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„Three Strikes“-Regel: Frankreich halbiert Piraterie-Rate, Umsätze sinken trotzdem

2 Apr 2012 Ansgar Warner 0 Kommentare

Frankreichs Internet-Kontrollbehörde HADOPI darf sich auf die Epauletten klopfen – das unerlaubte Downloaden von Musikdateien und Filmen ist 2011 stark zurückgegangen. In einem aktuellen Report wird festgestellt: „Benchmarking-Vergleiche zeigen einen klaren Abwärtstrend bei illegalen Peer-to-Peer-Downloads. Für eine Verschiebung in Richtung Streaming oder One-Click-Hoster gibt es keine Anzeichen.“ Insgesamt soll je nach Messmethode der P2p-Download in Frankreich zwischen 17 und 66 Prozent abgenommen haben. Zugleich stiegen die Umsätze im digitalen Bereich: Video-On-Demand verzeichnete ein Plus von 50 Prozent, Musikdownloads ein Plus von 18 Prozent.

Dickes Minus bei CDs und DVDs verhagelt die Bilanz

Also alles gut? Überhaupt nicht. Denn letztlich geht es der Film- und Musikindustrie genau wie der Buchbranche. Insgesamt schrumpft der Umsatz auch weiterhin. Trotz aller Zuwächse im digitalen Bereich können die starken Einbrüche beim Verkauf physischer Datenträger nicht aufgefangen werden. Das globale Umsatz-Minus in der französischen Filmbranche betrug deswegen 2,7 Prozent, im Musiksektor 3,9 Prozent. Ähnlich wie gedruckte Bücher für die Verlage sind im audiovisuellen Bereich DVDs und CDs immer noch das wichtigste Standbein der Unterhaltungsindustrie. Selbst in der iPhone- und iPad-Nation USA war der Marktanteil der Silberscheiben zumindest bis 2011 immer noch größer als alle Online-Angebote. Das eigentliche Problem bleibt also für die Gutenberg-Galaxis genauso wie für die audiovisuellen Medien nicht Piraterie, sondern der grundlegende Strukturwandel in Richtung Download und Streaming.

Mangelndes Angebot führt zu Piraterie-Boom

Der Boom von Tauschbörsen und Peer-2-Peer-Plattformen wurde auch jenseits des Rheins gerade durch das Bestreben der Content-Industrie gefördert, den Strukturwandel zu verzögern. So stellte etwa die in der Region Paris ansässige Monitoring-Behörde Le MOTif – zuständig für die Buchbranche – erst kürzlich für den Bereich Comics & Mangas fest: 58 Prozent der betroffenen Titel waren zum Zeitpunkt ihrer Verbreitung über Internet-Tauschbörsen oder Streaming-Portale weder digital noch im Print in Frankreich lieferbar. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei normalen E-Books – viele französische Verlage spielen immer noch auf Zeit und verzichten auf elektronische Versionen. Das Angebot kommerzieller Titel ist so dürftig, dass sogar bei den legalen Downloads Bibliotheken und Google Books weit vor dem Online-Buchhandel liegen, der nur auf einen Anteil von knapp 40 Prozent kommt.

Piraten sind zugleich die besten Kunden

Im Musik- wie auch Filmsektor zumindest hat Frankreich allerdings in letzter Zeit deutlich nachgebessert. So sind mittlerweile etwa viele Kinostreifen per Video-on-Demand legal verfügbar, die zuvor nur via P2P gezapft werden konnten. Die Ausweitung des Angebots dient einerseits der politischen Rechtfertigung für harsche Maßnahmen von der Überwachung und Verwarnung der Nutzer bis hin zu Internetsperren, andererseits ist sie aber auch einem gewissen Maß an Realpolitik geschuldet – Piraterie hat eben viel mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage zu tun. Das funktioniert aber im Internet-Zeitalter letztlich doch anders, als es sich die Erfinder der Netzsperren wünschen. Schon vor einiger Zeit musste ausgerechnet die HADOPI zugeben, dass „Heavy User“ von illegalen Tauschbörsen im Musikbereich zugleich zu den besten Kunden von legalen Anbietern gehören.

(via Torrentfreak.com)

Abb.: flickr/lamont_cranston

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