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[e-book-review] „Ich trage mein Thema wie einen Bombengürtel“: Auf den Spuren einer beschädigten DDR-Kindheit („Rabenliebe“)

15 Sep 2010

rabenliebe-wawerzinek-e-book-buchpreis-shortlist-bestsellerEs gibt dunkle Wörter, die gerade für Kinder ein ungeheures Drohpotential besitzen: das Wort Kinderheim gehört dazu. Um das Heim als Ort einer verlorenen Kindheit kreist Peter Wawerzineks autobiographischer Roman „Rabenliebe“, der zu den drei auf auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangten E-Books gehört. Gelingt Wawerzinek die Verwandlung der beschädigten DDR-Kindheit in Literatur? Das verrät im folgenden unsere Rezensentin Heide Reinhäckel.

Peter Runkels unheimliche Reisen

Peter Wawerzinek, 1954 als Peter Runkel geboren, kam mit zwei Jahren in ein Kinderheim. Seine damals neunzehnjährige Mutter hatte ihn und eine Schwester 1956 in einer Rostocker Altbauwohnung zurückgelassen, um dem Vater der Kinder in den Westen zu folgen. Nachbarn entdecken die verwahrlosten Kinder Tage später, sie werden ins Krankenhaus gebracht, dann in unterschiedliche Heime. Wawerzinek verbringt seine Kindheit in verschiedenen Institutionen. Mit der Ablieferung im Heim beginnt auch der Roman. Bereits die Eingangsszene symbolisiert Verlorenheit und Isolation, die das Kind Peter bei der Odyssee durch die sozialisierenden Instanzen begleiten wird. Eingebrannt ins Gedächtnis hat sich ein Mann im schwarzem Ledermantel, ein dunkler Wagen, ein Schneegestöber. Die Sprache des Romans ist verdichtet, die Erinnerungen werden von Kinderreimen und Gedichten durchbrochen. Das Kind flüchtet sich in Phantasiewelten und bleibt bis zum Alter von vier Jahren stumm, spricht nur mit dem Meer und den Vögeln.

Mutterbilder zwischen Hoffnung und Horror

Die Köchin des Heims wird zu einer Art Ersatzmutter. Später wird Peter von einem Lehrereherpaar adoptiert. Doch nicht Mitgefühl und Liebe sind die Beweggründe, sondern Peters gute Schulzeugnisse, die in einem Schaukasten des Kinderheims ausgestellt sind. Die Erziehungsdressur misslingt, der jugendliche Peter zeigt keinen beruflichen Ehrgeiz. Die fehlende Mutter bestimmt als Motiv den ersten Teil des Romans, der „Mutterfindung“ lautet. Dass in dem Wort auch ‚Erfindung‘ steckt, verdeutlichen die Phantasien des Kindes über die gänzlich unbekannte Mutter. Sie wird zur Figur einer uneinlösbaren Sehnsucht, aus der das Kind seine Kraft schöpft. Im Gegensatz zu Wolfgang Koeppen oder Alfred Döblin, in deren Texten der abwesende Vater eingeschrieben ist, ist es bei Wawerzinek die Mutter, um die alle Erzählstränge kreisen. Dass die Mutterfigur durchaus ambivalent ist, wird bereits vom Anfang an durch montierte Zeitungsmeldungen über Fälle von Kindesmisshandlungen und Kindstötungen deutlich, durch die Auflistung von Taten ‚monströser‘ Mütter.

Da bist Du ja – Wiederbegegnung nach 50 Jahren

Der zweite Teil des Romans lautet „Da bist Du ja“. Genau das war auch die lapidare Begrüßung der Mutter, als Peter Wawerzinek nach über 50 Jahren vor ihrer Tür stand. Dem Wiedersehen stand eigentlich schon mit dem Mauerfall nichts mehr im Weg. Doch der Autor trägt die recherchierte Telefonnummer zunächst drei Jahre lang mit sich herum, ohne sie benutzen. Die Vergangenheit lässt den Autor allerdings nicht los. Noch mit über 50 quält es ihn, die eigene Mutter nicht zu kennen: „Ich trage mein Thema wie einen Bombengürtel“, schreibt Wawerzinek. Dann überwindet er sich und reist nach Eberbach am Neckar, wo die Mutter lebt. Das Zusammentreffen wird zur Enttäuschung. Wawerzinek erfährt, dass er noch acht Halbgeschwister hat. Auch deren Kindheit war keine glückliche. Nach dem ersten und einzigen Zusammentreffen ist für Wawerzinek klar: das Kind in ihm wird ein „ewiges Winterkind“ bleiben. Doch dem Autoren-Ich gelingt in dem furiosen sprach- und erinnerungsgewaltigen Buch die Umwandlung des beschädigten Lebens in Literatur. Die Homepage des Autors zeigt einen Videofilm, in dem Wawerzinek ein Kinderheim seiner Kindheit besucht, mittlerweile ein verlassenes, baufälliges Haus. Bedrückt schleicht der Autor mit einem kleinen braunen Lederschulranzen durch die Räume. In der anschließenden Einstellung spielt er am naheliegenden Ostseestrand auf einen Keyboard – ein gelungenes Bild für die Verwandlung der Erinnerungen in eine eigene Lebensmelodie.

Autorin & Copyright: Heide Reinhäckel

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Peter Wawerzinek,
Rabenliebe (August 2010)
E-Book (epub-Format), 22,99 Euro
Hardcover (Galiani Verlag) 22,95 Euro