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[e-book-review] „Our Choice“: Al Gore kämpft via iPad-App gegen Klima-Skeptiker

„Eine Krise – ein Platoon“, raten Hollywood-Drehbücher. Doch ähnlich wie die Finanzkrise läßt sich die „Climate-Crisis“ nicht mit Kommandoaktionen erledigen. Ein Grund, warum Amerikas oberster Grüner Al Gore alle medialen Register zieht, um seine Landsleute von den Risiken des Klimawandels zu überzeugen. Nach dem erfolgreichen Doku-Streifen „Inconvenient Truth“ gibt’s nun Al Gores Buch „Our Choice“ sogar als multimedial aufgepeppte E-Book-App für das iPad. Interaktive Grafiken, Videomaterial und eindrucksvolle Fotostrecken promoten Al Gores „Plan zur Lösung der Klimakrise“, geben aber auch einen guten Eindruck, was enhanced E-Books so alles leisten können. Neben Jürgen Neffes Libroid-Version von „Darwin – Abenteuer des Lebens“ ist Al Gores Umwelt-Fibel zur Zeit das wohl sehens- und lesenswerteste elektronische Sachbuch auf dem Markt. Für 4,99 Euro bekommt man „Our Choice“ auch im deutschen App-Store.

Solarzellen abmontieren, Kyoto nicht ratifizieren

Kaum ein politisches Top-Thema hat in den USA solch ein Auf-und-Ab erlebt wie der Klimawandel und die damit einhergenden Krisenszenarien. Schon Präsident Jimmy Carter gab den legendären Report „Global 2000“ in Auftrag – der 1980 fertiggestellte „Bericht an den Präsidenten“ warnte vor den Grenzen des ungebremsten Wachstums: „serious stresses involving population, resources, and environment are clearly visible ahead“. Doch immer wieder kamen den amerikanischen Umweltpolitikern in den folgenden Jahrzehnten die „Klimaskeptiker“ in die Quere. Bestes Beispiel: Ronald Reagan ließ stante pede die von Carter auf das Dach des Weißen Hauses gebrachten Solarmodule wieder abmontieren. Viel schwerer wiegt das Erbe von George W. Bush: Die USA mögen zwar das Land mit dem größten Ausstoß von Treibhausgasen weltweit sein – doch das Kyoto-Protokoll zur Reduktion von C02 & Co. wurde von Washington immer noch nicht ratifiziert. Einer, der sich seit Jahrzehnten gegen solche Versäumnisse abmüht, ist der ehemalige Vizepräsident Al Gore.

Der Klimawandel bleibt eine unbequeme Wahrheit

Al Gore ist überall. Unermüdlich tourt Amerikas Chef-Ökologe durch das Land, um Überzeugungsarbeit für nachhaltige Umwelt- und Wirtschaftspolitik zu leisten. Davon zeugt etwa der 2006 in die Kinos gelangte Doku-Streifen „Inconvenient Truth“ („Unbequeme Wahrheit“). Schon dort zeigt sich Al Gore auch als echter PR-Profi: so lässt er sich in einer Schlüsselszene mit einer hydraulischen Hebebühne bis zur Decke des Veranstaltungsraumes katapultieren, um den Anstieg des Kohlendioxid-Gehaltes der Atmosphäre zu demonstrieren. Die Daten passen schon nicht mehr in Schaubilder – die Kurve geht im wahrsten Sinne des Wortes durch die Decke. Drei Jahre und viele „Solution Summits“ später schrieb Al Gore ein Buch: „Our Choice“, Untertitel: A Plan to Solve the Climate Crisis“. „Our Choice“ versammelt alle Lösungsstrategien, die zur Wahl stehen: von Solarenergie und Windkraft über Erdwärme bis hin zur Atomenergie. Auch unter der Ägide von Barrack Obama ist die ja für die USA immer noch ein Mittel der Wahl.

Interaktive Grafiken vermitteln Aha-Effekte

Schon die 2009 veröffentlichte Papierversion von „Our Choice“ wusste die Argumentation pro Nachhaltigkeit durch großformatige Reportagefotos zu untermalen: Windparks in Kalifornien, spiegelnde Solarkraftwerke in Spanien, aber auch Zivilisationmüll in der grönlandischen Tundra, oder endlose Autolawinen auf amerikanischen Highways. Viele der Abbildungen haben auch Eingang in die App gefunden – oft als ganzseitige Kapitel-Intros, an vielen Stellen jedoch auch als ausklappbare Illustration mitten im Text: per Fingerwisch erweitert sich die Perspektive dann vom Detail auf das Ganze. Dazu kommen iPad-typische Grafiken mit interaktiven Elementen, die sich mit dem Finger auf dem Touch-Screen erforschen lassen. Etwa eine Karte der USA, die für jeden gerade berührten Punkt die durchschnittlich verfügbare Menge an Sonnenenergie zeigt – im Vergleich zur derzeit verbrauchten fossilen Energie. Aha-Effekt inklusive: An vielen Orten übersteigt das Potential der Sonne den derzeitigen Konsum um tausende Prozent.

“Die Zeit der Entscheidung ist da – hier sind eure Werkzeuge“

„Our Choice“ zeigt Lösungsstrategien auf, rechnet aber auch mit den Klimaskeptikern ab. „Jeder hat das Recht auf seine Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten“, zitiert Al Gore den ehemaligen UN-Botschafter und Soziologen Pat Moynihan. Doch da die Frage von Wahr oder Falsch immer stärker zu einer Frage der Machtfrage werde, würde die Wahrnehmung des Problems gerade in den USA immer wieder verzerrt – von Lobbyorganisationen ebnso wie von konservativen Fernsehseh- und Radiosendern. Unter dem Titel „Political Obstacles“ ist den Klimaskeptikern sogar ein ganzes Kapitel gewidmet – ihre Taktiken der Öl & Kohle-Lobby ähneln, so Al Gore, denen der Tabakindustrie (auch sehr nett: das Titelbild dieses Kapitels zeigt George W. Kopf an Kopf mit dem saudischen König). Für den ehemaligen Vizepräsidenten dagegen ist die Klimakrise äußerst real. Die Zeit zum Diskutieren ist vorbei: „The hour of choosing has arrived – here are your tools“. Zugleich biete die Klimakrise aber auch den Schlüssel zur Lösung anderer Gegenwartsprobleme: „The security crisis, the economic crisis, and the climate crisis seem unsolvable in isolation. Yet when we look closely, we can see the common thread running through them, deeply ironic in its simplicity: our dangerous over-reliance on carbon-based fuels is at the core of all three of these challenges.“

“Die Natur gibt keinen Rettungskredit“

Al Gore streitet zwar regelmäßig ab, dass er nach seiner traumatischen Niederlage gegen George W. Bush jemals wieder als Präsidentschaftskandidat für die Demokraten zur Verfügung stehen wird. Doch wer weiß? Ähnlich wie das Documentary „Inconvenient Truth“ ist gerade auch die E-Book-App von „Our Choice“ nicht nur Werbung für eine Politik der Nachhaltigkeit, sondern macht auch nachhaltig Werbung für Al Gore. Beim ersten Öffnen wird automatisch ein Video abgespielt, in dem Al Gore in staatsmännischer Manier den Leser direkt anspricht. Auch an vielen Stellen des E-Books spricht er auf Knopfdruck Audiokommentare im Gestus des Elder Statesman. Ähnlich klug wie Barrack Obama im Wahlkampf das Internet genutzt hat, baut Al Gore nun auf die Wirkungsästhetik von Apples Touch-Screen, um seine politische Agenda voranzutreiben. „Our Choice versammelt die wirksamsten Methoden, um die Klima-Katastrophe aufzuhalten“, betont Al Gore im Promo-Video. Zu diesen Methoden gehört ganz offenbar auch die iPad-App. Im Hinblick auf die US-Öffentlichkeit kann man nur hoffen, dass sie ihren Zweck erfüllt. Wie hat es Jonathan Lash vom World Ressource Institute so schön formuliert: “Nature does not do bailouts“ – „die Natur gibt keinen Rettungs-Kredit“.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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