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[e-book-review] „Rangas Welt“: erste epedio-App im Test

25 Okt 2011

Ein „völlig neuartiges E-Book“ will der Verlag Kiepenheuer & Witsch erfunden haben. Die „konsequente Weiterentwicklung des klassischen Buchs in der neuen Welt des Internets“ hört auf den Namen „epedio“. Der epedio-Prototyp „Rangas Welt“ war erstmals auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen. Entwickelt wurden die darin enthaltenen 48 populärwissenschaftlichen „Themenwelten“ zusammen mit dem WDR-Moderator Ranga Yogeshwar sowie Computerexperten und Grafik-Designern. Für 12,99 Euro ist epedio als App für das iPad erhältlich. E-Book-News hat „Rangas Welt“ getestet – und war nicht überzeugt.

Neue Bücherwelten: Vook, Libroid, epedio

Das E-Book neu erfinden – das haben sich schon viele auf die Fahnen geschrieben. Aus der Kombination von Book & Video machte der Silicon-Valley-Unternehmer Bradley Inman im Jahr 2009 das „Vook“, eine Multimedia-Kombination, die gerade für den Bereich Sachbuch & Ratgeber sehr sinnvoll ist. Mit dem Start des iPads wurden „enhanced“ E-Books erst recht zum Trend, auch in Deutschland. Auf der Frankfurter Buchmesse 2010 präsentierte Spiegel-Autor Jürgen Neffe sein Libroid-Konzept. Die komplett scrollbaren Texte waren an beiden Seiten mit einer Art interaktiven Glosse versehen, die Kommentare, Fotos, Videos und Links anzeigt. Schien die Auflösung der Seiten-Struktur schon revolutionär, so legt nun das epedio von Kiepenheuer & Witsch noch eins drauf. Denn in „Rangas Welt“ ist auch die Kapitelstruktur verschwunden – zugunsten eines „dynamisch-intelligenten“ Inhaltsverzeichnisses.

Kontextsensitive Arschbomben

Das bietet sich in diesem Fall auch an. Leitfragen wie „Kann Müsli Leben retten?“, „Warum brennt Schokolade?“ oder „Warum spritzt es bei der Arschbombe?“ sind so beliebig, das eine feste Dramaturgie verzichtbar ist. Statt dessen wird der Inhalt kontextsensitiv sortiert, je nachdem, welches Thema man gerade ausgewählt hat. Eine interaktive, animierte Grafik sortiert die Themensymbole jeweils neu, so dass verwandte Kapitel näher am Zentrum trudeln als abseitigere. Wer genauer wissen will, was sich hinter den Symbolen verbirgt, kann jedoch ein normales Inhaltsverzeichnis aufrufen – auch das wird jedoch immer wieder neu zusammengestellt. Den dahinter steckenden Algorithmus steuerte übrigens Ranga Yogeshwar höchstpersönlich bei.

Videoclips aus “Wissen vor Acht“

Jedes Kapitel enthält verschiedene Medien-Elemente – neben dem Text zumeist einen kurzen Videoclip, ursprünglich produziert für die WDR-Sendung „Wissen vor Acht“, die sich Montags bis Freitags ab 19 Uhr 45 Alltagsfragen aus populärwissenschaftlicher Perspektive nähert. Seit 2008 wurde Ranga Yogeshwar zum Gesicht dieser bei den Zuschauern beliebten Sendung und ist insofern auch die perfekte Galionsfigur für das erste epedio. Zugleich zeigt sich daran, wie gut sich Multimedia-E-Books zur Zweitverwertung von existierendem Material lohnen, denn die aufwändig produzierten Studio-Aufnahmen würden den normalen Rahmen eines Buchprojekts wohl eher sprengen.

Standard von enhanced-E-Books verfehlt

Nicht ganz so überzeugen können dagegen die zu manchen Kapiteln verfügbaren virtuellen Experimente, etwa ein Bremsweg-Simulator, ein Blutgruppen-Test oder der interaktive Kalorien- und C02-Rechner. Sie gehen am mittlerweile erreichten Standard von enhanced E-Books vorbei – zuletzt hat etwa Al Gores grafisch opulent umgesetzte iPad-App „Our Choice“ vorgemacht, wie man eine wissenschafts- und umweltpolitische Agenda dem Leser spielerisch nahebringen kann, und das sogar ohne dynamisches Inhaltsverzeichnis. Im direkten Vergleich fällt zudem auf, wie lieblos im Fall von epedio die Texte selbst präsentiert werden – dabei bietet sich das iPad doch gerade im Querformat für gut gelayouteten Zweispalten-Satz und einmontierte Bilderstrecken an.

Andere Apps bieten mehr

Eine gute Idee ist dagegen wohl die „Rotornavigation“ – das eingeblendete Symbol-Fünfeck macht alle medialen Elemente auf einen Fingertipp verfügbar. Neben Text, Video und den „Experimenten“ gehören dazu im übrigen auch Anmerkungen bzw. Weblinks sowie ein von Lovelybooks eingerichteter “Social Reading Stream”. So bietet das epedio für alle Kapitel ein Forum mit Kommentarfunktion, welches direkt aus dem Buch zugänglich ist. Dort wird man dann auch diskutieren können, ob mit dem epedio wirklich ein „völlig neuartiges eBook“ vorliegt, das „Maßstäbe setzen wird“. Für einzelne Navigationselemente mag das gelten, für das gesamte Produkt eigentlich nicht. Was multimediale Leseerlebnisse betrifft, bieten nicht nur andere Apps, sondern sogar viele Webseiten weitaus mehr.