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„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“: Welt.de-Paywall geht an den Start

12 Dez 2012 Ansgar Warner 0 Kommentare

Was kostet die Welt? Für treue Online-Leser in Zukunft mindestens 6,99 Euro pro Monat. Denn im Rahmen von Springers „Premium“-Initiative senkt sich bei welt.de ab Mitte Dezember die Bezahlschranke – zum ersten Mal bei einer überregionalen deutschen Tageszeitung. Vorbild ist dabei das „metered-Access“-Modell der New York Times. Nur wer mehr als 20 Seiten pro Monat aufruft, wird zur Kasse gebeten. „Wir haben nicht die Absicht, eine Mauer zu errichten“, betonte bei der Präsentation des Konzeptes denn auch Romanus Otte, seines Zeichens „General Manager Digital“ bei der Welt-Gruppe. So unüberwindbar wie die Berliner Mauer, in deren Schatten die Springer-Zentrale gebaut wurde, ist die Paywall der Welt tatsächlich nicht – die Verweise von Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken werden nämlich nicht mitgezählt, gleiches gilt für „Klickmonster“ (vulgo: Bildergalerien) und eingebette Videos.

Brechen die Besucherzahlen bei Welt.de ein?

Doch trotz aller Schlupflöcher will man bei der digitalen “Welt” prinzipiell nicht mehr nur auf Anzeigenkunden setzen: „Bei den Werbeerlösen sind wir bereits sehr erfolgreich, nun wollen wir die Vertriebserlöse als zweite Säule ausbauen“, so Jan Bayer, Vorstand WELT-Gruppe und Technik. Zugleich rechnet man aber mit deutlichen Einbußen bei den Besucherzahlen, was natürlich einen negativen Einfluss auf die Werbeerlöse haben dürfte. Bisher liegt Welt.de mit knapp 40 Millionen Visits pro Monat im Ranking der wichtigsten Nachrichten-Portale nach Bild.de, Spiegel Online und Chip auf Platz vier. Die Paywall schließt die letzte Lücke im Ökosystem der Tageszeitung – denn schon bisher wurden kostenpflichtige Apps für Smartphones und Tablets angeboten. Das Mindestangebot von 6,99 Euro pro Monat umfasst neben dem Online-Zugang via Browser auch die Smartphone-App, wer auch die Tablet-App lesen möchte, zahlt 12,99 Euro. Was die Welt-Macher den Lesern aber am liebsten verkaufen würden, ist das Kombi-Abo Digital plus gedruckte WamS – mit einem strategischen Pricing von 14,99 Euro pro Monat.

Gedruckte Ausgabe nur noch “Abfallprodukt”

Seit dem Relaunch von welt.de (vorher: „Welt-Online“) und der Ausrichtung der Redaktion auf „online-first“ hat sich die Gewichtung zwischen Print und Digital ohnehin stark verschoben: „Kurz vor Feierabend wird zwar noch eine Zeitung gedruckt, doch das ist eher ein Abfallprodukt dessen, was für welt.de sowieso geschrieben wurde. Eine Papierausgabe für all die treuen Abonnenten, die noch nicht gestorben sind“, lästerte erst vor kurzem Jürn Kruse in der taz, die selbst auf ein freiwilliges Bezahlmodell setzt (“Paywahl”). Außerdem müssen die Journalisten im Berliner Newsroom zusammenrücken – denn in Zukunft wird dort (Stichwort: „Zentralredaktion“) nicht nur die “Welt” produziert, sondern auch der Mantelteil des defizitären Hamburger Abendblattes. Ob die Paywall-Strategie von Welt.de aufgeht, dürfte also nicht nur über das Schicksal von Springers journalistischem Flaggschiff entscheiden.

Abb.: Screenshot

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