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„Urknall im Publishing“: Frankfurter Buchmesse liebt’s crossmedial – vom E-Book bis zur Playstation

9 Okt 2012

Das Buch steht immer noch im Mittelpunkt – doch das Business rund um’s Buch wird immer crossmedialer. Diesen Eindruck verstärkt die Frankfurter Buchmesse auch im Jahr 2012 – etwa mit Produktpräsentationen von Nintendos neuestem Gadget „Wii U“ oder Sonys „Wonderbook“, einer Augmented-Reality-Erweiterung für die Playstation. Unter den geladenen Gästen von Frankfurt SPARKS befindet sich sogar Paul Chen, Erfinder der populären Killer-App Angry Birds. Mittlerweile fast schon gewohnte Präsenz zeigen vom 10. bis 14. Oktober aber ebenso E-Reader, Tablets, Apps & Co., vor allem an den „Hot Spots“ genannten Multimedia-Ständen von „Digital Innovation“ über „Kids&E-Reading“ bis zu „Mobile“. Das ist auch gut so: schließlich hat das elektronische Lesen in Deutschland den Massenmarkt erreicht – alleine 2012 werden der GfK zufolge 800.000 Lesegeräte über den Ladentisch gehen, beim Download-Content haben E-Books mit einem Marktanteil von 11 Prozent neben Hörbüchern nun auch Videos überholt.

Ein Blick auf die E-Book-Version von Ursula Krechels Doku-Roman „Landgericht“, zu Beginn der Buchmesse mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet, zeigt jedoch zugleich die Probleme der Branche: die elektronische Ausgabe kostet 20 Euro. Das sind zwar zehn Euro weniger als der Preis des Hardcovers. Trotzdem handelt es sich aber wohl um einen Versuch, den digitalen Vertrieb zu verhindern, um das traditionelle Geschäftsmodell zu stützen. Die Gutenberg-Galaxis schlägt zurück? Dabei wird in den Frankfurter Messehallen doch immer deutlicher: der eigentliche Veränderungsfaktor sind gar nicht elektronische Bücher, sondern die disruptiven Kräfte der Internet-Ökonomie. Das führt zu neuen Akzentsetzungen – stellt sich doch die Frage, was in Zukunft eigentlich überhaupt das Geschäftsmodell hinter dem jeweiligen Content sein soll.

Die klassische Rollenverteilung zwischen Leser, Autor und Verleger gerät nicht nur durch den Self-Publishing-Trend ins Abseits. Immer öfter wird in der Netzöffentlichkeit Konsum und Kommerz ersetzt durch Kommunikation und Kooperation, etwa beim Crowdfunding. In vielen Fällen geht es zudem nicht um Kaufen oder Besitzen, sondern eher um die Nutzung – egal ob temporär und bezahlt (Miet-Modelle) oder langfristig und kostenlos (Creative Commons). Auf die Suche nach neuen Möglichkeiten begibt sich unter dem Titel „Geld und Leidenschaft“ derzeit eine eigene Rubrik im Buchmesse-Blog. Neue Verlags-Strategien mit Crowdfunding, Crowdpublishing und Transmedia Storytelling werden aber auch am Buchmesse-„Twittwoch“ vorgestellt. Auf der Bühne des Hot Spot Kids & eReading finden dazu im 15-Minuten-Rhythmus Vorträge, Interviews und Lesungen statt.

Wo man im großen Stil kommerziell verwertet, steht dagegen längst die gesamte Verwertungskette vom Buch und Lese-App bis hin zu Film und Game im Vordergrund. Die Buchmesse setzt voll auf diesen Trend – und hat sich im Kern vom Umschlagplatz für Buchrechte zum Marktplatz für Storytelling gemausert. Wie weit die Branche dabei auch in Deutschland gekommen ist, zeigt das Beispiel Bastei Lübbe Entertainment. Vom klassischen Verlag-Prinzip verabschiedet man sich dort in Richtung eines Unternehmen, das multimediale Erzählungen verkauft. Der aktuelle Erfolgstitel klingt fast wie das Fanal für die gesamte Buchbranche: „Apocalyptica“. Optimistischer sah es Buchmesse-Direktor Juergen Boos auf der Eröffnungs-Pressekonferenz: angesichts so vieler neuer Produktideen und Geschäftsmodelle gebe es derzeit einen „Urknall im Publishing“.

Abb.: Frankfurter Buchmesse