zeitalter zurück. Ein Problem war aber neben der manuellen Arbeit in der Startphase bereits der knappe Speicherplatz:

„Als wir anfingen, mussten die Dateien sehr klein sein, denn bereits ein normales Buch mit 300 Seiten nahm ein Megabyte ein. Eine solche Menge an Speicherplatz besaß im Jahr 1971 niemand. So schien die Unabhängigkeitserklärung mit nur fünf Kilobyte ein guter Startpunkt zu sein. Als nächstes folgte die Bill of Rights, danach die gesamte US-Verfassung, als der Speicherplatz wuchs (zumindest in den Maßstäben von 1973). Dann war die Bibel an der Reihe, da ihre einzelnen Bücher nicht so umfangreich sind, dann Shakespeare, ein Stück nach dem anderen, dann viele weitere Werke aus der einfachen und anspruchsvolleren Literatur, sowie Nachschlagewerke.“

Die Bibel war für ein Projekt mit Gutenberg im Namen natürlich Pflichtprogramm – auch wenn Michael Hart sich der Unterschiede zwischen dem Druck mit beweglichen Lettern und den von ihm ins Leben gerufenen E-Texten bewusst war. Konnte man zu Gutenbergs Zeiten erstmals überhaupt Bücher zu einem vergleichsweise erschwinglichen Preis erwerben, so ermöglichten E-Books nun quasi zum Nulltarif den Besitz einer kompletten Bibliothek, die sich zudem auch noch bequem herumtragen ließ. Was mit der Verbreitung der „Declaration of Independence“ begonnen hatte, war damit natürlich zugleich eine bewusste Unabhängigkeitserklärung vom Print-Buch. Im Jahr 1998 formulierte Hart rückblickend:

„Wir halten den elektronischen Text für ein neues Medium, unabhängig vom Papier. Einzige Gemeinsamkeit ist, dass wir die selben Werke verbreiten. Aber ich glaube nicht, dass das Papier noch mit dem elektronischen Text konkurrieren kann, sobald die Menschen sich daran gewöhnt haben.“

Mit diesem Teil endet die Preview.

Autor&Copyright: Ansgar Warner
Abb.: Coverausschnitt, Entwurf: Susanne Weiß/weisspunkt.org

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".