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„Abschreiben per Hand ist keine Lösung“: Open Access bleibt Utopie – doch die Wissenschaft braucht ein besseres Urheberrecht

27 Sep 2010 Ansgar Warner 6 Kommentare

urheberrecht-dritter-korb-e-book-e-journal-open-accessFreien Zugang zum Wissen fordert die Open Access-Bewegung, und hat gute Argumente. Denn Content im Wissenschaftsbetrieb wird zumeist mit öffentlichen Mitteln finanziert. Für die großen Verlage versprechen E-Journals und E-Books in Academia dagegen vor allem eins: Big Money. Höchste Zeit für die geplante Urheberrechtsreform für den Wissenschaftsbetrieb („Dritter Korb“) – denn an den Universitäten ist das elektronische Lesen längst zum Alltag geworden.

Digitaler Überfluss und künstliche Verknappung

Gerade in Prüfungszeiten ist Literatur in der Unibibliothek so knapp wie Tangas – zumindest gedruckte Bücher. Elektronische Kopien kann man dagegen in unbegrenzter Zahl zur Verfügung stellen, zumindest theoretisch. „Informationen können digital problemlos weitergegeben werden, in der Praxis wird das allerdings in den meisten Fällen unterbunden“, so Matthias Spielkamp vom irights.info-Projekt. Wie wenig Spielraum das deutsche Urheberrecht den Universitätsbibliotheken lässt, zeigt das Beispiel der TU Darmstadt. Dort hatten die Bibliothekare begehrte Standardwerke eingescannt. So etwa die „Einführung in die Neuere Geschichte“ des Historikers Winfried Schulze. An Terminals im Lesesaal konnten die Studenten dann den elektronischen Schulze lesen, und sich Ausdrucke machen oder Kopien auf USB-Sticks laden. Dabei berief man sich auf einen Paragrafen im Urheberrechtsgesetz, der es erlaubt, wissenschaftliche Werke „an elektronischen Leseplätzen zur Forschung und für private Studien zugänglich zu machen“.

Die Bibliothek als akademische Pirate-Bay?

Schulzes Verlag fand das nicht lustig. Wurde da die Uni-Bibliothek nicht zur akademischen Pirate-Bay? Die Sache ging vor Gericht, und endete mit einem salomonischen Urteil. Die Terminals seien grundsätzlich erlaubt, befanden die Richter, das Ausdrucken oder Downloaden jedoch nicht. Für Bibliotheksdirektor Hans-Georg Nolte-Fischer ist das kaum akzeptabel: „So macht wissenschaftliches Arbeiten keinen Sinn – dazu gehört schließlich, dass man die Ergebnisse schwarz auf weiß nach Hause tragen kann.“ Mangels technischer Möglichkeiten hätte man in Darmstadt per Hand vom Bildschirm abschreiben müssen. „Wir haben uns entschieden, das Angebot vorerst wieder abzuschalten“, so Nolte-Fischer.

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Alle warten auf den „Dritten Korb“

Genauer gesagt, bis zu einer Reform des Urheberrechts. Denn im Wissenschaftsbereich steht eine Anpassung deutscher Gesetze an eine 2001 erlassene EU-Richtlinie zu Copyright & Co an. Mit dem sogenannten „Ersten Korb“ regelte Rot-Grün 2003 die Online-Nutzung, digitalen Kopienversand oder das sogenannte „Digital Rights Management“. Schwarz-Rot schuf 2008 mit dem „Zweiten Korb“ Regelungen zu Downloads aus Internet-Tauschbörsen, und die Anpassung des Rechts auf Privatkopien. Nun darf sich mit dem „Dritten Korb“ Schwarz-Gelb in den Paragrafen des Urheberrechts verewigen – etwa mit verbesserten Regelungen für das wissenschaftliche Arbeiten im digitalen Zeitalter. Schon bisher profitierte die Alma Mater im „analogen“ Bereich von „Schrankenregelungen“. Sie erlauben es etwa, dass Bibliotheken Bücher ohne die Einwilligung des Verfassers verleihen dürfen. Einer „Schrankenregelung“ des Urheberrechts ist es auch zu verdanken, dass man private Papierkopien von Aufsätzen oder Teilen von Büchern herstellen darf.

“Das Geschäftsmodell im Wissenschaftsbetrieb ist anders“

In anderen Bereichen ist das Recht auf Privatkopien noch immer heiß umstritten – die Musikbranche bezichtigt notorische „Raubkopierer“ sogar als „Verbrecher“. Vor allem die Künstler selbst würden durch Verstöße gegen das Urheberrecht in ihrer Existenz bedroht. Ähnlich argumentieren jetzt offenbar die Wissenschaftsverlage. „Das Geschäftsmodell im Wissenschaftsbetrieb ist aber völlig anders“, widerspricht Matthias Spielkamp von irights.info solchen Vergleichen. „Es geht in den meisten Fällen für die Autoren nicht darum, über Content Geld zu verdienen. Die meisten Wissenschaftsautoren publizieren die Ergebnisse ihrer Arbeit im Rahmen einer staatlich finanzierten Forschungstätigkeit.“ Die Befürworter der „Open Access“-Strategie fordern deswegen einen freien Zugang zu wissenschaftlichen Informationen über das Internet. Um das zu ermöglichen, könnte man etwa Autoren das unabdingbare Recht zur Zweitverwertung zusprechen. Bisher sind Urheber gerade in den Naturwissenschaften in einer Zwickmühle. Wollen sie in namhaften Zeitschriften wie „Science“ oder „Nature“ veröffentlichen, müssen sie sämtliche Rechte abtreten. Veröffentlichen sie dagegen in freien elektronischen Zeitschriften, nimmt sie die Scientific Community nicht für voll.

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“E-Only“-Angebote werden in Bibliotheken zur Regel

Gelesen werden die meisten Artikel und Fachbücher mittlerweile ohnehin auf den Displays von Laptops oder PCs. Die Universitätsbibliothek der TU Darmstadt ist dafür ein gutes Beispiel: „Wir bieten etwa 15.000 elektronische Zeitschriften und mehr als 20.000 E-Books an“, so Hans-Georg Nolte-Fischer. In vielen Fällen sind die Angebote „e-only“, also gar nicht mehr auf Papier verfügbar. Wer online in Datenbanken, elektronischen Zeitschriften oder E-Books recherchieren will, stößt allerdings auf ein Sammelsurium unterschiedlichster Nutzungsbedingungen. Manche Medien darf man nur innerhalb der Bibliotheksräume nutzen, andere sind über eine „Campus-Lizenz“ verfügbar, Ausdrucke oder Downloads sind mal erlaubt, mal verboten. Die Verlage dürften sich mit einer engen Auslegung des Urheberrechts jedoch ins eigene Fleisch schneiden – denn die befürchtete „Kannibalisierung“ der Gutenberg-Galaxis zugunsten elektronischer Formate bleibt offenbar aus. Das gilt nicht nur für Online-Buchhändler wie Amazon, sondern auch für deutsche Bibliotheken: „Nicht nur die elektronische Nutzung von Inhalten nimmt stark zu. Wir konnten in den letzten Jahren auch eine Verdopplung der Buchausleihen verzeichnen“, so Nolte-Fischer.

Autor&Copyright: Ansgar Warner
Fotos: Sven Werk

(Eine leicht gekürzte Fassung dieses Artikels ist in der taz vom 25.09.2010 erschienen)

6 Kommentare »

  • Susanne Göttker schrieb:

    Bei aller der Würze geschuldeten Kürze und damit einhergehenden Verallgemeinerung erscheint es mir doch wichtig, darauf hinzuweisen, dass es die Wissenschaft selbst ist, die es in der Hand hat, ob Open Access eine Utopie bleibt oder nicht. Selbst die von Ihnen genannten Zeitschriften “Science” und “Nature” gestatten das Ablegen der Artikel in Repositorien. Zwar erst 6 Monate nach ihrem Erscheinen, was natürlich nicht optimal ist. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, den allerdings der Wissenschaftler selbst tun muss.
    In der Nature Gruppe erscheinen zehn Zeitschriften, in denen Open Access publiziert werden kann. Die Aussage “Wollen sie in namhaften Zeitschriften wie “Science” oder “Nature” veröffentlichen, müssen sie sämtliche Rechte abtreten. Veröffentlichen sie dagegen in freien elektronischen Zeitschriften, nimmt sie die Scientific Community nicht für voll.” ist also nicht förderlich, um aus einer Utopie Realität werden zu lassen. Schon allein weil es mittlerweile genügend Möglichkeiten für einen Autoren gibt, seinen Artikel in einer qualitativ hochwertigen und angesehenen Zeitschrift und/oder in einem Repositorium frei zugänglich zu machen. Wenn er es denn will. Und genau daran und (fast) nichts anderem liegt es, ob Open Access eine Utopie bleibt oder eben nicht.

  • Wenke Richter schrieb:

    Der Artikel faßt noch einmal den Stand der Dinge zusammen. Nur habe ich mich während des Lesens gefragt, wann denn nun eine Erklärung zur Überschrift kommt, genauer zum Stichwort “Utopie”. Utopie beizeichnet ja einen Wunschzustand, jedoch gibt es Open Access in verschiedenster Form schon seit Jahren. Es ist eben kein Wunschzustand, sondern schon Realität. Anders ausgedrückt: die Überschrift ist meiner Meinung nach reißerisch gestaltet und verwirrt daher.

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Naja, freien Zugang zu ALLEN wissenschaftlichen Informationen gibt’s aber noch nicht, oder? Das ist ja die Utopie, mit der Open Access angetreten ist. Wenn man sich aktuelle Zahlen für 2010 anschaut, sind nur etwa 30 Prozent aller wissenschaftlichen Artikel, die im Peer-Review-Verfahren erschienen sind, auch uneingeschränkt online verfügbar. Open Access funktioniert zwar grundsätzlich, ist aber leider noch kein universell einklagbares Recht, sondern eine politische Forderung, die bisher nur zum Teil verwirklicht werden konnte. Deswegen ist ja der “Dritte Korb” der Urheberrechts-Reform auch so wichtig, z.B. beim Thema Zweitverwertung…

  • Matthias Ulmer schrieb:

    Ich stolpere über Herrn Nolte-Fischers Statement zum Thema Kannibalisierung von Print durch Digital. Sie schreiben:

    “Die Verlage dürften sich mit einer engen Auslegung des Urheberrechts jedoch ins eigene Fleisch schneiden – denn die befürchtete „Kannibalisierung“ der Gutenberg-Galaxis zugunsten elektronischer Formate bleibt offenbar aus. Das gilt nicht nur für Online-Buchhändler wie Amazon, sondern auch für deutsche Bibliotheken: „Nicht nur die elektronische Nutzung von Inhalten nimmt stark zu. Wir konnten in den letzten Jahren auch eine Verdopplung der Buchausleihen verzeichnen“, so Nolte-Fischer.”

    Wenn ich die Bibliotheksstatistik richtig lese, dann gilt für die Universitätsbibliotheken in Baden-Württemberg etwa, dass die Erwerbungsetats Print von 2006 bis 2009 auf 90% gesunken sind während die Erwerbungsetats Elektronisch im gleichen Zeitraum auf 240% anstiegen. Richtig ist, dass die Nutzungszahlen auch bei Print steigen. Das ändert aber nichts daran, dass die Anschaffungen trotz steigender Nutzer zurückgefahren werden, um Gelder aus Print in Elektronik umzuschichten.

    Für eine Bewertung des Kannibalisierungseffekts sind also die Nutzerzahlen letztlich irrelevant. Einzig das Anschaffungsverhalten ist entscheidend.

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Lieber Herr Hirsch (alias Dr. Sprang, Justitiar des Börsenvereins, wie ich vermute!?),

    natürlich gibt der Artikel die ganze Angelegenheit verkürzt wieder, denn je tiefer man in die Materie eindringt, desto komplexer – und ambivalenter – wird die ganze Sache. Auch Ihre Bemerkung ist ja wiederum eine verkürzte Darstellung eines längeren Rechtsstreits, der über mehrere Instanzen ging. War denn als das besagte Lehrbuch (der “Schulze”) tatsächlich bereits als E-Book verfügbar, als die Darmstädter Bibliothekare vor zwei, drei Jahren erstmals den Scanner angeworfen haben und der Verlag die erste Klageschrift einreichte? Im übrigen denke ich, dass man abweichende Meinungen/Interpretationen zum Thema Urheberrecht nicht so einfach mit “Recherchemängeln” gleichsetzen darf.

    Beste Grüße,

    Ansgar Warner

    PS: Danke auch für Ihren Voicemail-Nachricht, ich hätte Ihren Kommentar normalerweise sofort freigeschaltet, Sie haben nun aber ausgerechnet die drei, vier Tage pro Jahr erwischt, die ich mal wirklich offline verbringen wollte. Aber darauf gibt’s ja wohl leider bisher keinen Rechtsanspruch :-)

  • Großer Hirsch schrieb:

    Dem Artikel hätte die Erwähnung der Tatsache gut getan, dass der Bibliothek Darmstadt für kleines Geld vom Verlag eine Campus-Lizenz für die E-Book-Ausgabe des Schulze-Lehrbuchs angeboten worden war. Gestritten wurde/wird also nicht darum, ob Inhalte digital dem Leser angeboten werden sollen oder ob er sie abschreiben muss, sondern ob eine Bibliothek selbstherrlich ein “dummes” pdf anstelle einer von Autor und Verlag angebotenen “intelligenten” Digitalfassung setzen kann.

    Wegen dieser und anderer gravierender Recherchemängel verfehlt der Beitrag leider sein Thema, schade!