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„Ersetzt 1000 andere Bücher“: Neues aus der Guttenberg-Galaxis

21 Feb 2011 Ansgar Warner 5 Kommentare

guttenplag-strichcodeCopy-Paste & Gutenberg, das passt nicht zusammen. Copy-Paste & Guttenberg offenbar schon eher. In bester Mashup-Manier schöpft die Dissertation des Verteidigungsministers aus vielen Quellen, fast so wie das Nibelungenlied. „Ersetzt 1000 andere Bücher“, heißt es zutreffend in einer Kundenrezension im Amazon-Store. Warum, das zeigt am besten die grafische Auswertung des GuttenPlag-Wikis. Jede Seite mit akademischen „Raubkopien“ erscheint dort als schmaler schwarzer Balken. Mittlerweile sieht die Grafik wie ein Strichcode aus, nicht umsonst ein Symbol für Maschinenlesbarkeit. Besonders geholfen hat den Plagiatsjägern nämlich, dass Guttenbergs Werk als E-Book lieferbar war. Zumindest, bis der Verlag Duncker & Humblot die elektronische Version aus dem Verkehr zog.

Minister-Demontage als demokratischer Prozess

Der aktuelle Spiegel erzählt das „Märchen vom ehrlichen Karl“, der gegen Ehrenworte, Anstand und Urheberrecht verstößt. Guttenberg im Kreuzfeuer der Gutenberg-Galaxis. Doch die Copy-Paste-Affäre zeigt vor allem eins – technisch haben wir die Gutenberg-Galaxis längst verlassen, nur die Regeln hinken noch etwas hinterher. Die Analyse des Werkes findet mit denselben Mitteln statt wie die synthetische Herstellung, nämlich elektronisch, im Datennetz. Nicht mehr um „Print-Plagerismus“ geht es, sondern um das „Internetplagiat neueren Typs, wie es seit ungefähr zehn Jahren an Universitäten verbreitet ist“, so Stefan Weber. Der Lehrbeauftragte für Medientheorie an einer Wiener Hochschule hat sich als „Plagiatsjäger“ einen Namen gemacht. Für die Jagd auf Guttenbergs Zitate setzte Weber nun auf die Schwarmintelligenz, und stampfte zusammen mit einem Kollegen ein Wiki namens „GuttenPlag“ aus dem Boden. Die Demontage des Ministers wurde somit zum demokratischen Prozess. Als Nutznießer des Internets ist Guttenberg nämlich nur ein Netzbürger unter vielen. Wirklich neu ist diese Tatsache natürlich nicht…

Als privater Mediennutzer ist Guttenberg ein Kommunist

„Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär“, wusste schon Hans-Magnus Enzensberger. In seinem „medientheoretischen Baukasten“ (1970) schrieb er: „Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme sind immateriell und beliebig reproduzierbar.“ Daran dürfte im Fall Guttenberg auch der Rückzug des E-Books durch den Verlag nichts ändern, denn über Tauschbörsen wird der Text wohl weiter zugänglich bleiben, als „Raubkopie“ einer Kompilation von – „Raubkopien“. Ironischerweise profitiert die anonyme Schar der Internet-User dabei genau wie zuvor Guttenberg von der Krise des „kulturellen Monopols der bürgerlichen Intelligenz“, von dem Enzensberger spricht. Die neuen Medien stellen eben „keine Objekte mehr dar, die sich horten ließen“, sie „lösen ‘geistiges Eigentum’ auf und liquidieren das ‘Erbe’“, das heißt die „klassenspezifische Weitergabe des Kapitals“. Als Politiker mag Guttenberg ein vehementer Gegner von Erbschafts- und Vermögenssteuer sein, den militärischen Schutz von Handels- und Rohstoffrouten befürworten oder sogar für die Verschärfung des Urheberrechtes plädieren. Als privater Mediennutzer dagegen denkt er wie die Mehrheit der Deutschen eher kommunistisch. Mediengeräte wie PC oder Laptop sind für sie nicht nur „Konsumtionsmittel“, sondern „sozialiserte Produktionsmittel“, mit denen heruntergeladen, kopiert und gesampelt wird. Nicht umsonst sind Guttenbergs Popularitätswerte angesichts seiner medienpraktischen Volkstümlichkeit ungebrochen.

“Fremde Federn“ sind in Academia ein No-Go

In der akademischen Community dürfte das allerdings etwas anders aussehen. Ausgelöst wurde die „Copy-Paste-Affäre“ nicht zufällig durch einen Routinevorgang im universitären Rahmen. Anlässlich einer Rezension (mittlerweile als PDF downloadbar) der Guttenberg-Diss sprach der Bremer Jura-Professor Andreas Fischer-Lescano vom „Abkupfern“ in mehreren Fällen und „systematischem“ Vorgehen. Im nüchterner Juristen-Prosa werden die Vergehen aufgezählt: „Mehrmals macht zu Guttenberg nicht, nur teilweise oder nicht hinreichend kenntlich, dass die Formulierungen aus fremder Feder stammen. Wörtliche Zitate werden nicht immer hinreichend ausgewiesen; teilweise verzeichnet er die Texte, aus denen er sich bedient, nicht einmal in seinem Literaturverzeichnis.“ Für Guttenbergs Bestreben, nicht nur blaublütiger „Schwertadel“ („noblesse d’épée“) zu sein, sondern als Dr. jur. auch zum bürgerlichen „Verdienstadel“ („noblesse de robe“) gehören zu dürfen, ein arger Dämpfer. Denn gerade die individuelle Leistung, die dafür notwendig wäre, hat er nach den traditionellen Kriterien der Gutenberg-Galaxis somit nicht erbracht. Inhaltlich wird dabei natürlich nicht geurteilt, sondern nur formal. Lescano hält die Bestnote „Summa cum Laude“ („mit höchstem Lob“) zwar für „schmeichlerisch“, doch skandalös ist eine eher mittelmäßige Doktorarbeit an sich noch lange nicht. Die „fremden Federn“ aber sind in der gängigen sozialen Praxis ein No-Go.

Was, wenn Guttenberg ein virtuoser Mash-Up-Wizard wäre?

Selbst wenn Guttenberg ein virtuoser Kompilator wäre, ein Sampler, ein Mash-Up-Wizard, der ein geniales Potpourri zusammengestellt hätte – der Effekt bliebe der gleiche. Plagiat ist eine Untat, nicht nur in Academia, wo man von der „wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht“ spricht, sondern auch im Bereich der Literatur, siehe Axolotl Roadkill. Während im akademischen Rahmen der Zitatgebrauch noch recht freizügig geregelt ist, geht es dort schnell auch um urheberrechtliche Belange. Letzlich steckt hinter all dem freilich die romantisch-neurotische Vorstellung vom Original-Genie, ein psychologisches Erbe der ebenso autoritär wie hierarchisch strukturierten Gutenberg-Galaxis. Was gut und richtig ist, könnte dagegen in Zukunft das anonyme Netzpublikum alleine entscheiden, nicht durch Kontrolle und Zensur, sondern durch Verlinkung, Kommentierung und natürlich – via Copy-Paste. Fortschrittliche Lizenzen à la Creative Commons lassen genau das zu, was Guttenberg vorgeworfen wird: das Kopieren, ja sogar das Abändern fremder Werke selbst ohne Namensnennung. Rein funktional könnte nicht nur Kunst und Literatur, sondern auch Wissenschaft nach diesem Prinzip äußerst produktiv betrieben werden. Diese fortgeschrittene Form der Guttenberg-Galaxis ist natürlich noch utopisch. Doch es lohnt sich, mit Brecht darüber nachzudenken, „warum sie utopisch ist“.

5 Kommentare »

  • Feliks_Dzerzhinsky schrieb:

    Richtig, Dr. Guttenberg wollte eine verdichtete Zusammenfassung des Forschungsstandes geben. Anführungszeichen stören den Lesefluss, daher:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Bei der Solidarisierung mit KT wäre ich als Tschekist aber eher zurückhaltend, denn historisch stammt Guttenbergs Enteignungsbegriff – ob’s nun um Informationen geht oder um Grund&Boden – wohl doch eher aus vor-marxistischen Zeiten…

  • Walter Koenig schrieb:

    Habe gelesen im Duden wird der Eintrag “Ein Plagiat” In “Ein Guttenberg” geändert. Stimmt das ?

  • Elke schrieb:

    Das Ganze ist wirklich befremdlich. Am Erschreckensten ist die Intellektuellenfeindschaft, die sich in den (angeblich?) gestiegenen Popularitätswerten von Dr.No zeigt.
    Danke aber für den schönen Artikel!

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Na noch schneller dürfte es wohl eine neue Redewendung schaffen: “den Guttenberg machen” ersetzt ja an Uni & Schule bereits “Plagiieren” bzw. “abschreiben”.