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„Deutsche Buchbranche droht, die Digitalisierung zu verschlafen“: Neue Studie zum E-Book-Markt warnt vor Amazon, Google & Co.

18 Nov 2010

weckruf-ebook-studie-pricewaterhouse-cooper E-Books werden sich auch in Deutschland durchsetzen, nur deutlich langsamer als in den USA oder Großbritannien – so eine aktuelle Studie von PriceWaterhouse Coopers (PwC). Der „Tipping-Point“ für den E-Reader-Markt könnte dem Beratungsunternehmen zufolge aber bald kommen – eine halbe Million verkaufte Lesegeräte werden bis zum Ende 2011 erwartet. Doch hohe Preise und ein mangelhaftes Angebot wirken als E-Book-Bremse. Die Studie ist ein Warnschuss für Verlage und Buchhändler – wenn sie nicht stärker auf Konsumentenwünsche eingehen, drohen sie dieses Segment an Global Player wie Amazon, Google oder Apple zu verlieren.

E-Reader-Käufer auf der Suche nach Argumenten

„Die deutsche Buchbranche droht, die Digitalisierung zu verschlafen“, warnt Werner Ballhaus, Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC. Vielleicht hat man die aktuelle Studie des Beratungsnunternehmens zum Thema E-Buchhhandel ja auch deswegen im Titel mit einem Fragezeichen versehen: „E-Books in Deutschland: Der Beginn einer neuen Gutenberg-Ära?“ Die Ergebnisse stützen sich neben einer allgemeinen Marktanalyse & Experteninterviews auf Konsumentenbefragungen – es geht also um belastbare Daten. Bereits beim E-Reader-Bestand in den Händen deutscher LeserInnen klingen die Zahlen ernüchternd – es sollen nicht mehr als 50- 80.000 Geräte sein. Doch bisher war das Angebot an E-Books offenbar so schlecht, dass man viele potentielle Käufer nicht überzeugen konnte. Es gebe zwar, so PwC, „mehr als 100.000 Titel in digitaler Form, das entspricht etwa acht Prozent aller lieferbaren Bücher“. Die meisten davon liegen allerdings nur im PDF-Format vor – „im offenen ePUB-Format, das von verschiedenen Readern wiedergegeben werden kann, gibt es nur rund 8.000 Titel“.

Scannen plus Filesharing: Kunden machen sich die E-Books selbst

Die Verlage müssten deswegen dazu übergehen, „sämtliche Neuerscheinungen nicht nur gedruckt, sondern auch digital zu veröffentlichen und ihre Backlist zu digitalisieren“, so Christina Müller, die Autorin der Studie, gegenüber Buchreport. Die Attraktivität digitaler Bücher stehe und falle mit dem verfügbaren Angebot. Genauso natürlich mit dem Preis: Zwar gaben immerhin 14 Prozent der 1.000 Befragten an, im vergangenen Jahr mindestens ein E-Book gekauft zu haben – der Durchschnittspreis lag jedoch nur bei sechs Euro. Die Durchschnittspreise liegen allerdings zwischen 9 und 15 Euro – je nachdem, ob es bereits eine Taschenbuch ausgabe gibt oder nur ein Hardcover. Oft gibt’s allerdings überhaupt keine E-Book-Version – immer mehr LeserInnen machen sich die elektronischen Versionen dann einfach selbst und stellen sie zum Download ins Internet. „Wir haben festgestellt, dass ein Großteil der Bücher auch dann auf den einschlägigen File-Sharing-Seiten heruntergeladen werden kann, wenn es sie als E-Book offiziell noch gar nicht gibt.“ Doch bei PwC geht man wohl davon aus, das die Gesamtsituation sich in den nächsten Jahren rasch verbessern wird. Für das Jahr 2015 wird nämlich allein im Bereich Belletristik ein E-Book-Umsatz von 350 Millionen Euro prognostiziert (zur Zeit: 20 Mio. Euro), was einem Marktanteil von 6,3 Prozent entspricht.

Tablet-PCs werden den E-Book-Markt auch weiter beeinflussen

Doch bis dahin gibt’s noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Ein besonderes Problem ist offenbar die konservative Einstellung vieler LeserInnen: „Noch ist hierzulande das ‚haptische Erlebnis‘ ausgesprochen wichtig“, heißt es bei PwC, E-Reader würden deswegen „trotz scharfer und kontrastreicher Bildschirme nicht als gleichwertige Alternative zum gedruckten Buch akzeptiert“. Konsumentenbefragungen haben außerdem ergeben, dass viele Kunden mit den Begriffen E-Book und E-Reader noch nicht viel anfangen können – nur 50 Prozent kennen elektronische Bücher, nur zwanzig Prozent können sich unter elektronischen Lesegeräten etwas vorstellen. Ganz anders sieht es bei den technikaffineren jüngeren LeserInnen aus. Mit schwarz-weißem E-Ink allein wird man sie in Zukunft nicht mehr locken können. „Die E-Reader müssen leicht bedienbar sein, über einen Internetzugang und eine integrierte Shoplösung verfügen und mit einem besseren Bildschirm (Farbdisplay) ausgestattet werden“, so Christina Müller gegenüber Buchreport. Eine wichtige Rolle werden deshalb in Zukunft beim elektronischen Lesen auch hierzulande Tablets spielen – bis 2015 soll bereits jeder siebte Deutsche eins besitzen.